Meinung

Meinung & Kolumnen – Jean-Martin Büttner über Gesellschaft & Kultur

Mit feministischem Kitsch gegen Shakespeare

«Hamnet» Der Film über die Trauer von William Shakespeare und seiner Frau über den Verlust ihres Kindes gilt als grosser Oscarfavorit. Doch warum klebt dieses historische Drama derart hartnäckig am Pathos?

Gegen Ende des Films dann, nachdem ihr Sohn Hamnet mit elf Jahren an der Pest gestorben ist und die Trauer William Shakespeare und seine Frau Agnes überwältigt, wird sich der Dramatiker ein Herz fassen und zur Feder greifen. Und «Hamlet» schreiben, das Stück über den unglücklichen Prinzen von Dänemark.

Hamnet/Hamlet: Das Theater wird zum Ausdruck von Verlust, Schreiben zur Trauerarbeit. Das vierstündige Stück wird sein längstes und bekanntestes. Und führt, in einer Zeit zwischen Mittelalter und Aufklärung, den modernen Menschen als Individuum ein, das seine Existenz reflektiert: «To be or not to be, that is the question»: Den Satz kennen alle.

Das Sterben des Sohnes und die Trauer der Eltern dominieren «Hamnet», den Film von Chloé Zhao («Nomadland») nach dem letztjährigen Roman der irischen Autorin Maggie O’Farrell, die das Drehbuch mitgeschrieben hat.

Film und Buch erzählen Leben und Tod von Hamnet aus der Sicht seiner Mutter Agnes. Der Vater William bekommt nur eine Nebenrolle, dafür liefert die Uraufführung seines Stücks «Hamlet» die Schlusspointe und den Höhepunkt des Films. Davon später.

«Hamnet» ist in opulenter Schönheit gedreht, zeigt die ländliche Armut im England des 16. Jahrhunderts und ist mit Jessie Buckley als Agnes exzellent besetzt. Buckley spielt die Liebende, die Gebärende, die Mutter, die Trauernde, die Verlassene und Verzweifelte mit einer verletzlichen Wucht, während ihr Mann William Shakespeare (Paul Mescal) unrasiert danebensteht und am Leben leidet.

Shakespeare als Schwächling und Langweiler, dem man kein Gefühl abnimmt. Und von dem man nicht einmal ein Globi-Buch lesen würde. Was für eine Fehlbesetzung. Und weil der Film auf einer feministischen Botschaft besteht, wird die Mutter zur Kräuterhexe umgetopft und botanisiert ergriffen im Wald herum, während ihr Mann im Kerzenlicht Wein trinkt und seine Tinte tropfen lässt.

Auf dem Soundtrack von Max Richter greinen die Geigen, stolpert ein Klavier, und der Frauenchor fühlt sich auch nicht gut. Die Musik eines Films macht vor, wie er seine Gefühle vermittelt; der Soundtrack zu «Hamnet» vertont den Aphorismus von Oscar Wilde, wonach Sentimentalität ein Gefühl ist, für das man nicht gezahlt hat.

Während das Buch in einer Parallelhandlung erzählt, wie die Pest über Rattenflöhe und Schiffe nach England exportiert wird, konzentriert sich der Film auf das Schicksal der Familie. Mit dem abwesenden Vater, der vereinsamten Mutter und den drei Kindern, von denen der eine Zwilling an der Pest erkrankt und der andere daran stirbt.

Ob Hamnet tatsächlich von der «plague» ergriffen wurde, wissen wir nicht, aber die Seuche fiel immer wieder in Shakespeares Heimatstadt Stratford ein und raffte mehrere seiner Schwestern dahin.

Die Pest war im Leben jener Zeit dermassen präsent, dass man sich fragt, warum sie Shakespeare in seinen Stücken nur metaphorisch erwähnt: «A plague upon both your houses», heisst es etwa in «Romeo and Juliet», ein Fluch auf eure beiden Häuser. Vielleicht weil Shakespeare der Mensch mehr interessierte als die Seuche. Andererseits bedroht die damalige Angst vor einem Rückfall in den Bürgerkrieg alle seine Königsdramen.

