Neophyten sind genauso schlimm, wie sie klingen: eingeschleppte, sich unkontrolliert vermehrende Pflanzen, die unsere Biodiversität bedrohen. Die vielblättrige Lupine ist so ein Neophyt. Sie enthält giftige Alkaloide, verdrängt andere Pflanzen und lässt sich nur bekämpfen, indem man sie mitsamt ihren Wurzeln ausreisst.
Wem das Phänomen solcher Wucherungen bekannt vorkommt, erlebt sie auch woanders. Zum Beispiel in der Sprache. Als rhetorisch aufdringliche Wörter, die unsere Gespräche immer mehr dominieren. Wir wollen hier auf das am meisten expansive, Intensität vortäuschende, dabei als rhetorische Routine angewandte Wort hinweisen, das genau genommen ein blosses Partikel ist, aber seit Jahrzehnten inflationär unsere Rede durchsetzt. Wir meinen das Wort «mega».
Das finde ich mega super im Fall.
Ich bin mega nervös.
Du, ich habe dich mega gern.
Das war aber ein mega Erdbeben in der Türkei.
Dem französisch-schweizerischen Regisseur Jean-Luc Godard zufolge gehen Adjektive mit allen ins Bett. Und er als mega Protestant mochte keine Adjektive. Noch weniger als Ernest Hemingway, der Macho auf Beutezug, der einmal bemerkte, ein Berg sei grösser als ein grosser Berg. Was Godard jedenfalls über die Angewohnheit von Adjektiven sagte und Hemingway über ihre Wirkung meinte, gilt für das Partikel mega noch viel mehr: Es drängt sich in jeden gesprochenen Satz. Es wird unablässig wiederholt und behauptet dabei eine Intensität, die es in der Gestanztheit seiner Formulierung wieder aufhebt.
Und wie man es von Neophyten kennt, den ausgreifenden Pflanzen, killt das Wort mega alle anderen Wörter, für die es stehen soll. Mega heisst doch sehr, viel, grossartig, sensationell, überwältigend. Aber auch schlecht, schlimm, furchtbar, grauenvoll, entsetzlich. Und vieles weitere mehr. Da es aber einzig als mega vorkommt und eingestreut wird wie sprachliches Aromat, dieser deutschschweizerische Geschmacksverstärker, wirkt es nur noch wie ein Verstärker, aber ohne Geschmack. «Mega» macht mit der Sprache, was Emojis der Schrift antun: Es signalisiert ein Gefühl, dessen Ausdruck es durch seine Normierung nivelliert.
Nun geht es in Ordnung, wenn 15-Jährige alles mega finden. Bei Leuten um die 25 kann man es noch als Gewohnheit entschuldigen. Wer sich aber mit 35 immer noch mega findet, hat ein Problem. Bei den 45-Jährigen und darüber wird das Problem offensichtlich: Solche Leute hadern mit dem Älterwerden und glauben, dieses liesse sich durch sprachliche Anbiederung wegrhetorisieren. Je älter sie werden, desto peinlicher klingen ihre Verjüngungsversuche. Sie kommen einem vor wie gespritzte Lippen bei Frauen oder Rossschwänze bei Männern. Nun gibt es solche mega Wörter schon lange. Zum Beispiel das Wort «spannend», bei dem die Gespannten immer so gleichgültig dreinschauen – und damit zeigen, wie sehr ihre behauptete Aufregung an Spannung verloren hat. Langweiler finden alles spannend.
Ein ebenso unspannendes Wort, das die deutsche Sprache seit den Siebzigerjahren belästigt, haben wir zwei Branchen zu verdanken, die sich für besonders kommunikativ halten: der Psychotherapie und der Werbeindustrie. Ihr gemeinsames Lieblingswort heisst «emotional». Die Emotion wurde aus dem Lateinischen ins Englische exportiert und kehrte via Therapeutenjargon und Werbeslogans ins Deutsche zurück: als kalter Ausdruck einer Empfindung. Emotion heisst ja Gefühl. Das Emotionale verunklart aber, was es benennen sollte. Denn wie reagiert der emotional Getriebene: gerührt, bewegt, überwältigt, traurig, sehnsüchtig, glücklich, aufgeregt oder mit Leidenschaft? Und was können seine Emotionen wert sein, wenn man ihnen das Gefühl nicht anmerkt? Also wir finden solche Fragen mega spannend.
