Meinung

Meinung & Kolumnen – Jean-Martin Büttner über Gesellschaft & Kultur

Hakenkreuz über dem Times Square

Netflix zeigt eine Verfilmung des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Seine Dystopie über faschistische USA wirkt beklemmend aktuell.

Die USA im Jahr 1962, das Land hat seine Freiheit verloren. In den Vierzigerjahren haben die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Washington wurde durch eine deutsche Atombombe vernichtet, die Wehrmacht hält die US-amerikanische Ostküste besetzt, die SS macht Jagd auf Dissidenten, Schwarze und Juden. Auf dem Times Square hängt das Hakenkreuz unter dem Auschwitz-Slogan «Arbeit macht frei». Adolf Hitler lebt, wenn auch an Syphilis erkrankt. Die Westküste der USA wird vom japanischen Kaiserreich kontrolliert, das im Weltkrieg mit den Nationalsozialisten paktierte und seither einen misstrauischen Frieden mit ihnen wahrt.

Eine neutrale Zone in den Rocky Mountains trennt die beiden Siegermächte; Dissidente und andere Verfolgte halten sich dort auf. Die Widerstandskämpfer tauschen verbotene Filme aus, die in aufwendig gedrehten Wochenschauen behaupten, in Wirklichkeit hätten die Alliierten unter Churchill, Eisenhower und Stalin den Krieg gewonnen. Diese Filme werden einem geheimnisvollen Mann der Berge zugeschrieben, auf den Japan und Nazideutschland fieberhaft Jagd machen. Die beiden Regimes können aber nicht verhindern, dass die Kunde dieser alternativen Realität immer mehr Menschen in Amerika erreicht.

So weit die amerikanische Dystopie, die ab 2015 als vierteilige Serie bei Amazon Prime erschienen und seit letzter Woche auf Netflix verfügbar ist. Die komplex erzählte, visuell betörende Serie orientiert sich an «The Man in the High Castle», dem bekanntesten Buch von Philip K. Dick (1928–1982).

Der Kalifornier schrieb in seinem kurzen Leben 45 Romane und über 120 Kurzgeschichten, welche die jeweilige Realität hinterfragten und die Zukunft als Folge von Albträumen inszenierten. Heute wird Dick als Visionär der Science-Fiction gefeiert. Von keinem Science-Fiction-Autor sind so viele Romane und Kurzgeschichten so erfolgreich verfilmt worden. Zu den bekanntesten Verfilmungen gehören «Blade Runner» (1982), «Total Recall» (1990) und «Minority Report» (2002).

Wer war dieser Dick, der solche Dystopien erfand und Helden schuf, die in mehreren Wirklichkeiten lebten? Manche Episoden seiner Biografie deuten darauf hin, dass der Schriftsteller an Wahnvorstellungen litt. Er selber bezeichnete sie als «göttliches Irresein», seine Zeitgenossen empfanden sie als psychotische Dekompensationen.

Dick lebte unter Stress, drogeninduzierter Paranoia, einer labilen Identität und den Folgen eines Suizidversuchs. Dass er trotz seiner Psychose in der Lage war, seine Halluzinationen zu Romanen zu verdichten, macht ihn als Autor einzigartig.

Aber nicht einmal ein Fantast wie Dick hätte sich vorstellen können, dass Realität und paralleles Universum je so bruchlos fusionieren würden. Genau das geschah aber am 22. Januar 2017, als eine Beraterin von Präsident Donald Trump der Presse die Existenz von «alternativen Fakten» präsentierte. Kellyanne Conway rechtfertigte damit die Behauptung ihres Pressesprechers, es seien mehr Leute zu Trumps Amtseinführung angereist als acht Jahre zuvor bei Barack Obama. Und das, obwohl Helikopteraufnahmen über Washington das Gegenteil belegten.

