Meinung

Meinung & Kolumnen – Jean-Martin Büttner über Gesellschaft & Kultur

Die Yuppies waren Ronald Reagans Schüler – und finanzierten Barack Obamas Aufstieg

Yuppies, das war in den Achtzigern. Sie beschleunigten die Wirtschaft, stählten ihre Körper und popularisierten den Egoismus. Ein neues Buch analysiert diese sehr spezielle Jugendbewegung.

«Greed is good», sagt Gordon Gekko. Der Stabreim funktioniert auch auf Deutsch: Gier ist gut. Zwar hat der Mann nie gelebt, er gibt die fiktive Hauptfigur in Oliver Stones polemischem Film «Wall Street» von 1987, aber das Zitat wird mehreren Börsenhändlern jener Jahre zugeschrieben. Michael Douglas spielt den Trader als öligen Finanzverbrecher mit Piranha-Lächeln, der die Gewinnmaximierung über alles stellt. Und der von den jungen Händlern verehrt wird, die das Manhattan der achtziger Jahre bevölkern.

«Young Urban Professionals» nennt Amerika mit seinem Talent zur Etikettierung die neuen Geldmacher. Das Nachrichtenmagazin «Newsweek» deklariert in seiner letzten Ausgabe von 1984 «The Year of the Yuppie». Und beschreibt in seiner Titelgeschichte eine neue Generation vorwiegend weisser junger Männer, die zu Hunderttausenden an die Wall Street gehen, sich bei den Anwaltskanzleien und den Rohstoffhändlern bewerben, in die Medien und in die Werbung drängen und die Arztpraxen anführen. Zugleich bilden sie eine neue Kaufkraftklasse mit ihren Autos, ihren Lofts, ihrem Sushi, ihren Jogginghosen und ihrem Kokain.

In seinem neuen, exzellent recherchierten und geschriebenen Buch «Yuppies» untersucht der Kapitalismus-Historiker Dylan Gottlieb die Soziologie dieser aggressiven Jugendkultur. «Gier ist gut, das gilt für die Wall Street im Gesamten», sagt er im Gespräch: «Aber die Yuppies waren die Ersten, welche diese Gier sexy aussehen liessen.» Dylan Gottlieb, knapp vierzig Jahre alt, doziert als Geschichtsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Bentley in Boston.

In diesen Jahren sehen die Computer aus wie Kühlschränke, und ihre Bildschirme leuchten in grüner Schrift; die Mobiltelefone gleichen Hochhäusern mit Antennen; an der Börse wird gefuchtelt, geschrien und auf hastigen Zetteln notiert; über den Hemden der Trader spannen sich die Hosenträger, in Aschenbechern glimmen ihre Zigaretten, an der Bar perlen die Perrier-Flaschen; Jane Fonda turnt, Madonna tanzt, und Prince beklagt Aids als «big disease with a little name», eine schwere Krankheit mit einem kurzen Namen.

Gleichzeitig machen sich in Washington und London Ronald Reagan und Margaret Thatcher daran, die sechziger Jahre zu dekonstruieren und die Wirtschaft zu deregulieren. «There’s no such thing as society», befindet Thatcher, während Reagan einen Satz mit neun Wörtern zum schlimmsten Angebot der englischen Sprache erklärt: «I’m here from the government to help you.»

Young Urban Professionals: Was als soziologische Grösse seinen neutralen Anfang nimmt und sich zu einer Faszination für eine neue Klasse ehrgeiziger junger Männer und immer mehr Frauen entwickelt, verkommt innert weniger Jahre zur Beschimpfung. «Die yuppie scum», kann man Ende der Achtziger auf New Yorker Hauswänden lesen, verrecke doch, du Abschaum von einem Yuppie.

Worin gründet die Faszination für diese jungen Leute, und wieso kippte sie um in Hass? Wie sehr haben die Yuppies New York verändert, dessen Hauptquartier Manhattan sie zum Austragungsort ihrer Karriere machten? Wie konnten sie dermassen auf Mode, Sport, Ernährung, Freizeit und Gesellschaft einwirken?