Aargauer Zeitung, 11.6.2025
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2025-06-18 11:29:022025-06-18 11:29:02Das Aromat der Sprache
John Lennon braucht nur eine Zeile, um Paul McCartney zu erledigen, seinen früheren Partner: «The only thing you done was yesterday», höhnt er in Anspielung auf dessen berühmten Song. Es ist ein Maitag im Jahr 1971, Lennon arbeitet an seinem zweiten Soloalbum, das er im Heimstudio seiner Tudor-Villa aufnimmt. «How Do You Sleep?» heisst das Lied gegen Paul, und es erreicht seine Absicht. Als Lennons Album erscheint und McCartney den Song darauf hört, verletzt dieser ihn tief. «John, so ist er halt», wird er später kommentieren. «The dream is over», sagt Lennon in Interviews jener Zeit; die doppelte Utopie der Sechziger von Gleichheit und Gemeinschaft ist ausgeträumt. Auch die Beatles haben sich getrennt, vier Unbändige aus der toughen Hafenstadt Liverpool. Mit ihren Songs und ihrem Humor hatten sie ein Jahrzehnt vertont und die Welt verführt, um zuletzt auseinanderzugehen. Zerstritten, enttäuscht, erschöpft.
Fast zehn Jahre später wird John Lennon vor seinem Haus in Manhattan ermordet, ein zum Fanatiker gewordener Fan exekutiert ihn mit vier Pistolenschüssen. Millionen von Menschen trauern weltweit um den Toten; sie tun es mit einer Larmoyanz, die den Musikkritiker Lester Bangs irritiert. «Letzten Endes trauert ihr um euch selber!», schleudert er den Fans entgegen, die im Central Park Kerzen hochhalten und «Hey Jude» singen, ein Lied von Paul.
Bis heute löst die Musik der Beatles bei uns die komplexen Gefühle aus, die in ihren Songs gespeichert sind. Die Platten der Band verkaufen sich millionenfach, immer neue Filme werden über sie gedreht, Analysen und Erinnerungen publiziert.
Am meisten zu reden gibt derzeit ein Buch, das der englische, auf psychologische Themen spezialisierte Journalist Ian Leslie Anfang Jahr publiziert hat. Darin formuliert er eine kühne, teilweise überdrehte These: Die Songs von John Lennon und Paul McCartney, den Hauptkomponisten des Quartetts, müssten als Psychogramme ihrer tiefen und tief ambivalenten Beziehung gehört werden. Vom Beginn ihrer Freundschaft bis zu Lennons jähem Tod seien die beiden aufeinander bezogen gewesen, Abhängige ohne Stoff. «Wir sind wie ein Liebespaar», sagte John zu Paul kurz vor ihrer Trennung.
Beiläufig widerlegt Leslie das Klischee, wonach John der Unabhängige war und Paul der Verbindliche blieb. Tatsächlich litt Lennon, als Kind mehrfach traumatisiert, unter einem grossen Bedürfnis nach Nähe. Seine Wutausbrüche gründeten auf der Erfahrung fehlender Zuwendung. Zugleich neigte er zur Selbstentwertung, zu Depressionen und trunkener Eifersucht.
Paul McCartney dagegen, das haben viele an ihm erlebt, agierte kühl und berechnend, charmant zwar, aber kontrolliert. Hinter seinem Rehblick, notierte ein englisches Musikmagazin, verberge sich eine Stahltüre. Als Künstler fühlte sich John nur von Paul geachtet, während dieser alles tat, um Johns Bewunderung zu bekommen. Dass beide Männer ihre Mutter früh verloren hatten, einte sie in einem unerlösten Trauma.
Diese wechselseitige Abhängigkeit, behauptet der Journalist in seinem Buch, habe viele Lieder von ihnen bestimmt. Was in Songs wie «We Can Work It Out» oder «Two of Us» als Liebeslied getarnt sei, handle von dieser Männerfreundschaft oder habe sich aus dieser heraus entwickelt. Als John einen Text von Paul über eine einsame Frau vernimmt, die in der Kirche stirbt («Eleanor Rigby»), rezitiert er auf «Tomorrow Never Knows» Fragmente des «Tibetischen Totenbuchs». Beide Songs kommen mit minimalen Akkorden aus. Auf Johns halluzinogenes «Strawberry Fields Forever» antwortet Paul mit «Penny Lane», seiner magritteschen Postkarte. Selbst nach der Trennung der Beatles achten beide Musiker darauf, was der andere tut.