Donald Trump popularisierte in der Folge einen weiteren Begriff, welcher die Realität relativierte, in diesem Fall die seiner Gegner: Er nannte ihre Behauptungen «fake news». Gemäss seiner eigenen Wahrheitsführung hat Trump den Ukrainekrieg in einem Tag beendet und weitere neun Kriege befriedet, wurde 2020 um seine Wiederwahl gebracht, soll über seine beiden Amtszeiten heraus im Amt bleiben, darf zu Recht Grönland, den Panamakanal und Kanada annektieren, kämpft erfolgreich gegen terroristische Immigranten im Landesinneren und wird als der erfolgreichste Präsident Amerikas in die Geschichte eingehen. Schon deshalb hat er den Friedensnobelpreis verdient, den ihm eine Koalition internationaler Gutmenschen verwehrt. All das ist wahr, denn kein Geringerer hat es im Laufe der letzten Jahre verkündet als der amerikanische Präsident. Wir können die Verfilmung kaum erwarten.

The Man in the High Castle: Auf Netflix.

Bieler Tagblatt
26.03.2026

Marianne Faithfulls letzter Live-Auftritt

Der Film «Broken English» ist benannt nach ihrem grössten Hit und erzählt das zerrissene Leben der verstorbenen Musikerin

Die Idee war ursprünglich, Marianne Faithfulls bewegtes Leben in neuem Licht zu zeigen. Trotzdem reiht «Broken English», der Dokumentarfilm von Jane Pollard und Iain Forsyth, zunächst die bekannten Fakten und Klischees auf. So wird erzählt, wie die adlige Tochter in einem Kloster erzogen und später vom gerissenen Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham als Schönheit entdeckt und als Musikerin lanciert wurde. Als Sängerin und Schauspielerin wurde sie zur Geliebten von Mick Jagger. Irgendwann gab es auch einen Sexskandal. Später kämpfte die Sängerin während Jahrzehnten mit Heroinsucht und Alkoholismus, zeitweise soll sie auf der Strasse gelebt haben.

Für ein künstlerisches Comeback sorgte Marianne Faithfull mit dem Album «Broken English» von 1979. Auf den Drogenentzug folgten weitere erfolgreiche Plattenproduktionen und Tourneen. Schliesslich, nach langjährigen Nieren- und Lebererkrankungen, starb sie 78-jährig am 30. Januar 2025.

Als würde all das Biografische für eine Dokumentation nicht ausreichen, haben die Regisseure ihren Film, an dem sie 2021 zu arbeiten begonnen hatten, in eine gekünstelte Rahmenhandlung gepresst. Und als Parodie von George Orwell haben sie ein «Ministerium der Erinnerung» erfunden, in dem die Schauspielerin Tilda Swinton das Leben der englischen Diva zu ergründen versuchte; deshalb haben sie den jungen Kollegen George MacKay zum Gespräch zu Faithfull geschickt. Die Befragte sass ihm damals mit einer Sauerstoff-Nasensonde gegenüber, von ihrer Covid-Erkrankung sichtlich gezeichnet. Dennoch wirkte sie heiter und gelassen.

Man nimmt diese Erzählkonstruktion hin, weil Marianne Faithfull den Film mit ihrer schieren Präsenz, ihrem Humor und ihrer Intelligenz überstrahlt. Und weil die Anlage des Films es ihr ermöglicht, Aufnahmen aus ihrer Vergangenheit zu kommentieren. Wir sehen die Sängerin als junge blonde Schönheit und erfahren von ihr, wie naiv sie damals war. Sie sei als ein Mädchen behandelt worden, «das weder singen noch schreiben kann» und das man dann «zu etwas anderem formen» wollte. Dabei war sie zu jener Zeit bereits mit dem Galeristen John Dunbar verheiratet und hatte mit ihm einen Sohn.