Die siebziger Jahre sind für Amerika traumatisch verlaufen. Die Ölkrise lähmt das Land, darauf folgten die Stahlkrise und ein Börsencrash. Der Vietnamkrieg endet in einer Niederlage, der Watergate-Skandal zwingt Richard Nixon zum Rücktritt. Eine Rezession breitet sich aus, die Arbeitslosigkeit eskaliert. New York leidet an Gewalt, Armut und Dreck, die Aussenbezirke verslumen. Fixer und Penner liegen auf der Strasse, die Stadt bekommt von Washington kein Geld mehr. «Ford to City: Drop dead», titelt die «New York Post».

Gerald Ford vermag weder New York noch die Republikaner zu retten. Sein Nachfolger Jimmy Carter empfiehlt sich als anständiger Demokrat aus dem Süden und beginnt über seinen Notenbankchef Paul Volcker, die Kontrollen der Wirtschaft zu lockern. Aber Carter scheitert an der iranischen Geiselaffäre. Und am leutseligen Wahlkampf von Ronald Reagan, dem kalifornischen Westernhelden, der Ende der siebziger Jahre eine konservative moralische Wende und eine systematische Liberalisierung der Wirtschaft verspricht.

Ersteres verfolgt Reagan mit einer Hinwendung zum christlichen Fundamentalismus, Letzteres erreicht er mit der Abschaffung beinahe aller Regeln, die Amerika nach der schweren Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre eingeführt hat. Erst der weltweite Börsencrash mit seinem schwarzen Montag am 19. Oktober 1987 erinnert alle wieder daran.

Zunächst beschleunigen sich in den Achtzigern die Geschäfte. Kurzfristig angelegte und lukrativ ausgelegte Deals bescheren den Banken leicht verdientes Geld, ohne Werte zu schaffen. Darauf folgt das grosse Downsizing und Fusionieren der Firmen und Fabriken. Millionen von Angestellten verlieren ihre Stelle, während die Aktienkurse an der Wall Street explodieren.

Um ihre Deals voranzutreiben, brauchen die Finanzfirmen schnelle, belastbare Mitarbeiter, die sie an den Spitzenuniversitäten rekrutieren und mit dem Versprechen enormer Löhne nach Manhattan locken und in andere Städte der westlichen Welt. Dort arbeiten die Yuppies zwölf Stunden pro Tag, sie bleiben auch in der Nacht erreichbar und sind am Wochenende auf Pikett. «Die Yuppies dienten Anwaltsfirmen zu, die ihrerseits den Aktionären an der Wall Street schnelle Gewinne auf Kosten der Arbeitnehmer und Konsumenten ermöglichten», schreibt Gottlieb in seinem Buch.

Um die neuen Reichen in ihre Wohnungen zu holen, lassen die Spekulanten von New York ihre Häuser abbrennen oder vertreiben ihre armen, zumeist puerto-ricanischen Mieter mit Schlägertruppen. Die Yuppies besetzen die Upper West Side von Manhattan und expandieren nach Brooklyn oder Hoboken in New Jersey. Sie jagen die Immobilienpreise hoch und treiben die Gentrifizierung von New York voran, ein Vorgang, den der Architekt Marshall Bermann als «milde Form der ethnischen Säuberung» seiner Stadt beschreibt.

Mit den Yuppies wird der Lebensstil zu einer neuen Konsumvariable codiert. Da die jungen Kapitalisten dermassen viel verdienen, kleiden sie sich markenmodisch ein, bestellen Designermöbel, lassen sich zu privaten Partys fahren, tanzen im exklusiven Nachtklub «Studio 54» und werden in gleissenden Filmen wie «9 ½ Weeks», «Cocktail» oder «The Secret of My Success» gefeiert.

Und weil sie keine Zeit haben zum Kochen und keine Kinder zum Füttern, essen sie am liebsten auswärts. Dort kalorisieren sie ihren Status mit teurem Essen exotischer Herkunft – französisch, italienisch, japanisch – dazu erlesene Weine, mit deren Kenntnis sie ihre Kunden beeindrucken. Gehobene Restaurants bedienen die neue Kundschaft, Cafés stellen Tische aufs Trottoir, der Genuss entwickelt sich zu einer Hochleistungsdisziplin.