Die musikalische Brillanz von John und Paul gründet auf einer Kombination von Individualität und Komplementarität. Anders als Songschreiberpaare wie die Gershwin-Brüder, Bacharach/David und Leiber und Stoller brachten Lennon und McCartney beides fertig, Texte und Musik. Ausserdem konnte jeder von ihnen Songs im Stil des anderen schreiben und singen.
Mit John Lennon und Paul McCartney, schrieb der englische Musikwissenschaftler Ian MacDonald in seiner brillanten Analyse «Revolution in the Head», verbinde sich Dissonanz mit Konsonanz, Ausdruck mit Eleganz, Unruhe mit Harmonie und Wahrheit mit Schönheit. Und weil Wahrheit ohne Schönheit hart klingt und Schönheit ohne Wahrheit leer bleibt, lieben wir die Musik von John und Paul. Sie ist ganz, schön, wahr.
Die Weltwoche / 12.06.2025
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2025-06-18 11:24:182025-06-18 11:24:18Die Ballade von John und Paul
Anna Telnaes, deren Karikatur unter ihrem Chef Jeff Bezos verboten wurde, trat wegen der Zensur zurück. Am Dienstag berichtete sie in Genf darüber.
«Ich will bloss meinen Job machen», sagt sie gegen Ende des Gesprächs vor vollen Rängen in Genf. Aber ihren Job konnte die Karikaturistin nicht mehr ausüben, jedenfalls nicht so, wie sie ihn gemacht hatte. Ann Telnaes hat 24 Jahre für die «Washington Post» gezeichnet und für ihre Arbeit zweimal den Pulitzerpreis bekommen, die höchste journalistische Auszeichnung der USA.
Es sei immer wieder vorgekommen, sagte die 64-Jährige, die heute in Luzern am Swiss Media Forum auftreten wird, dass Leute aus der Redaktion Änderungen verlangt hätten, und sie habe keine Probleme damit gehabt. Aber ein barsches «Nein» komme für sie der Zensur gleich. Mit ihr sind viele namhafte Autorinnen gegangen, und es gab mehrere offene Briefe, die Jeff Bezos, Besitzer der «Post», an sein Eintrittsversprechen erinnert haben: Dass er nämlich die publizistische Unabhängigkeit der Zeitung wahren würde. Im Gegenteil: Mehrmals griff Jeff Bezos in den journalistischen Kurs der «Washington Post» ein. Er hinderte die Zeitung zum Beispiel daran, sich für Kamala Harris als demokratische Präsidialkandidatin auszusprechen.
In der umstrittenen Karikatur, die im Januar erschien, zeigt die Zeichnerin die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und andere, die vor eine steinerne Statue von Donald Trump knien und ihm Geldsäcke darbieten wie bei einem Opfer-Ritual. Auch eine Disney-Figur liegt zu Boden. Die einzige direkte Folge des Verbots: Jetzt haben alle die Karikatur gesehen. Oder erst von ihr erfahren.
Ann Telnaes lässt sich in Genf vom westschweizerischen Kollegen Patrick Chappatte interviewen, der sie im Namen der «Fondation Freedom Cartoons» eingeladen hat. Die Fondation spielt zu Beginn des Abends einen Film ab, der die Zeichnerin bei ihrer Arbeit zeigt, sie hat einen eleganten Stil. Und obwohl sie zurückhaltend und feingliedrig wirkt, sucht sie ihre Pointen im Übermässigen. Donald Trump ist nie anders zu sehen denn als Wanst, als gefrässiger Riese oder als ein gigantisches Fischmaul, auf das ein verängstigter Abraham Lincoln zuschwimmt. Man mag ihr vorwerfen, dass sie mit ihren Übertreibungen, nun, übertrieb. Aber sie hat einen scharfen Bildwitz, und man muss über ihre Zeichnungen lachen. Zumindest gilt das für die Demokraten.
Es fehlen dem Film, in dem alle druckreif reden und attraktiv formulieren wie immer in Amerika, jegliche kritische Stimmen an die Adresse von Trumps Gegnern oder jene Stimmen, die Trumps Vorgehen erklären würden. Stattdessen wird ein ums andere Mal aufgezeigt, dass das Wahlsystem die Armen und Afroamerikaner benachteiligt, dass die Verfassung veraltet und fast nicht zu reformieren ist und dass Amerika auf eine Plutokratie zusteuert, in der die Reichen das Sagen haben.