Später stiess Marianne Faithfull auf Bob Dylan, der sie eine Nacht lang vergeblich zu verführen suchte, während sie nur mit ihm reden wollte. Er rächte sich mit der letzten Strophe seines manisch surrealistischen Songs «Tombstone Blues», in dem er ihr höhnisch zurief: «I wish I could write you a melody so plain / That could hold you dear lady from going insane / That can ease you, cool you, and cease the pain / Of your useless and pointless knowledge»: Er wünsche eine Melodie für sie zu schreiben, sang er mit seiner Rasiermesser-Stimme, die sie vor dem Wahnsinn rette und vor den Schmerzen ihres nutzlosen Wissens. Das klang gemein, erwies sich aber als prognostisch, wie Faithfulls abschüssiges Leben bestätigen sollte.

Im Film ist Marianne Faithfull auch zusammen mit Mick Jagger zu sehen, mit Keith Richards und dem todgeweihten Brian Jones, der schon damals, Mitte der Sechziger, mit einem Drogenproblem kämpfte. Mit Mick Jagger ging Marianne Faithfull eine vierjährige, stürmische und schmerzhafte Liebesbeziehung ein, an deren Ende sie eine Fehlgeburt erlitt und einen Suizidversuch unternahm. Obwohl die Beziehung wenig später zerbrach, hatte Faithfull ähnlich viel Einfluss auf die Stones genommen wie Anita Pallenberg, die sich mit Jones und Jagger einliess und Keith Richards Suchtpartnerin wurde.

Es war beispielsweise Marianne Faithfull, die Mick Jagger den satirischen Roman «Der Meister und Margarita» von Michail Bulgakow geschenkt hatte, der ihn zum Song «Sympathy for the Devil» inspirierte. Und «Wild Horses» ist eine Hymne auf Marianne Faithfull als Muse. Später schrieb Faithfull den Text zum Heroin-Song «Sister Morphine». Die Stones vertonten ihn auf ihrem Album «Sticky Fingers» mitreissend mit Ry Cooder an der Slide-Gitarre. Dagegen wurde ihre Aufnahme des Songs nach wenigen Tagen vom Markt genommen. «Wenn ein Mann Drogen nimmt, macht ihn das verwegen», sagt Faithfull dazu im Film; «wenn eine Frau Drogen nimmt, gilt sie als Schlampe und schlechte Mutter.»

Die Künstlerin musste sich im Lauf ihrer Karriere viele Demütigungen gefallen lassen. Etwa als die Polizei Keith Richards’ Landhaus stürmte, in dem er zusammen mit Jagger, Faithfull und anderen Freunden gerade von einem LSD-Trip herunterkam. Die aggressive britische Boulevardpresse konzentrierte sich in ihren Schlagzeilen aber auf «die nackte Frau unter dem Pelzmantel».

Wie der Film zeigt, hatte Faithfull diese Art von journalistischer Erregung während Jahren zu erdulden – insbesondere von Fernsehmännern, deren Fragen stets von Misogynie durchdrungen waren. Souverän ihre Reaktion auch hier: «Trotz diesen idiotischen Leuten mit ihren idiotischen Fragen hatte ich ein ziemlich schönes Leben», sagt sie im Film: «So fuck them!»

Bevor ihr Leben schön wurde, hatte die toughe Frau allerdings die Hölle der Drogensucht zu überstehen. Mit 19 sei sie süchtig geworden, sagt sie. Und die nächsten 23 Jahre blieb sie abhängig. Mit dem Album «Broken English» von 1979 kehrte Faithfull dann als Sängerin zurück und intonierte die neuen Songs mit einer tief gewordenen, von den Drogen strapazierten Stimme. «Broken English» ist ein grosses Werk der Verzweiflung, der Trauer und des Hasses, dessen Radikalität bis heute nachklingt.

Von der Sucht befreit, brachte sie später mehrere gute und einige belanglose Platten heraus, sie interpretierte eigene Lieder sowie Titel von Songschreibern wie Nick Cave, Jarvis Cocker, Beck oder PJ Harvey. Wer Marianne Faithfull im Interview oder an Konzerten sah, erlebte sie nicht nur als Musikerin, sondern als eindrückliche Persönlichkeit. Unvergessen ihre Reaktion bei einem Auftritt in Basel, als ein betrunkener Fan hinten im Saal nach jedem ihrer Songs «Broken English» grölte. «Du wirst bekommen, was du willst», gab sie mit schneidender Stimme zurück. «But this is my show.» Darauf war Ruhe.