Jung und ohne Skrupel
Zur Leistung gehört die körperliche Selbstoptimierung der Yuppie-Generation im New York Marathon. Er führt von Staten Island über Brooklyn und die Bronx nach Manhattan. Der erste Lauf versammelt etwas über zweihundert Läuferinnen und Läufer, später werden es Zehntausende sein, am Fernsehen für Millionen live übertragen. Dylan Gottlieb sieht das Rennen als perfekte Metapher für die Yuppie-Kultur und ihre gesellschaftlichen Opfer: Alle strengen sich an, einige gewinnen, sehr viele verlieren.

Am meisten Einfluss haben die jungen Grossverdiener auf die Politik. Als Aufsteiger ohne das Vermögen protestantischer Eliten tendieren die Yuppies zur Demokratischen Partei. Unter dem Einfluss ihrer neuen Wähler wenden sich die Demokraten immer mehr von der Arbeiterbewegung ab und empfehlen sich den Aufsteigerinnen und Aufsteigern einer neoliberalen Mittelklasse.

Weshalb nicht zuerst Donald Trump die deregulierte Wirtschaft der Yuppies weiterführen wird, obwohl er in seiner Politik alles dereguliert bis hin zur Gewaltenteilung. Als erste Erben der Yuppies macht Dylan Gottlieb Bill Clinton und Barack Obama aus – zwei hochintelligente Anwälte aus armen Familien, die sich von ganz unten nach ganz oben arbeiteten. Und die ohne das Geld der Banken, Finanzinstitute und anderen Akteure der Wall Street nie Präsident geworden wären. «Kein Präsidentschaftskandidat hat mehr Geld von der Hochfinanz bekommen als Barack Obama», sagt Dylan Gottlieb im Gespräch. Entsprechend milde geht die Obama-Administration mit den Auslösern der Subprime-Krise um.

Wie der weitere Aufstieg von Milliardären wie Jeff Bezos, Elon Musk oder Mark Zuckerberg unter Donald Trump zeigt, wie die explodierenden Gewinne von Silicon Valley belegen, hat Wall Street auch diese Krise überwunden. Der Schriftsteller Tom Wolfe hatte die Entwicklung kommen sehen. «Wenn du jung bist und ohne Skrupel», sagte er schon in den Achtzigern voraus, «wird sich immer ein Platz für dich finden.» Sein Roman über das schnelle Jahrzehnt kombiniert in seinem deutschen Titel biblische Sünde mit menschlichem Narzissmus: Es heisst «Fegefeuer der Eitelkeiten».

Dylan Gottlieb: Yuppies: The Bankers, Lawyers, Joggers, and Gourmands Who Conquered New York. Harvard University Press, 2026. 352 S., Fr. 49.90.

NZZ
25.06.2026

Als Zappa die Avantgarde zum Swingen brachte

In der Genfer Oper wird Frank Zappas «200 Motels» aufgeführt. Sie entlarvt seinen pubertären Humor, aber rehabilitiert seine Musik.

Über das hilflos dasitzende Publikum bricht ein anarchisch klingendes, aber präzis instrumentiertes Chaos herein. Die Leute im Saal werden mit einer abrupten Abfolge von instrumentellen und stilistischen Wechseln traktiert, mit synkopierten Rhythmen und atonalen Melodien, mit Orchesterklängen, Rocksongs, Chorgesang und komischen Intermezzi. Die Sänger singen, die Geigen streichen, die E-Gitarre schrillt.

Und das ist erst der Anfang dieser zweistündigen Aufführung. Austragungsort ist das ehemalige Wasserkraftwerk von Genf an der Rhone, wohin das Grand Théâtre wegen eines Umbaus temporär verzogen ist. Anlass ist die Schweizer Uraufführung einer Komposition von Frank Zappa ­(1940–1993). «200 Motels» heisst sie und kam 1971 als Frühwerk des amerikanischen Komponisten heraus.

Ein Libretto aus dem Unterleib
Um das Stück aufführen zu können, braucht es in Genf über hundert Musikerinnen und Musiker: das Orchestre de la Suisse Romande, den Chor des Grand Théâtre, Perkussionisten der Genfer Musikschule, den amerikanischen Gitarristen Mike Keneally und das Schweizer Improvisationstrio Steamboat Switzerland. Konzipiert hat das Spektakel der Intendant Aviel Cahn, der mit dieser Aufführung seine sieben Genfer Jahre beschliesst und zur Deutschen Oper nach Berlin wechselt. Als Dirigent leitet der Zürcher Titus Engel das Ensemble, Regie dieser grotesken, zum Musical aufgedonnerten Oper führt der Amerikaner Daniel Kramer.