Das Buch von Maggie O’Farrell wurde von der Presse mit einer Begeisterung rezensiert, die an Hysterie grenzt. «Unputdownable», befand der «Guardian», «impossible not to love», bekannte die «Irish Times», «I can’t believe you haven’t read this», notierte die «New York Times». Manche Kritiker weinten. Auch beim Film überschäumte der mediale Enthusiasmus, er gewann den Golden Globe als bestes Drama, jetzt redet die Kritik bereits den Oscar herbei.

Doch worin gründet diese Euphorie? Es kommt einem beim Lesen und Schauen eher so vor, dass Film und Buch im selbst angerührten Kitsch kleben bleiben. Die Schilderungen der Landschaften erinnern an Aquarelle von Sonntagsmalern, die Darstellung der Menschen bleibt opak, das Pathos raunt, die Melancholie seufzt, die Konturen werden verunklart. Das ist kein weiblicher Blick auf eine männliche Welt. Das ist Anti-Shakespeare als feministischer Kitsch. Die australische Feministin Germaine Greer hat in ihrer Recherche «Shakespeare’s Wife» aufgezeigt, wie sehr sich alle für William und niemand für seine Frau Agnes interessieren. Aber sie formuliert ihre Polemik mit ironischer Brillanz, die frei bleibt von jenem manierierten Pathos, das den Roman fast komplett und den Film weitgehend ruiniert.

«Hamnet» bestätigt in seinen beiden Versionen vor allem eines: den Satz des amerikanischen Schriftstellers William Styron, wonach nichts die literarische Geschichtsschreibung so sehr inspiriert wie der Mangel an Fakten. Zwar bezeichnet Schriftstellerin O’Farrell ihre Erzählung als Fantasie, aber sie schildert sie trotzdem als Biografisierung von Shakespeares Familie. Und damit fangen die Probleme an.

«Nur wenn es selbst erlebt ist, kann es auch wahr sein, und nur wenn es wahr ist, hält man es für Kunst», erzählte der 2020 verstorbene Shakespeare-Übersetzer Frank Günther im Gespräch: «Das ist nichts anderes als Klatsch aus der Schlüssellochperspektive der Illustrierten. Literatur muss nicht Konfession sein; zu Shakespeares Zeiten gab es nicht einmal das Konzept davon.»

Tatsächlich hat alles, was wir über Shakespeare wissen, auf einer halben A4-Seite Platz. Er wurde am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon getauft, einer kleinen Handelsstadt in der Nähe von Birmingham, heiratete mit 18 die acht Jahre ältere Agnes Hathaway, bekam mit ihr drei Kinder, arbeitete in London als Schauspieler, Stückeschreiber und Mitbesitzer seines Theaters, investierte in Getreide und Immobilien, wurde reich, kehrte in die Heimatstadt zurück, kaufte ein Haus und ein grosses Stück Land und starb mit 52 Jahren. Als mögliche Ursache wird Syphilis genannt.

So gesehen ist «to be or not to be» tatsächlich die «question». War William Shakespeare der Mann, für den er seit über 400 Jahren gehalten wird? Hat der Sohn eines analphabetischen Handschuhmachers aus einer Provinzstadt 38 Stücke mit 1000 Personen und über 150 Gedichte mit einer Million Wörtern und einem Wortschatz von fast 30’000 Wörtern geschrieben?

Das Rätsel um Shakespeares überbordendes Wissen
Wie konnte ein ungebildeter Schulabgänger so viel über damalige Geschichte, Geografie, Justiz, antike Mythologie, über Militär, Medizin und den englischen Königshof wissen, aber auch über Jagd, Angeln und Bogenschiessen? War der Schauspieler der Renaissance am Londoner Globe-Theater derselbe Mann wie der bis heute meistgespielte Dramatiker der Welt, der in über 100 Sprachen übersetzt wurde, darunter Klingon und Esperanto?

Oder war Shakespeare eine Deckfigur des 17. Earl von Oxford, eines gebildeten, weit gereisten und wortmächtigen Adligen? Viele dachten und denken das, darunter Friedrich Nietzsche, Mark Twain und Sigmund Freud.

