Meinung

Meinung & Kolumnen – Jean-Martin Büttner über Gesellschaft & Kultur

Zürich wird verständlich

Muss die Demokratie neu gedacht werden? Braucht unsere Verfassung eine Untertitelung? Haben wir bald 200 Jahre lang falsch abgestimmt, ohne es zu merken?

Die Sorgen sind nicht unbegründet. Darauf weist eine Zuschrift hin, welche die Stadt Zürich dem Couvert über die kommenden Abstimmungen beigelegt hat. Denn die Stadt ist zum Schluss gekommen, wir zitieren: «Alle Stimmberechtigten sollen ohne Barrieren abstimmen können. Die Abstimmungs-Informationen sollen deshalb für alle Stimmberechtigten verständlich sein.» Weshalb die Stadt ihr Informations-Angebot «mit Texten in leichter Sprache und mit «Erklär-Videos» ergänzt. Die «leichte Sprache» ist grün, die «Erklärungsvideos» sind blau unterlegt, damit wir die beiden nicht verwechseln.

Die Vorlagen in leichter Sprache sind in Hauptsätzen formuliert, wie man sie Kindern überbringt. Und wir lesen:

Aber der Flug-Verkehr hat auch Nachteile.
Die Flugzeuge machen Lärm.
Und sie stossen viele Abgase aus.

Dieser Text sei in leichter Sprache geschrieben, steht über dem Text. Und er sei «rechtlich nicht verbindlich».

So gut man das Bemühen der Stadt findet, ohne Barrieren zum Stimmbürger und zur Stimmbürgerin vorzudringen, so schwer lassen sich ihre sprachlichen Erleichterungen anders lesen als mit einem Gefühl der Entwertung. Unsere Vorlagen sind komplex, signalisieren sie. Die verstehst du von alleine nicht.

Und was heisst das für die Abstimmungen vor der Abstimmung, die im Mai zur Abstimmung kommt? Haben wir vorgängigen Vorlagen zuwenig verstanden und deshalb in Unkenntnis ihrer Absichten abgestimmt?

Je länger man über das Problem nachdenkt, desto stärker kommt ein Gefühl der Irritation auf. Und mit ihm die Frage: Ist denn die Verständlichkeit der Politik in einer direkten Demokratie nicht ein Ziel, sondern die Voraussetzung?

Zum Znacht bei Hitler


Der jüdische Komiker Larry David fantasiert in der «New York Times» einen Empfang bei Adolf Hitler herbei. Darf er das? Und vor allem: Was will er damit sagen?

Vor kurzem überraschte ein Komiker seine Zeitung mit einem Text, den er zur Veröffentlichung einsandte. Der Komiker heisst Larry David und wurde durch seine bösartige Serie «Curb Your Enthusiasm» (Zügeln Sie Ihre Begeisterung) weltbekannt. Und die Zeitung ist die «New York Times».

Patrick Healy, der für ihre Meinungsseite arbeitet, ist sich einiges von Larry David gewohnt. Denn dieser gehört als Komiker der Schule von Kurt Tucholsky an, der einmal fragte und antwortete: «Was darf die Satire? Alles.»

Und doch war der «New York Times»-Redaktor nicht gefasst auf das, was Larry David ihm zuletzt schickte: In seinem Text stellte er sich vor, er sei 1939 von Adolf Hitler in dessen Residenz zum Nachtessen empfangen worden. Und wie heiter, angenehm und geistreich der Abend verlaufen sei. Hitler habe sich sehr für ihn interessiert, schreibt er.

Dann habe er von seinem Hund erzählt, der im Reichstag Durchfall gehabt habe. Und gesagt: «Wenn ich schon Juden, Zigeuner und Homosexuelle töten lassen kann, dann kann ich doch meinen Hund erschiessen.» Das habe für grosse Heiterkeit am Tisch gesorgt, an dem neben Hermann Göring auch Heinrich Himmler, der Duke of Windsor und Leni Riefenstahl gesessen hätten.

Am Schluss des Abends, schreibt David weiter, habe er dem Führer mit dem Hitlergruss salutiert und ihm gesagt: «Obwohl wir in vielen Themen anderer Meinung sind, mein Führer, müssen wir uns deswegen nicht hassen.»