Es passiert an diesem Abend zweierlei. Das eine hat man befürchtet, vom anderen ist man überrascht. Nein, Frank Zappas Pennälerhumor und seine Fäkalwitze wirken nicht provokativ, bloss pubertär. Aber ja, die Musik dieser frühen Oper klingt nicht veraltet, sondern aufregend, originell und kohärent. Orchester, Chor, Perkussion und Rockband spielen, als seien sie schon immer zusammen aufgetreten. Was man von der damaligen Platte her als Stilübung in Erinnerung hatte, kommt in der Genfer Inszenierung als wuchtige, einfallsreiche Musikalisierung von Frank Zappas Einflüssen herüber – amerikanischer Rhythm’n’Blues und europäische Avantgarde.

Worin für ihn der Unterschied bestehe, eine Rockband anzuführen oder ein klassisches Orchester zu dirigieren, wollte ein Journalist von Zappa wissen. «Das ist wie Auto fahren und ein Sandwich essen», gab dieser zurück: «Zwei verschiedene Dinge, die man gleichzeitig tun kann.» Da war er wieder, der Humor von Frank Zappa, dem einzigen Komponisten der Welt, der Howlin’ Wolf und Edgar Varèse gleichermassen verehrte. Den schwarzen Blues­mann Wolf hörte er in einer kalifornischen Kleinstadt am Radio. Den französischen Avantgardisten Varèse entdeckte er als Halbwüchsiger über eine abfällige Besprechung, wonach diese Musik unhörbar ist; Zappa fand sein Werk «Ionisation» in einer Ausschuss-Schachtel, hörte es zu Hause obsessiv und liebte Varèse’ perkussive Dissonanz sein Leben lang.

Ein Autodidakt in allem
Sowohl der schwarze Rhythm’n’Blues als auch die europäische Avantgarde motivierten den jungen Zappa, Musiker zu werden. Das Gitarrenspiel brachte er sich selber bei, das Notenschreiben, Orchestrieren und Arrangieren lernte er in der lokalen Bibliothek. In beiden Disziplinen brachte es Zappa zur Meisterschaft. Seine divergierenden musikalischen Interessen inspirierten ihn zu «200 Motels». Das Doppelalbum kombinierte er zu einem Film, der so ungeniessbar bleibt, wie das Libretto unverständlich ist. Sagen wir nur das: «200 Motels» handelt von den Abenteuern einer Rockband auf ihrer 200 Konzerte langen Tournee durch Amerika; die Tage on the road, die Abende im Konzert und die Nächte in billigen Motels; der schräge Humor der Musiker, ihre Streitereien, ihre Langeweile und ihre unstillbare Lust auf Sex.

Keine ideale Vorlage für ein Remake, könnte man sagen, zumal die Vorlage schon bald nach ihrer Veröffentlichung als ambitioniertes, aber unausgeglichenes Frühwerk eingestuft wurde. Doch solche Einschränkungen haben die Macher in Genf eher herausgefordert als abgeschreckt. Wie der Dirigent Titus Engel in einem Interview formuliert: «Zappa war ein hochdisziplinierter Freak.»

Selbstgerecht und autoritär
Allerdings war Frank Zappa auch ein selbstgerechter Macho, der seinen Toilettenhumor für Subversion hielt und seine Misogynie für den Ausdruck einer befreiten Sexualität. Wie rigoristisch er sich benehmen konnte und wie wenig Distanz er zu seinem autoritären Charakter hatte, zeigt nicht nur die tyrannische Art, mit der er seine Musiker durch tagelange Proben quälte. Man liest sie auch in seinen Memoiren «The Real Frank Zappa Book» von 1989, in denen sich der Musiker durch den inflationären Gebrauch von Grossbuchstaben und Ausrufezeichen lächerlich machte.