Alle wollen wissen, wer William Shakespeare war, welche sexuellen, religiösen und politischen Überzeugungen er vertrat, wo er sich diese Bildung und sein Vokabular zusammengelesen hatte.

Nur ist er für die einen als Autor aus Stratford historisch verbürgt, und sie haben recht. Die anderen, also die Oxfordianer, argumentieren aus einem Klassendünkel heraus, wonach nur ein Adliger ein solches Werk hätte schaffen können. Der literarische Konflikt ist somit ein politischer.

Erst am Schluss entfaltet das Theater seine Wucht
Welch grosser Autor Shakespeare wirklich war, zeigt der Film in der grossartigen Schlussszene, als wir die heftige Uraufführung von «Hamlet» in Shakespeares Globe-Theater in London erleben.

Die ist genauso derb, unruhig und geradezu körperlich in ihrer Wirkung, wie die Aufführungen damals stattgefunden haben müssen. Das Publikum geht mit, erschrickt über den Geist von Hamlets Vater, freut sich an den Fechtszenen und leidet im Kollektiv, wenn Hamlet sein «Der Rest ist Schweigen» haucht und stirbt.

Das alles ist kraftvoll, realistisch und wirkungsmächtig inszeniert. Und bestätigt mit seiner geradezu physischen Wucht, was William Shakespeare uns gelehrt hat: Das Leben ist Theater, die Welt eine Bühne, und wir sind blosse Schauspieler unserer Existenz.

Tages-Anzeiger, 21.1.2026

«O. k., was machen wir jetzt?»: Roger Schawinski weiss, wie Altwerden geht

 

Es gibt Haie, die sich dauernd bewegen müssen, sonst sterben sie. Gilt das auch für Journalisten? Er durchschaut die Unterstellung sofort. Und pariert sie mit einem langweiligen «so generell kann ich das nicht beantworten». Aber die Langeweile hält nicht an, ohnehin kein Zustand, den man mit Roger Schawinski assoziiert.

Denn schon Minuten später ist er wieder in voller Bewegung; er gestikuliert, lacht, regt sich auf, freut sich, analysiert, erklärt, behauptet, kann es nicht fassen. Da ist er wieder, der Unablässige, der einem noch mit seinen achtzig Jahren vorkommt wie ein Jüngling. Und der schon früh in unserem Gespräch sein erstes Sound-Byte platziert, Vollprofi, der er ist: «Ich habe mein ganzes Leben lang gegen Monopole gekämpft.»

Dass unser Gespräch so angenehm verläuft, war nicht abzusehen. Ich war schon huere nervös, als ich am Studio von Radio 1 beim Kunsthaus ankam. Denn obwohl Schawi und ich seit über vierzig Jahren miteinander zu tun haben, ist unsere Beziehung eher konfrontativ als kommunikativ verlaufen. Wir bekamen immer wieder Krach, von Jahren eisiger Stille unterbrochen. Roger Schawinski warf mir vor, voreingenommen über ihn zu schreiben, fehlerhaft und nachlässig zu recherchieren und ein «lousy journalist» zu sein, wie er mir einmal wegen eines Flüchtigkeitsfehlers schrieb. Ich wiederum nahm ihn als über alle Massen eitel wahr, egozentrisch, ausfällig und auf kleinliche Weise nachtragend. Ausserdem empfand ich ihn – darin ähnlich wie der von ihm bewunderte Niklaus Meienberg – als mitleidlos im Austeilen und mimosenhaft im Einstecken: ein Boxer mit Glas-Kinn.

Zurzeit beschäftigt den Multipolaren die Weigerung des Bundesverwaltungsgerichts, ihm für das Radio Grischa eine Konzession zu erteilen. Roger Schawinski fühlt sich «mehrfach betrogen» und sieht sich durch die Absage in seinem Kampf gegen Systeme und Konventionen bestätigt. Vom Radio Grischa in Chur zum Fernsehen Leutschenbach bei Zürich sind es über 150 Autokilometer, er überbrückt die Strecke in Sekunden. Bei seinem ersten und letzten Arbeitgeber angekommen, dem Deutschschweizer Fernsehen, fällt ihm als Erstes Susanne Wille ein, die Generaldirektorin der SRF. Die er persönlich mag. Auch wenn er die Strategie falsch findet, ihrer Firma einen Sparbefehl von mutmasslich 900 Entlassungen zu verordnen in der Hoffnung, dadurch die Halbierungsinitiative zu unterlaufen.