Die «New York Times» hat den Text publiziert, trotz offensichtlicher Bedenken: Wird Hitler damit nicht zur Pointe verharmlost? Gehört es nicht zum rechtsextremen Relativierungsarsenal, die menschliche Seite von Kriegsverbrechern vorzuzeigen? Man könnte auch fragen: Selbst wenn die Satire alles darf: Muss sie denn auch alles sagen?

Zu Davids Hitlerbesuch muss man wissen, dass der Mann nicht nur als Komiker auftritt, sondern als obsessiv jüdischer Komiker. Man kennt die Einwände: Es gibt keinen jüdischen Humor, das ist nichts anderes als ein philosemitisches Klischee und verbreitet damit Antisemitismus mit positivem Vorzeichen.

Aber bei Larry David stimmt es: In seiner Serie lässt der New Yorker keine Gelegenheit zum satirischen Jüdischsein aus. In einzelnen Folgen von «Curb Your Enthusiasm» hat er heilige Kriege ausgerufen, sich als «self-hating Jew» bezeichnet, der gerne Wagner hört, einen schwulen, kommunistischen Juden im KZ als «quite a combo» bezeichnet und mit einer schönen Palästinenserin Sex gehabt, die ihm sagte, sie wolle das mit ihm machen, was sein Volk ihrem Volk antue.

So einer ist Larry David, der sich ein Dinner bei Adolf Hitler vorstellt. Warum tut er das? Patrick Healy, der Meinungsmann der «New York Times», erklärt den Kontext: Larry David reagiere damit auf seinen satirischen Kollegen Bill Maher, den er sonst schätze und über den er sich derzeit aufrege. So gab Maher kürzlich im Fernsehen bekannt, er habe sich mit Donald Trump zum Essen getroffen und diesen als «gracious and measured» empfunden, wohlwollend und massvoll.

Wir Schweizer denken etwas weiter, wenn wir Larry Davids Besuch bei Adolf Hitler nachverfolgen. Nämlich an das Lied von Franz Hohler, dem Schweizer Satiriker, bei dem man nur den Titel hören muss, um sich den ganzen Song vorzustellen, und der Titel lautet: «Sie sind alle so nett».

Josef Stalin liess sich zu «Väterchen Stalin» verkitschen. Pol Pot war als Lehrer für sein Lachen bekannt. Idi Amin fiel als Offizier mit seinem witzigen Charakter auf. Möglicherweise gibt es nicht nur die Banalität des Bösen, wie Hannah Arendt zum Prozess von Adolf Eichmann schrieb, sondern auch die Bösen mit Heiterkeit. Und dem netten Empfang. Und den guten Tischmanieren.

Das ist es wohl, woran Larry David uns erinnert: dass zum Schlimmsten der Schrecklichen gehört, dass man ihnen das nicht immer anmerkt. Darum können sie es auch mit allen. Und machen jeden zum Komplizen, der bei ihnen am Tisch sitzt. Und mitlacht.

„Aargauer Zeitung“ von 25. April 2025

Nachruf auf Christiane Brunner (1947-2025)

Madame la Conseillère aux Etats Christiane Brunner, SP Genf, blieb gelassen. Sie war die Einzige im Ständeratssaal. Reihenweise ereiferten sich ihre bürgerlichen Kollegen, waren ausser sich vor Wut und Enttäuschung, fühlten sich als Schweizer und als Konservative verraten. Aber nicht etwa, weil Kollegin Brunner etwas besonders Gewerkschaftliches gefordert hatte. Sondern weil die Leitung der Swissair zwei Tage zuvor das sofortige Grounding der Schweizer Luftlinie verordnet hatte. Weder der Bundesrat noch die Grossbanken brachten es in der Folge fertig, dass die Flugzeuge wieder losfliegen konnten, sie blieben weltweit am Boden. Und bescherten der Schweiz eine der tiefsten Demütigungen ihrer Geschichte.

Als Christiane Brunner an diesem Nachmittag schliesslich das Wort ergriff, lobte sie ihre Kolleginnen und Kollegen mit einer heiteren Ironie, die so typisch war für sie. «Ich kann nur noch staunen», sagte die Genfer Ständerätin, «dass die bürgerlichen Kollegen endlich realistisch werden.» Das war am 4. Oktober 2001, einem blauen Herbsttag; der Himmel war leer.