Zappas angestrengte Subversion schadete auch der szenischen Aufführung des Genfer Abends. Alles ausserhalb des Schauspiels gelang – die Kulissen und Kostüme, die Lichtregie, die virtuos eingespielten Leuchtreklamen, Videos und elektronischen Spruchbänder. Aber die Handlung der Oper wirkte überfrachtet, auf unlustige Weise demonstrativ und bald ermüdend. Die singenden Schauspielerinnen und Schauspieler grimassierten, stapften, gestikulierten und chargierten, aber es war alles umsonst: Das Publikum sass meistens schweigend da, gelacht wurde kaum. Dass es gegen Ende einen matten Applaus gab, als einer Trump-ähnlichen Figur auf der Bühne ein riesiger Penis aufgestülpt wurde, sagt alles über die Freudlosigkeit des Abends aus.

Frank Zappa hätte er wohl gefallen, und gerade darin liegt das Problem. Seine grösste Leistung mit «200 Motels»: Er parodierte die Rockmusik mit geistreichen Klassizismen. Und brachte die Avantgarde mit federnden Rhythmen zum Swingen. So gelang ihm die Versöhnung des Unvereinbaren: des Populären aus seiner amerikanischen Heimat und des Elitären seiner europäischen Vorbilder.

Frank Zappa hätte der Abend wohl gefallen, und gerade darin liegt das Problem.

Neue Zürcher Zeitung
22.06.2026

Jean Ziegler, der Revolutionär im Massanzug

Der Genfer Soziologe Jean Ziegler nahm es mit der Wahrheit nicht so genau, doch er behielt in vielem recht – nun ist er 92-jährig gestorben

Man sah ihm seine Gefährlichkeit nicht an. Ein elegant gekleideter Mann sass einem gegenüber, wenn man ihn an der Genfer Universität zum Gespräch traf. Jean Ziegler verfügte über Anstand, Stil und Charme, und Humor hatte er auch. Sein rundes Gesicht hinter der Hornbrille, das warme Berndeutsch und selbst sein Deutschschweizer Akzent, wenn er Französisch sprach, signalisierten Sinnlichkeit und Freude an sich selber. Der agile Denker mit seinem Foulard, stets perfekt gekleidet und viersprachig unterwegs, war ein Meister der Selbstinszenierung.

Im harschen Kontrast zu seiner gewinnenden Art klang sein Vokabular. Und weil Ziegler sich über eine Menge aufregte, gab es entsprechend viele Leute, Länder und Organisationen, die er mit seinen Tiraden bedachte. Die USA natürlich, für ihn der Hort des Bösen. Dann die EU. Und schliesslich die Schweiz, dieses «von Banken und ­Banditen beherrschte Disneyland». Dazu kamen viele Konzerne, ja die ganze neoliberale Wirtschaft und ihre globalisierten Ausbeuter, für die der Hunger kein Elend war, sondern eine Strategie.

Jean Ziegler, der leicht erregbare Sanguiniker, sprach von ihnen als «dem kannibalistischen Weltkapital» mit seiner Ansammlung von «Räubern, Schurken und Halunken», der Wirtschaftselite mit ihrer «Profitgier», den vom Westen finanzierten «Faschisten» und «Kleptokraten» in den Entwicklungsländern. Jean Ziegler fand immer neue Beschimpfungen für anhaltende Zustände.

So redete und schrieb er, der barocke Wutbürger: mit Pathos, Entrüstung und Leidenschaft. Er ging keiner Kontroverse aus dem Weg, und was immer man ihm vorwerfen mag, ein Feigling war er nicht. Dabei war ihm das Revolutionäre nicht mitgegeben worden. Hans Ziegler wurde am 19. April 1934 in Thun geboren als Sohn eines protestantischen Amtsrichters. Erst viele Jahre später wurde er zu Jean und konvertierte zum Katholizismus. In Bern und Genf hatte Ziegler Jurisprudenz und in Paris und New York Soziologie studiert, bevor er sich in Genf dozierend niederliess.

Dass diese Stadt sein Austragungsort blieb, diese Erkenntnis hatte er Che Guevara zu verdanken. Der Schweizer verehrte den Argentinier vorbehaltlos, egal wie brutal Guevara gegen seine Gegner vorgegangen und wie spektakulär er in Kuba politisch gescheitert war. Immerhin konnte Ziegler von sich sagen, den Mann Anfang der sechziger Jahre gekannt zu haben, genauso wie er mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befreundet war. Im Laufe der Begegnungen mit Che, erzählte Ziegler immer wieder, habe dieser ihm bedeutet, er solle von Genf aus agieren, statt ihm nach Kuba zu folgen, denn: «Hier ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen.»