Rendez-vous mit einem Journalisten, der Radio und Fernsehen der deutschen Schweiz in den letzten mehr als 50 Jahren mehr verändert hat als jeder andere Medienmann. Roger Schawinski hat 1974 mit dem «Kassensturz» die erste Konsumentensendung der Schweiz erfunden, er lancierte die Migros-Zeitung «Tat», gründete «Radio 24», «Tele24», die geschwätzige Zeitschrift «Bonus»; er leitete in Berlin den Sender Sat.1, installierte die Talkshow «Schawinski», lancierte Radio 1, sprach die Opfer von Corona an, kämpfte gegen die Abschaltung von UKW. Und damit ist noch nichts über den «Doppelpunkt» gesagt, seine oft aggressive, von seinen Unterbrechungen punktierte Radiosendung. «Es kommt immer darauf an, wen man vor sich hat», sagt er, als man ihn auf seinen Frage-Stil anspricht.

Als seien all diese Medien, Aktionen, Proteste, Interviews noch nicht genug, hat Schawinski noch 13 Bücher geschrieben. Das letzte erscheint nächste Woche und ist dem Altern gewidmet. Wobei einer wie er niemals ein Buch mit so einem resignativen Wort im Titel schreiben würde. «Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre», überschreibt der Autor seine 200-seitige Recherche.

Die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg sei die erste in Europa, hat der englische Historiker Eric Hobsbawm geschrieben, die ohne Krieg aufgewachsen sei. Diese Generation ist heute weit über das Rentenalter alt geworden. «Wir sind gesünder unterwegs, leben länger und angenehmer, vor allem in der Schweiz», sagt Roger Schawinski, der sein Buch als Feier dieser neuen Lebensfreude und zugleich als Ratgeber für ihr Bewahren verstanden haben will. Wir einigen uns auch schnell darauf, dass Thomas Gottschalks Abgang peinlich wirkte und dass Bob Dylan in den letzten Jahrzehnten mehr Platten hätte machen sollen als diese Folterkonzerte.

Roger Schawinskis Buch liest sich leicht und bleibt immer verständlich, obwohl der Autor seine Thesen mit wissenschaftlichen Studien befestigt und immer wieder die Namen von Expertinnen und Experten in seine Texte streut. Er tröstet uns über das Nachlassen der Muskelkräfte, den sinkenden Sexualtrieb, die Erkenntnis des Nicht-mehr-gebraucht-Werdens, die Konkurrenz der Nachwachsenden. Er gibt uns Empfehlungen dazu, was wir für unsere Gesundheit unternehmen müssen, worauf wir besser verzichten und welche Stellen am Körper wir regelmässig untersuchen sollten. Er zeigt auf, wie wichtig soziale Kontakte gerade im hohen Alter bleiben. Tröstet uns darüber, dass wir mehr vergessen und weniger lange schlafen als früher. Schawinskis Buch ist, mit anderen Worten, eine Art Best-of des Alterns geworden.

Allerdings ist das Schreiben nicht seine Stärke, und er weiss es. Schawinski bleibt ein Radiomann. Und hat, so scheint es, den Rat des Dichters Gotthold Ephraim Lessing zu sehr übernommen, der empfahl: «Schreibe, wie du sprichst, dann schreibst du schön.» Das stimmt beim hurtigen Zürcher Publizisten nur bis zu einem gewissen Grad. Wie schon bei seiner Autobiografie neigt der Autor zu Superlativen, Pleonasmen, Füllwörtern und Ausrufezeichen, die beim Reden nicht stören, beim Schreiben aber sehr. Roger Schawinskis Optimismus macht Mut und sein Enthusiasmus Freude. Stilistisch hilft ihm keines von beidem, denn der Überschwang wattiert die Befunde. Er habe das Buch in drei Monaten heruntergeschrieben, sagt er; man glaubt ihm sofort.