Dennoch fasziniert am meisten, dass der fünftreichste Mann der Welt in seiner Zeitung Kaderleute beschäftigt, die sich dermassen über eine Karikatur aufregen, dass sie deren Publikation verbieten lassen. Dass Tech-Unternehmer wie Zuckerberg oder Bezos den Wahlkampf von Donald Trump mit hohen Beträgen unterstützen, ist ja bekannt.
Aber um ein dermassen kontraproduktives Verhalten zu verstehen, wie es Telnaes widerfuhr, muss man die Psychologie der Macht verstehen. Mächtige Männer – Frauen sind nicht anders, aber seltener – sind davon überzeugt, ihre Macht der eigenen Brillanz zu verdanken und nicht einer Kombination aus Opportunismus, Glück und Korruption. Und je mächtiger solche Mächtigen werden, desto mehr umgeben sie sich mit Schmeichlern und desto stärker verlieren sie auch den Kontakt zur Normalität.
Je mehr Macht zum Beispiel Politiker bekommen, desto mehr haben sie Angst, ausgelacht zu werden. Sie halten es nicht aus, weil es sie beim Sich-wichtig-Fühlen stört. Noch weniger können sich Diktatoren Humor leisten, weil der zum Relativieren neigt, also infrage stellt, was viele Herrscher für sich beanspruchen: den Anspruch auf Wahrheit, den Ausschluss von Widerspruch, die Verehrung aus Prinzip. Humorlosigkeit gehört bei Diktatoren zum Jobprofil.
Und da die Karikatur das Offensichtliche zuerst erkennt und mächtige Männer eitel sind, reagieren sie besonders gekränkt auf solche Zeichnungen. Auch demokratisch gewählte Präsidenten, die etwas von freier Presse verstehen sollten, reagieren mitunter unwirsch. Der damalige «Le Monde»-Chefredaktor Eric Fottorino staunte, als sein Telefon klingelte und ein Beamter ihm erklärte, «je vous passe le Président». Dabei hatte Nicolas Sarkozy nichts anderes auszudrücken als seinen Ärger, den er über die Zeichnungen von Plantu empfand, dem Hauskarikaturisten von «Le Monde». Plantu war selig.
Nach dem Attentat wegen der dänischen Mohammed-Karikaturen beschloss Plantu, mit Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt über ihre Erfahrungen zu reden. Dabei wurde ihm bald klar, dass es zwischen Demokratien und Diktaturen noch grosse Unterschiede gibt. In anderen Ländern rief der Präsident nicht beim Karikaturisten an, sondern es kam die Polizei. Es folgten Verurteilung, Berufsverbot, Gefängnisstrafen, Folter. Bei den ersten freien Wahlen in Algerien kam die Polizei schon am ersten Abend auf die Redaktion der grössten Zeitung und vernichtete die gesamte Auflage. Die Redaktion war auf die Idee gekommen, eine Zeichnung des neuen Präsidenten anfertigen zu lassen. Andere Karikaturisten wie Akran Raslan starben in Syrien unter der Folter.
Den überraschendsten Anruf bekam Michael Slatkowsky, ein russischer Karikaturist mit jahrzehntelangem Berufsverbot. Am Telefon meldete sich ein hoher Beamter des KGB und bestellte Zeichnungen von ihm. Damals leitete Michail Gorbatschow die Sowjetunion, und Slatkowsky glaubte, dass das mit Glasnost und Perestroika stimme, also wirklich. An welche Zeitung er die Zeichnungen schicken sollte, fragte er. Die seien nicht für Russland, sagte der KGB-Mann: «Die sind nur für den Westen.»
Am besten machte es ausgerechnet Slobodan Milošević, der ehemalige Präsident von Serbien. Der Karikaturist Corax attackierte die serbische Kriegsregierung ohne Unterlass und wurde in seiner Heimat gefeiert wie ein Held. Frage an Patrick Chappattte: Wie hatte Milošević auf die Zeichnungen von Corax reagiert? «Er hat ihn gewähren lassen. Denn er merkte zu Recht, dass die Zeichnungen wie ein Ventil funktionierten. Und immer wenn Leute aus dem Westen kamen, konnte er ihnen seine Pressefreiheit vorführen.»