Der Dokumentarfilm verhalf Marianne Faithfull zu ihrem letzten Live-Auftritt: Zusammen mit Nick Cave und Warren Ellis gab sie eine bewegende Version von «Misunderstanding» zum Besten, einem Lied, das 2018 auf ihrem letzten Album «Negative Capability» erschienen ist. Der Titel fasst die Reaktionen auf ihr Leben und ihre Musik zusammen. Marianne Faithfull wurde missverstanden – und nie ganz ernst genommen.

Jane Pollard und Iain Forsyth: «Broken English». GB 2025, 96 Minuten. Im Kino.

Neue Zürcher Zeitung
26.02.2026

Alle sind sie auf Donald Trump fixiert

US-Komiker teilen immer härter gegen den Präsidenten aus – und stärken damit seine mediale Präsenz

Jon Stewart, der die satirische News-Sendung «The Daily Show» mitmoderiert, ist ein Star des Genres. Er verbreitet Humor, Frechheit und politisches Engagement mit Leidenschaft. Der 62-Jährige kam als Jonathan Stuart Leibowitz in New York zur Welt, studierte Philosophie und Psychologie und versuchte sich, nachdem er seine Schüchternheit überwunden hatte, in seiner Heimatstadt als Stand-up-Komiker. Seither hat er mehrere Shows lanciert, Bücher geschrieben und zweimal die Oscars moderiert. Für sein komisches Talent wurde er mit zahlreichen Preisen behängt. Und natürlich karikiert der Komiker ohne Unterlass seinen Präsidenten.

Stewarts Humor ergibt sich aus einer Kombination von paradoxer Kommunikation, ins Groteske ragender Übertreibung und gespielter Überraschung. Wobei er nicht so sehr redet als vielmehr schreit. Jeder Satz endet bei John Stewart mit einem Ausrufezeichen.

Dabei profitieren er und andere amerikanische Comedians von der Skurrilität der Auftritte von Donald Trump, seiner Fans in der republikanischen Partei und der Meinungsmacher bei Fox News. Dazu gehört, dass seine Fans Trump wie einen König Amerikas verehren bis hin zu einer christusähnlichen Heilsfigur, die Wunder vollbringt. Auch Trumps falsche oder übertriebene Behauptungen laden zur Satire ein. Etwa dass er sieben Kriege beendet habe; dass in den demokratisch geführten Städten wie Portland oder Chicago die Gewalt explodiere; oder dass, wie er sich kürzlich im Gespräch mit Journalisten beklagte, «97 Prozent der Networks als Abteilung der Demokraten funktionieren»; das habe er irgendwo gelesen, sagte Trump zur Begründung.

Und was seiner Meinung nach für die Fernsehstationen und ihre Journalisten gilt, vermutet er erst recht bei den Komikerinnen und Komikern, die darin auftreten. Der Präsident hat schon mehrfach gedroht, gegen die Besitzer von Stationen vorzugehen, deren Comedy-Sendungen ihm missfallen. Und da eine grosse Zahl der Komikerinnen und Komiker gegen ihn eingestellt sind, gäbe es eine Menge zu verbieten. Selbst die geistreiche Website «The Babylon Bee», die christlich konservativ ausgerichtet ist, macht sich über den Präsidenten lustig. Und über sich selbst.

Um missliebige Sendungen zu bekämpfen, gehen Donald Trump und seine Leute genau so vor, wie es Bob Woodward und Carl Bernstein getan haben, deren Recherchen zum Rücktritt von Präsident Richard Nixon geführt hatten: Sie folgen der Spur des Geldes. Darum droht Trump den Besitzern der jeweiligen Fernsehstationen, ihre wirtschaftlichen Absichten zu behindern und zum Beispiel Fusionen zu blockieren.