Ironischerweise vermisst man an seinem neuen Buch am meisten das, was man ihm sonst am häufigsten vorwirft: Roger Schawinski selber. Obwohl er die düsteren Themen des Alterns anspricht, drohende Demenz etwa, aber auch Altersdepression und die Abhängigkeit von anderen, erfährt man nur wenig darüber, was ihn selber beim Älterwerden plagt. Hat er keine Todesängste? Hält er Vergesslichkeit nicht für ein Warnzeichen der Demenz? Kränkt es ihn nicht, dass alle ihn als alten Mann erleben? Wäre nicht gerade bei diesem Thema der persönliche Zugang interessanter gewesen? Und wie erstrebenswert ist das hohe Alter, wenn einem die Freunde wegsterben?

Er habe sich diesen Zugang überlegt, sagt er, sich aber für ein informierendes Buch entschieden, weil dieses den Lesern seiner Generation eher helfen würde, mit ihrem Altern umzugehen. Als ich ihm im Gespräch unterstelle, sein ganzes Buch komme mir wie eine einzige Verdrängung des Todes vor, reagiert er gelassen. Und räumt ein, man könne das so sehen, ihm sei es aber wirklich darum gegangen, den Leuten beim Altern zu helfen. Seine Reaktion belegt, was er in seinem Buch ebenfalls behandelt: Altersmilde.

Wir trafen einander zum ersten Mal am 26. Januar 1980 auf dem Zürcher Bürkliplatz. Ich erlebte ihn dort als einer der Tausende von Demonstrantinnen und Demonstranten, die gegen das Abstellen von Radio 24 durch die Behörden protestierten. Wir hörten in unserer Studenten-WG seinen Sender, gingen ins Volkshaus, wo Polo Hofer seinen opportunistischen «Radio 24»-Song als Erstes vortrug, gingen an das Gratiskonzert von Jimmy Cliff, das Schawinski im Autonomen Jugendzentrum organisiert und finanziert hatte. Es blieb der einzige friedliche Moment an diesem Ort der verzweifelten Utopie. Ich erlebte auch live, wie am 22. Januar 1980 das Radio von Roger, wie wir ihn alle nannten, zum ersten von drei Malen abgestellt wurde. «Wir trauerten eine Viertelstunde lang», erinnert sich Schawinski heute, «dann sagte ich, o. k., was machen wir jetzt? Ich bin keiner, der rückwärts schaut.»

Das Rückwärtsschauen erlaubt immerhin die Sehnsucht nach jener Zeit, als der Journalismus noch keine bedrohte Tierart war und der Gesellschaft noch etwas bedeutete. Als ein Leitartikel noch eine gewisse Definitionsmacht hatte und Journalisten wochenlang an einem Thema recherchieren konnten. Und als wir Journalisten noch nicht von Tausenden von Pressesprechern und anderen Umformulierern bedrängt wurden, von denen die wenigsten schreiben konnten und die meisten uns trotzdem dreinredeten. Roger Schawinski mag zu Rechthabereien neigen und zu masslosen Attacken als Reaktion auf Kritik, denke ich auf dem Heimweg. Aber er glaubt an das, was er macht. Er ist ein Zorniger, aber kein Zyniker. Und er ist ein leidenschaftlicher Journalist geblieben.

Roger Schawinski: «Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre». Zürich: Verlag Radio 1, 200 Seiten.

Der Mann, den es gar nicht gibt

Vor zehn Jahren starb David Bowie. Wer war er, und was bleibt von ihm?

Er starb so überraschend, wie er gelebt hatte. Am 8. Januar 2015, seinem 69. Geburtstag, hatte David Bowie eine letzte Platte veröffentlicht. «Black Star» hiess sie und hörte sich rückblickend an wie eine vorgezogene Todesanzeige. Zwei Tage später starb er, der anderthalb Jahre zuvor die Diagnose Leberkrebs erhalten hatte; das Timing lässt vermuten, dass er das Leben freiwillig verliess.