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2025-05-15 03:54:492025-05-16 08:53:21Milošević machte es besser als Bezos – Warum die Mächtigen so Mühe mit Karikaturen haben
Das Aromat der Sprache
Neophyten sind genauso schlimm, wie sie klingen: eingeschleppte, sich unkontrolliert vermehrende Pflanzen, die unsere Biodiversität bedrohen. Die vielblättrige Lupine ist so ein Neophyt. Sie enthält giftige Alkaloide, verdrängt andere Pflanzen und lässt sich nur bekämpfen, indem man sie mitsamt ihren Wurzeln ausreisst.
Wem das Phänomen solcher Wucherungen bekannt vorkommt, erlebt sie auch woanders. Zum Beispiel in der Sprache. Als rhetorisch aufdringliche Wörter, die unsere Gespräche immer mehr dominieren. Wir wollen hier auf das am meisten expansive, Intensität vortäuschende, dabei als rhetorische Routine angewandte Wort hinweisen, das genau genommen ein blosses Partikel ist, aber seit Jahrzehnten inflationär unsere Rede durchsetzt. Wir meinen das Wort «mega».
Das finde ich mega super im Fall.
Ich bin mega nervös.
Du, ich habe dich mega gern.
Das war aber ein mega Erdbeben in der Türkei.
Dem französisch-schweizerischen Regisseur Jean-Luc Godard zufolge gehen Adjektive mit allen ins Bett. Und er als mega Protestant mochte keine Adjektive. Noch weniger als Ernest Hemingway, der Macho auf Beutezug, der einmal bemerkte, ein Berg sei grösser als ein grosser Berg. Was Godard jedenfalls über die Angewohnheit von Adjektiven sagte und Hemingway über ihre Wirkung meinte, gilt für das Partikel mega noch viel mehr: Es drängt sich in jeden gesprochenen Satz. Es wird unablässig wiederholt und behauptet dabei eine Intensität, die es in der Gestanztheit seiner Formulierung wieder aufhebt.
Und wie man es von Neophyten kennt, den ausgreifenden Pflanzen, killt das Wort mega alle anderen Wörter, für die es stehen soll. Mega heisst doch sehr, viel, grossartig, sensationell, überwältigend. Aber auch schlecht, schlimm, furchtbar, grauenvoll, entsetzlich. Und vieles weitere mehr. Da es aber einzig als mega vorkommt und eingestreut wird wie sprachliches Aromat, dieser deutschschweizerische Geschmacksverstärker, wirkt es nur noch wie ein Verstärker, aber ohne Geschmack. «Mega» macht mit der Sprache, was Emojis der Schrift antun: Es signalisiert ein Gefühl, dessen Ausdruck es durch seine Normierung nivelliert.
Nun geht es in Ordnung, wenn 15-Jährige alles mega finden. Bei Leuten um die 25 kann man es noch als Gewohnheit entschuldigen. Wer sich aber mit 35 immer noch mega findet, hat ein Problem. Bei den 45-Jährigen und darüber wird das Problem offensichtlich: Solche Leute hadern mit dem Älterwerden und glauben, dieses liesse sich durch sprachliche Anbiederung wegrhetorisieren. Je älter sie werden, desto peinlicher klingen ihre Verjüngungsversuche. Sie kommen einem vor wie gespritzte Lippen bei Frauen oder Rossschwänze bei Männern. Nun gibt es solche mega Wörter schon lange. Zum Beispiel das Wort «spannend», bei dem die Gespannten immer so gleichgültig dreinschauen – und damit zeigen, wie sehr ihre behauptete Aufregung an Spannung verloren hat. Langweiler finden alles spannend.
Ein ebenso unspannendes Wort, das die deutsche Sprache seit den Siebzigerjahren belästigt, haben wir zwei Branchen zu verdanken, die sich für besonders kommunikativ halten: der Psychotherapie und der Werbeindustrie. Ihr gemeinsames Lieblingswort heisst «emotional». Die Emotion wurde aus dem Lateinischen ins Englische exportiert und kehrte via Therapeutenjargon und Werbeslogans ins Deutsche zurück: als kalter Ausdruck einer Empfindung. Emotion heisst ja Gefühl. Das Emotionale verunklart aber, was es benennen sollte. Denn wie reagiert der emotional Getriebene: gerührt, bewegt, überwältigt, traurig, sehnsüchtig, glücklich, aufgeregt oder mit Leidenschaft? Und was können seine Emotionen wert sein, wenn man ihnen das Gefühl nicht anmerkt? Also wir finden solche Fragen mega spannend.