Der Medienkonzern Disney hat diesen Druck auf seine Expansionspläne bereits zu spüren bekommen und die Sendung mit dem beliebten Komiker Jimmy Kimmel vorübergehend abgesetzt. CBS wiederum kündigte an, im Mai 2026 die Show des Late-Night-Stars Stephen Colbert ersatzlos zu streichen, und installierte einen konservativen Ombudsmann. Seit Colbert nichts mehr zu verlieren hat, teilt er immer verbissener aus. Besonders arbeitet sich der TV-Host derzeit an Trumps Plan ab, das Weisse Haus um einen Ballsaal zu erweitern: «Sie erinnern sich vielleicht, dass Donald Trump den Ostflügel des Weissen Hauses zerstört hat, um eine gewaltige Kompensation für seinen seltsamen winzigen Penis zu erbauen.» Das ist, für einen Komiker seines Formats, eine seltsam winzige Pointe.

Mehrere Comedians, vor allem jüngere Afroamerikaner, sind ins Internet ausgewichen, wo ihnen kein Konzern dreinreden kann. Dass auch manche Komiker der Spur des Geldes folgen, machte sich das Regime von Saudiarabien zunutze. Mit Gagen zwischen 150 000 und 1,6 Millionen Dollar pro Auftritt brachte es so berühmte amerikanische Comedians wie Dave Chappelle, Bill Bur, Louis C. K. und andere unlängst dazu, an einem Comedy-Festival in der saudischen Hauptstadt Riad Humor zu verbreiten. Obwohl es in dem Land eine Menge Komiker gibt, durfte keiner von ihnen an diesem Festival teilnehmen. Und wer von den Amerikanern auftrat, sagte nichts, was dem Regime hätte missfallen können.

Den Eingeladenen war es laut den Vertragsbestimmungen verboten, Witze über das Königreich Saudiarabien, das saudische Rechtssystem oder die religiöse Tradition des Landes zu machen. Was das im konkreten Fall bedeutete, bekam der Komiker Tim Dillon zu spüren. Er war für eine Gage von 375 000 Dollar aufgeboten worden, «um wegzusehen», wie er selbst einräumte. Weil er aber vor dem Festival einen Witz über Zwangsarbeit in Saudiarabien gemacht hatte, wurde er von den Veranstaltern ausgeladen. Die anderen Komiker kassierten für ihre Teilnahme einen Shitstorm, wobei sich nur wenige entschuldigten. Ihre Gagen mochten sie über die Kritik hinweggetröstet haben; follow the money.

Dass Komiker selbst in Amerika unter wachsenden Druck geraten, musste auch die Karikaturistin Anna Telnaes erleben, die über zwei Jahrzehnte lang für die «Washington Post» gezeichnet hatte und für ihre Arbeit zweimal mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, der höchsten journalistischen Auszeichnung in den USA. Als sie sich in einer Karikatur über Jeff Bezos lustig machte, liess dieser deren Veröffentlichung verhindern, worauf Telnaes auf der Stelle kündigte. «Ich will bloss meinen Job machen», sagte sie bei einem Auftritt in Genf.

Muss man sich in Amerika Sorgen machen um das Recht auf freie Meinungsäusserung? Zwar wird es im ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung garantiert. Dieser untersagt es dem Kongress, die Freiheit von Religion, Presse, Versammlung oder Petition seiner Bürger einzuschränken. Und auch Donald Trump hat als Präsident einen Eid auf die amerikanische Verfassung abgelegt und damit versprochen, sie zu bewahren, zu beschützen und zu verteidigen. Doch seine erratische Amtsführung zeigt das Gegenteil. Donald Trump hetzt das FBI auf seine Gegner, droht demokratisch geführten Städten mit militärischen Einsätzen, begünstigt sich und seine Leute milliardenfach und versucht auf die Entscheide des Obersten Gerichts Einfluss zu nehmen.