Guevara sollte recht behalten. Jean Ziegler brachte es als langjähriger, zwischendurch abgewählter Schweizer Nationalrat, als Vielreisender in Krisengebieten, unermüdlicher Buchautor und Botschafter der Uno für Menschenrechte und gegen den Hunger immer wieder fertig, sich und seine Überzeugungen publik zu machen. Dabei war der «eminent sociologist» im Ausland entschieden beliebter als in seiner Heimat. Dort wurde er von den Bürgerlichen als Landesverräter und von den meisten Linken als Schwadroneur kritisiert, dessen Vorwürfe oft dermassen pauschal formuliert waren, dass er der Sache schadete, die er verteidigen wollte.

Fast schon komisch mutet Jean Zieglers Argumentation im Prozess gegen Hans W. Kopp an, Wirtschaftsanwalt und Gatte von Elisabeth Kopp, der ersten Bundesrätin. Als Kopp Ziegler in Paris verklagte, weil dieser ihn in seinem Erfolgsbuch «La Suisse lave plus blanc» («Die Schweiz wäscht weisser») von 1990 als Geier bezeichnet hatte, verteidigte Ziegler den Geier vor Gericht als ausgesprochen nützliches Tier in der Nahrungsmittelkette.

Das Gericht liess sich von solchen ornithologischen Beteuerungen nicht beeindrucken und verurteilte Ziegler zu einer Busse von umgerechnet 320 000 Franken, zumindest nannte er diese Summe in einem Interview. Die vielen Klagen, die der Polemiker mit seinen Attacken auslöste und von denen er eine Menge verlor, weil sein Temperament über die Sorgfalt siegte, lösten Drohungen gegen ihn aus und brachten ihn zeitweise an den Rand des Ruins. Und das trotz seinen über sechs Millionen weltweit verkauften Büchern, trotz seiner Professur in Genf und seiner Gastprofessur an der Pariser Sorbonne.

Ebenso viele Schwierigkeiten wie die Ausfälligkeiten bereiteten Jean Ziegler die Verklärungen. Nämlich von Diktaturen. Etwa dem venezolanischen Schreckensregime von Nicolás Maduro. Der Schweizer fiel anfänglich auch auf Herrscher wie Mao Zedong und Pol Pot herein, auf Robert Mugabe oder den algerischen Herrscher Abdelaziz Bouteflika. Zieglers Liebe zu den Falschen ging so weit, dass der libysche Tyrann Muammar Ghadhafi ihm 2002 einen Menschenrechtspreis umhängte. Den Ziegler, so sagte er wenigstens, umgehend zurückschickte. Dennoch fiel seine Nähe zu den Schrecklichen immer wieder unangenehm auf.

Wie weit Jean Ziegler in seinem geschichtslosen Enthusiasmus gehen konnte, hat der Genfer Dokumentarfilmer Nicolas Wadimoff festgehalten. Er hatte bei Ziegler studiert und war seinem Professor im Porträt «L’optimisme de la volonté» von 2016 auf subtile Weise gerecht geworden. Denn Wadimoff setzte beim Filmen die Judotechnik ein, den Gegner mit dessen eigenen Kräften zu Fall zu bringen.

So sehen wir Ziegler im Film euphorisch durch Havanna schreiten, wobei er die klaffenden Widersprüche von Castros Regime einfach ignoriert. Wir sehen ihn zu Besuch bei einer kubanischen Landkooperative, an deren Rand eine Tafel steht mit Lenins Mahnung: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.» Mit Elan verteidigt der Schweizer Professor den Satz vor dem halben Dutzend Bauern, die ihn mit einer Mischung aus Terror und Ergebenheit anblicken. Als die Szene an der Filmpremiere von Locarno zu reden gab, nahm Ziegler das Lob zurück. Aber man konnte sicher sein, dass er sich in einer anderen Umgebung wieder zu Lenin bekennen würde. Jean Ziegler hatte zu jedem Anlass eine Krawatte und eine Meinung.