Aargauer Zeitung, 11.6.2025
Die Ballade von John und Paul
John Lennon braucht nur eine Zeile, um Paul McCartney zu erledigen, seinen früheren Partner: «The only thing you done was yesterday», höhnt er in Anspielung auf dessen berühmten Song. Es ist ein Maitag im Jahr 1971, Lennon arbeitet an seinem zweiten Soloalbum, das er im Heimstudio seiner Tudor-Villa aufnimmt. «How Do You Sleep?» heisst das Lied gegen Paul, und es erreicht seine Absicht. Als Lennons Album erscheint und McCartney den Song darauf hört, verletzt dieser ihn tief. «John, so ist er halt», wird er später kommentieren. «The dream is over», sagt Lennon in Interviews jener Zeit; die doppelte Utopie der Sechziger von Gleichheit und Gemeinschaft ist ausgeträumt. Auch die Beatles haben sich getrennt, vier Unbändige aus der toughen Hafenstadt Liverpool. Mit ihren Songs und ihrem Humor hatten sie ein Jahrzehnt vertont und die Welt verführt, um zuletzt auseinanderzugehen. Zerstritten, enttäuscht, erschöpft.
Fast zehn Jahre später wird John Lennon vor seinem Haus in Manhattan ermordet, ein zum Fanatiker gewordener Fan exekutiert ihn mit vier Pistolenschüssen. Millionen von Menschen trauern weltweit um den Toten; sie tun es mit einer Larmoyanz, die den Musikkritiker Lester Bangs irritiert. «Letzten Endes trauert ihr um euch selber!», schleudert er den Fans entgegen, die im Central Park Kerzen hochhalten und «Hey Jude» singen, ein Lied von Paul.
Am meisten zu reden gibt derzeit ein Buch, das der englische, auf psychologische Themen spezialisierte Journalist Ian Leslie Anfang Jahr publiziert hat. Darin formuliert er eine kühne, teilweise überdrehte These: Die Songs von John Lennon und Paul McCartney, den Hauptkomponisten des Quartetts, müssten als Psychogramme ihrer tiefen und tief ambivalenten Beziehung gehört werden. Vom Beginn ihrer Freundschaft bis zu Lennons jähem Tod seien die beiden aufeinander bezogen gewesen, Abhängige ohne Stoff. «Wir sind wie ein Liebespaar», sagte John zu Paul kurz vor ihrer Trennung.
Beiläufig widerlegt Leslie das Klischee, wonach John der Unabhängige war und Paul der Verbindliche blieb. Tatsächlich litt Lennon, als Kind mehrfach traumatisiert, unter einem grossen Bedürfnis nach Nähe. Seine Wutausbrüche gründeten auf der Erfahrung fehlender Zuwendung. Zugleich neigte er zur Selbstentwertung, zu Depressionen und trunkener Eifersucht.
Paul McCartney dagegen, das haben viele an ihm erlebt, agierte kühl und berechnend, charmant zwar, aber kontrolliert. Hinter seinem Rehblick, notierte ein englisches Musikmagazin, verberge sich eine Stahltüre. Als Künstler fühlte sich John nur von Paul geachtet, während dieser alles tat, um Johns Bewunderung zu bekommen. Dass beide Männer ihre Mutter früh verloren hatten, einte sie in einem unerlösten Trauma.
Diese wechselseitige Abhängigkeit, behauptet der Journalist in seinem Buch, habe viele Lieder von ihnen bestimmt. Was in Songs wie «We Can Work It Out» oder «Two of Us» als Liebeslied getarnt sei, handle von dieser Männerfreundschaft oder habe sich aus dieser heraus entwickelt. Als John einen Text von Paul über eine einsame Frau vernimmt, die in der Kirche stirbt («Eleanor Rigby»), rezitiert er auf «Tomorrow Never Knows» Fragmente des «Tibetischen Totenbuchs». Beide Songs kommen mit minimalen Akkorden aus. Auf Johns halluzinogenes «Strawberry Fields Forever» antwortet Paul mit «Penny Lane», seiner magritteschen Postkarte. Selbst nach der Trennung der Beatles achten beide Musiker darauf, was der andere tut.