Die Reaktion des Präsidenten auf den Spott amerikanischer Komiker ist so offensiv, dass sie weit über die narzisstische Kränkbarkeit eines Politikers hinausgeht. Denn die amerikanischen Comedians haben für viele Zuschauer die Funktion von Nachrichtenleuten. Ihr Publikum schaut sich satirische Sendungen an, um sich über die tägliche Aktualität zu informieren. Damit erreichen die Komiker eine Definitionsmacht, die weit über ihren direkten Einfluss hinausreicht. Das belegt ausgerechnet die Suspendierung von Jimmy Kimmel durch den Disney-Konzern. Die öffentliche Kritik fiel derart heftig aus, dass der Komiker nach einer Woche wieder zurückgeholt wurde.

Nun haben Komiker in den USA noch ein anderes Problem mit ihrem Präsidenten, und dieses Problem ist selbst geschaffen. Sie leiden nämlich am selben Widerspruch wie die Medien: Mit ihrer Dauerkritik verhelfen sie Donald Trump zu einer permanenten medialen Präsenz. Dass Zeitungen wie die «New York Times» oder die «Washington Post» während Trumps erster Amtszeit ihre Auflage deutlich steigern konnten, haben sie vermutlich seiner Prominenz zu verdanken. Oft sind die Bösen, man kennt das vom Film, beim Publikum die Beliebtesten.

Wie sehr amerikanische Komiker auf Trump fixiert sind, belegt «Saturday Night Live» («SNL»). Sie bleibt die wichtigste, seit über fünfzig Jahren wöchentlich ausgestrahlte Satiresendung Amerikas. Dort haben unzählige Schauspielerinnen und Schauspieler in den letzten vierzig Jahren Donald Trump als Unternehmer, Showmaster und Politiker parodiert – und seine Pressesprecherinnen, Berater, Ehefrauen und wer sonst noch zum Tross von Trump gehörte. Sogar er selbst durfte einmal in der Sendung auftreten. Was ihn nicht daran hinderte, als Präsident auf ein Verbot hinzuwirken, von «SNL» porträtiert zu werden. Trump nannte die Sendung in seinem Stakkato-Stil «not funny, cast is terrible, always a complete hit job. Really bad television.» «SNL» sei also nicht lustig, das Ensemble spiele schrecklich, führe einen einzigen Angriffskrieg gegen ihn und produziere richtig schlechtes Fernsehen.

Dass «SNL» mediales Gewicht hat, zeigt sich schon an der Zahl von Komikern und Komikerinnen, welche die Sendung bekannt oder bekannter gemacht hat. Dazu gehören Leute wie Robin Williams, Steve Martin, John Belushi, Dan Aykroyd, Eric Idle, Eddie Murphy, Gilda Radner, Tina Fey, Will Ferrell, Billy Crystal, Adam Sandler, Bill Murray, Chris Farley, Mike Meyers, Dana Carvey, Chris Rock, Chevy Chase und viele andere.

Die Sendung, in der auch bekannte Musikstars und Bands wie Abba, Queen, Frank Zappa oder Taylor Swift auftraten, wurde 1975 in New York vom kanadischen Produzenten Lorne Michaels gegründet, der sie dank seiner Hartnäckigkeit gegen interne Widerstände durchbrachte. Die wenigsten Fernsehmacher konnten sich damals vorstellen, dass eine Satireshow genügend Leute dazu bringen könnte, am späten Samstagabend daheimzubleiben. Heute tun das bis zu fünf Millionen Menschen.

Was die unzähligen Trump-Parodien betrifft, fiel im Lauf der Zeit immer wieder auf, wie angestrengt manche der Sketches und Auftritte wirkten. Selbst Alec Baldwin, dessen Karikatur Donald Trump besonders erzürnte, weil sie dem Schauspieler so gut gelungen war, wirkte mit seinem Übertrumpsein auf die Dauer ermüdend.

Am Ende scheiterte Baldwin am selben Problem, das irgendwann alle ereilt, die sich über Trump und seine Bewunderer lustig machen: Keiner von ihnen bringt es fertig, die Realsatire der Originale zu übertreffen.

Neue Zürcher Zeitung
17.11.2025 00:00