Natürlich wurde Christiane Brunner nicht als Ständerätin bekannt und auch nicht als temporäre SP-Präsidentin, die sie noch werden sollte. Sondern ihr berühmtester politischer Moment ergab sich aus einer Niederlage. Am 3. März 1993 verweigerte ihr die bürgerliche Mehrheit der Nationalversammlung die Wahl zur Bundesrätin. Stattdessen wählte sie den braven Neuenburger Francis Matthey. Auf dem Bundesplatz tobten die Frauen.

Was war passiert?

Christiane Brunner war einer sexistisch motivierten, wochenlang animierten Intrige zum Opfer gefallen, die von einer Niedertracht war, wie sie heute nicht mehr möglich wäre. Und nur weil Francis Matthey auf grossen Druck seiner Partei auf seine Wahl verzichtete, wurde mit Ruth Dreifuss doch noch eine Frau zur Bundesrätin gewählt. Matthey bekam zum Dank die politische Leitung der Expo.

Christiane Brunner, die ihre Kollegin Ruth Dreifuss als politische Zwillingsschwester bezeichnete, verarbeitete ihre Niederlage souverän. Sie wurde 1995 zur Ständerätin gewählt und vier Jahre später bestätigt. Dass sie dabei um ihre Wiederwahl fürchten musste, hatte sie ausgerechnet den Genfer Linken zu verdanken. Diese warfen ihr unter anderem vor, sich beim Service public und der Ausländerfrage unstet verhalten zu haben.

Dabei wusste die spätere Anwältin genau, was es heisst, mit wenig Geld auszukommen. Christiane Brunner wuchs in Genf als Tochter einer St. Galler Schneiderin in einfachen Verhältnissen auf. Ihre Herkunft vergass sie weder als Gewerkschafterin noch als Parlamentarierin und schon gar nicht als Mitbegründerin der Frauenbefreiungsbewegung. Wie wenig andere Parlamentsmitglieder galt sie als Kämpferin für die Anliegen der Frauen und Arbeiter, Flüchtlinge und Armen.

Zudem war sie in Bern ausgesprochen beliebt – im Parlament ebenso wie bei den Medien. Wie ihre «Zwillingsschwester» Ruth Dreifuss war Brunner perfekt zweisprachig. Diese kulturelle Vielfalt nützte ihr auch als Parteipräsidentin. Nach dem abrupten Rücktritt von Ursula Koch hatte sich Brunner im Jahr 2000 bereit erklärt, ihr als temporäre Kandidatin zu folgen; sie tat das vier Jahre lang.

Doch so sympathisch sie als Politikerin auftrat, so zögerlich agierte sie als Parteipräsidentin. Zwar versuchte sie die von der Ära Koch traumatisierte und tiefzerstrittene Partei zu einen. Aber sie wirkte erschöpft dabei und defensiv, trat kaum öffentlich in Erscheinung und konnte ihre SP nicht als politische Kraft reanimieren. Selbst innerhalb der Sozialdemokratie nahm man Brunner eher als Symbol eines Kampfs denn als Kämpferin wahr.

Die grösste Ironie ihrer Nichtwahl verschaffte aber nicht sie der bürgerlichen Parlamentsmehrheit, sondern ihre Freundin Ruth Dreifuss. Zwar sagte diese noch am Tag vor ihrer Wahl, sie sehe eben bieder aus und sei deswegen leichter wählbar. Wie sich dann herausstellte, erwies sich Dreifuss als weitaus gefährlichere sozialdemokratische Bundesrätin, als Brunner es je hätte werden können. Dreifuss politisierte deutlich linker als ihre Freundin, agierte im Gesundheitsdossier unschlagbar kompetent und geriet damit zum bürgerlichen Albtraum.

Zum Tod von Christiane Brunner sagte Ruth Dreifuss im Gespräch mit SRF, diese habe gewusst, «wie man Menschen mitreisst». Auch habe sie den politischen Diskurs geprägt: «Feminismus war für sie nicht nur Gesetzesarbeit, sondern auch gelebte Praxis.»

Am 18. April ist Christiane Brunner in Genf gestorben; sie wurde 78 Jahre alt.

Weltwoche, 24.04.2025