Allein hätte er eine solche Karriere nicht geschafft. Leicht geht vergessen, wie viele seiner Aktivitäten er dem Einsatz seiner zweiten Frau verdankte. Erica Deuber hiess sie, eine hochgebildete Kunsthistorikerin, die für die Partei der Arbeit im Genfer Grossen Rat politisierte und die Genfer Kulturpolitik mitbestimmte. Aus dem Hintergrund regelte sie alle Details für ihren Gatten, druckte ihm, der von Computern nichts verstand, die E-Mails aus. Sie las seine Manuskripte, begleitete ihn oft auf seinen Reisen, ohne sich dabei auch nur einmal in den Vordergrund zu drängen. Ohne sie wäre Ziegler nicht weit gekommen. Dank ihr kam er überallhin.

«Genau einen solchen verträgt’s in der Fraktion», sagte der damalige SP-Präsident Helmut Hubacher über seinen Fraktionskollegen. Tatsächlich nutzte Ziegler als Nationalrat das Ansehen und die Immunität des Parlamentariers. Für die politische Arbeit interessierte er sich nur, wenn eines seiner Themen drankam. Seine Sitznachbarin im Nationalrat, die spätere SP-Bürgermeisterin von Lausanne Yvette Jaggi, sah angewidert zu, wie Ziegler sich hinsetzte – und als Erstes die Berge von Berichten, Studien, Fahnen und Anträgen in den Kübel warf.

Und doch hatte der Sozialist einen unerwarteten Komplizen. Immer wenn Jean Zieglers parlamentarische Immunität aufgehoben werden sollte, stimmte eine Mehrheit des Parlamentes dagegen. Einer davon war Christoph Blocher. Kam der selber einmal wegen einer Aufhebung der Immunität dran, stimmte auch Jean Ziegler für seinen Schutz. «Ich mag ihn halt», sagte Blocher über Ziegler, als man die beiden einmal zum Gespräch traf. Und als Christoph Blocher achtzig Jahre alt wurde und man Ziegler um eine Würdigung bat, sagte er: «Dieser Mann ist mir leider sympathisch. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet. Während sich andere pensionierte Milliardäre auf Golfplätzen vergnügen und mit ihrer Jacht nach Teneriffa fahren, kümmert er sich mit Engagement um die Schweiz. Dafür hat er meinen Respekt.»

Dazu passt, dass Jean Ziegler in Genf selbst mit jenen Anwälten bestens auskam, die auch Diktatoren verteidigten, solange für sie das Geld stimmte. Mit dem erzreaktionären, wenn auch intellektuell brillanten Advokaten Marc Bonnant zum Beispiel war Ziegler befreundet. Die Rechte lud ihn regelmässig an ihre Veranstaltungen ein. Und sei es nur, um sich ihrer eigenen Toleranz zu versichern.

Der SP-Präsident Helmut Hubacher hatte recht: Einen wie ihn brauchte die Schweiz. Auch wenn er immer wieder schwindelerregende ideologische Spitzkehren vollzog; auch wenn er schummelte oder log; auch wenn seine Bücher voller Fehler waren, aus Hast oder mangelndem Interesse; und auch wenn er die fehlenden Grundrechte von Kuba, das Verbot freier Parteien und einer freien Presse zum Kollateralschaden verharmloste auf dem Weg zu einer sozialistischen Utopie – trotzdem muss man ihm zugutehalten: Anders als seine Gegner wusste Jean Ziegler, wovon er sprach.

Er hatte die Hungerkatastrophen der afrikanischen und südamerikanischen Länder vor Ort erlebt und für die Uno Berichte geschrieben über Niger, Brasilien, Bangladesh, Palästina, Bolivien und viele andere. Er kannte die furchtbaren Folgen der südamerikanischen Militärdiktaturen, hatte gegen die Apartheid und für die Palästinenser gekämpft, vor Ort mit Opfern geredet und auch mit Tätern. Er mochte Genf als seinen Austragungsort gewählt haben, war aber sein Leben lang unterwegs gewesen – egozentrisch und doch empathisch.

Jean Ziegler mag sich übermässig inszeniert haben. Aber ein Zyniker war er nicht. Das Elend machte ihn fassungslos. Sein Leben lang.

Neue Zürcher Zeitung

17.6.2026