Die musikalische Brillanz von John und Paul gründet auf einer Kombination von Individualität und Komplementarität. Anders als Songschreiberpaare wie die Gershwin-Brüder, Bacharach/David und Leiber und Stoller brachten Lennon und McCartney beides fertig, Texte und Musik. Ausserdem konnte jeder von ihnen Songs im Stil des anderen schreiben und singen.
Mit John Lennon und Paul McCartney, schrieb der englische Musikwissenschaftler Ian MacDonald in seiner brillanten Analyse «Revolution in the Head», verbinde sich Dissonanz mit Konsonanz, Ausdruck mit Eleganz, Unruhe mit Harmonie und Wahrheit mit Schönheit. Und weil Wahrheit ohne Schönheit hart klingt und Schönheit ohne Wahrheit leer bleibt, lieben wir die Musik von John und Paul. Sie ist ganz, schön, wahr.
Milošević machte es besser als Bezos – Warum die Mächtigen so Mühe mit Karikaturen haben
Anna Telnaes, deren Karikatur unter ihrem Chef Jeff Bezos verboten wurde, trat wegen der Zensur zurück. Am Dienstag berichtete sie in Genf darüber.
«Ich will bloss meinen Job machen», sagt sie gegen Ende des Gesprächs vor vollen Rängen in Genf. Aber ihren Job konnte die Karikaturistin nicht mehr ausüben, jedenfalls nicht so, wie sie ihn gemacht hatte. Ann Telnaes hat 24 Jahre für die «Washington Post» gezeichnet und für ihre Arbeit zweimal den Pulitzerpreis bekommen, die höchste journalistische Auszeichnung der USA.
Es sei immer wieder vorgekommen, sagte die 64-Jährige, die heute in Luzern am Swiss Media Forum auftreten wird, dass Leute aus der Redaktion Änderungen verlangt hätten, und sie habe keine Probleme damit gehabt. Aber ein barsches «Nein» komme für sie der Zensur gleich. Mit ihr sind viele namhafte Autorinnen gegangen, und es gab mehrere offene Briefe, die Jeff Bezos, Besitzer der «Post», an sein Eintrittsversprechen erinnert haben: Dass er nämlich die publizistische Unabhängigkeit der Zeitung wahren würde. Im Gegenteil: Mehrmals griff Jeff Bezos in den journalistischen Kurs der «Washington Post» ein. Er hinderte die Zeitung zum Beispiel daran, sich für Kamala Harris als demokratische Präsidialkandidatin auszusprechen.
In der umstrittenen Karikatur, die im Januar erschien, zeigt die Zeichnerin die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und andere, die vor eine steinerne Statue von Donald Trump knien und ihm Geldsäcke darbieten wie bei einem Opfer-Ritual. Auch eine Disney-Figur liegt zu Boden. Die einzige direkte Folge des Verbots: Jetzt haben alle die Karikatur gesehen. Oder erst von ihr erfahren.
Ann Telnaes lässt sich in Genf vom westschweizerischen Kollegen Patrick Chappatte interviewen, der sie im Namen der «Fondation Freedom Cartoons» eingeladen hat. Die Fondation spielt zu Beginn des Abends einen Film ab, der die Zeichnerin bei ihrer Arbeit zeigt, sie hat einen eleganten Stil. Und obwohl sie zurückhaltend und feingliedrig wirkt, sucht sie ihre Pointen im Übermässigen. Donald Trump ist nie anders zu sehen denn als Wanst, als gefrässiger Riese oder als ein gigantisches Fischmaul, auf das ein verängstigter Abraham Lincoln zuschwimmt. Man mag ihr vorwerfen, dass sie mit ihren Übertreibungen, nun, übertrieb. Aber sie hat einen scharfen Bildwitz, und man muss über ihre Zeichnungen lachen. Zumindest gilt das für die Demokraten.
Es fehlen dem Film, in dem alle druckreif reden und attraktiv formulieren wie immer in Amerika, jegliche kritische Stimmen an die Adresse von Trumps Gegnern oder jene Stimmen, die Trumps Vorgehen erklären würden. Stattdessen wird ein ums andere Mal aufgezeigt, dass das Wahlsystem die Armen und Afroamerikaner benachteiligt, dass die Verfassung veraltet und fast nicht zu reformieren ist und dass Amerika auf eine Plutokratie zusteuert, in der die Reichen das Sagen haben.
Dennoch fasziniert am meisten, dass der fünftreichste Mann der Welt in seiner Zeitung Kaderleute beschäftigt, die sich dermassen über eine Karikatur aufregen, dass sie deren Publikation verbieten lassen. Dass Tech-Unternehmer wie Zuckerberg oder Bezos den Wahlkampf von Donald Trump mit hohen Beträgen unterstützen, ist ja bekannt.
Aber um ein dermassen kontraproduktives Verhalten zu verstehen, wie es Telnaes widerfuhr, muss man die Psychologie der Macht verstehen. Mächtige Männer – Frauen sind nicht anders, aber seltener – sind davon überzeugt, ihre Macht der eigenen Brillanz zu verdanken und nicht einer Kombination aus Opportunismus, Glück und Korruption. Und je mächtiger solche Mächtigen werden, desto mehr umgeben sie sich mit Schmeichlern und desto stärker verlieren sie auch den Kontakt zur Normalität.
Je mehr Macht zum Beispiel Politiker bekommen, desto mehr haben sie Angst, ausgelacht zu werden. Sie halten es nicht aus, weil es sie beim Sich-wichtig-Fühlen stört. Noch weniger können sich Diktatoren Humor leisten, weil der zum Relativieren neigt, also infrage stellt, was viele Herrscher für sich beanspruchen: den Anspruch auf Wahrheit, den Ausschluss von Widerspruch, die Verehrung aus Prinzip. Humorlosigkeit gehört bei Diktatoren zum Jobprofil.
Und da die Karikatur das Offensichtliche zuerst erkennt und mächtige Männer eitel sind, reagieren sie besonders gekränkt auf solche Zeichnungen. Auch demokratisch gewählte Präsidenten, die etwas von freier Presse verstehen sollten, reagieren mitunter unwirsch. Der damalige «Le Monde»-Chefredaktor Eric Fottorino staunte, als sein Telefon klingelte und ein Beamter ihm erklärte, «je vous passe le Président». Dabei hatte Nicolas Sarkozy nichts anderes auszudrücken als seinen Ärger, den er über die Zeichnungen von Plantu empfand, dem Hauskarikaturisten von «Le Monde». Plantu war selig.
Nach dem Attentat wegen der dänischen Mohammed-Karikaturen beschloss Plantu, mit Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt über ihre Erfahrungen zu reden. Dabei wurde ihm bald klar, dass es zwischen Demokratien und Diktaturen noch grosse Unterschiede gibt. In anderen Ländern rief der Präsident nicht beim Karikaturisten an, sondern es kam die Polizei. Es folgten Verurteilung, Berufsverbot, Gefängnisstrafen, Folter. Bei den ersten freien Wahlen in Algerien kam die Polizei schon am ersten Abend auf die Redaktion der grössten Zeitung und vernichtete die gesamte Auflage. Die Redaktion war auf die Idee gekommen, eine Zeichnung des neuen Präsidenten anfertigen zu lassen. Andere Karikaturisten wie Akran Raslan starben in Syrien unter der Folter.
Den überraschendsten Anruf bekam Michael Slatkowsky, ein russischer Karikaturist mit jahrzehntelangem Berufsverbot. Am Telefon meldete sich ein hoher Beamter des KGB und bestellte Zeichnungen von ihm. Damals leitete Michail Gorbatschow die Sowjetunion, und Slatkowsky glaubte, dass das mit Glasnost und Perestroika stimme, also wirklich. An welche Zeitung er die Zeichnungen schicken sollte, fragte er. Die seien nicht für Russland, sagte der KGB-Mann: «Die sind nur für den Westen.»
Am besten machte es ausgerechnet Slobodan Milošević, der ehemalige Präsident von Serbien. Der Karikaturist Corax attackierte die serbische Kriegsregierung ohne Unterlass und wurde in seiner Heimat gefeiert wie ein Held. Frage an Patrick Chappattte: Wie hatte Milošević auf die Zeichnungen von Corax reagiert? «Er hat ihn gewähren lassen. Denn er merkte zu Recht, dass die Zeichnungen wie ein Ventil funktionierten. Und immer wenn Leute aus dem Westen kamen, konnte er ihnen seine Pressefreiheit vorführen.»