Da die wenigsten von seiner Krankheit gewusst hatten, löste sein Tod einen kollektiven Schock aus. Die Trauernden überboten sich weltweit in ihren Gefühlsausbrüchen. An der Brixton Road im Süden Londons, wo Bowie seine ersten fünf Jahre verbracht hatte, versammelten sich die Fans. Manche hatten seine Embleme aufgeschminkt, andere trugen die roten Haare von Ziggy Stardust, seiner ersten von zahllosen Rollen, mit denen er uns während Jahrzehnten unterhalten hatte.

Und auch heute, zehn Jahre später, gibt es keinen Musiker, Songschreiber, Performer, Avantgardisten, Pop-Star und Konzeptkünstler wie ihn. David Robert Jones, als Scheidungskind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen mit einem abwesenden Vater und einer abweisenden Mutter, hatte schon zu Lebzeiten über 100 Millionen Platten verkauft; er gilt als einflussreichster Solokünstler der Rockmusik. «There is old wave, there is new wave, and there’s David Bowie», verkündete seine damalige Plattenfirma RCA 1977, und es stimmt: Nicht einmal der Punk konnte ihm etwas anhaben.

Bevor wir die Frage beantworten können, was uns David Bowie hinterliess, müssen wir herausfinden, wer er überhaupt war. Zitiert man ihn über sich selber, erweisen sich die Definitionen als Abfolge von Ablenkungsmanövern. «Es gibt mich gar nicht, ich existiere nur im Auge des Betrachters», sagte er etwa und behauptete, die Aufmerksamkeitsspanne einer Heuschrecke zu haben: «Am Dienstag war ich Buddhist, und am Freitag war ich bei Nietzsche angelangt.» David Bowie sei ein permanenter Tourist, schrieb der Musikkritiker Jon Savage: neugierig, aber fremd.

Zwar war Bowie seiner Zeit oft eine Platte, einen Stil und eine Pose voraus, doch blieb er dabei mit der Suche nach einer Identität beschäftigt. «I Can’t Help Thinking About Me», sang er auf seiner ersten Single von 1965. «I Don’t Know Who I Am», bekannte er vierzig Jahre später, und es stimmt beides. David Bowie war obsessiv auf sich selber bezogen – und schien gleichzeitig nicht zu wissen, wer er wirklich war. Auch darum kam er einem vor, als spiele er immer eine Rolle. Sein Lachen hatte etwas Künstliches, seine Interviews klangen aufgesetzt, seine Ansagen an den Konzerten hohl, und auch als Schauspieler wirkte er falsch.

Offensichtlich an David Bowie, wie er sich nach dem gleichnamigen Messer nannte, waren seine Intelligenz und sein Charisma, sein Humor und seine Brillanz als Sänger, Songschreiber und Performer. Vermutlich hatte sein Freund Iggy Pop recht, der Bowie mit diesen drei Attributen ausstattete: Stil, Ausdauer und einem masslosen Drang nach Erfolg. Wobei dieser Erfolg bei ihm auf sich warten liess, was gerne vergessengeht angesichts von Bowies späterem globalem Durchbruch. In den ersten zehn Jahren seiner Karriere verbrauchte der Ehrgeizige neun Bands, veröffentlichte dreizehn erfolglose Singles und vier mehr oder weniger erfolgreiche Alben. Bis er endlich die Figur erfand, die ihm den Weltruhm brachte: Ziggy Stardust, ein androgynes Wesen von einem anderen Stern, das mit Alabasterhaut, grellrot gefärbten Haaren, grünem Ganzkörperanzug und einer blauen Zwölfsaitengitarre die Welt betrat.

Journalisten haben den Beginn von Bowies Ruhm auf den 6. Juli 1972 datiert. An diesem Tag trat er in der BBC-Sendung «Top of the Pops» auf als schöner, femininer, bunt geschminkter Mann, der seine Single «Starman» sang und bei der Zeile «I had to find someone so I picked on you» direkt in die Kamera blickte, auf seine Zuschauer zeigte und allen zu verstehen gab, die ihm schüchtern vor dem Fernseher zuschauten, dass dank ihm ab sofort jeder der sein durfte, der er sein wollte. So androgyn und bisexuell hatte sich noch kein Star in der machistischen Welt des Rock zu zeigen getraut, welche die Sixties dominierte.

Die amerikanische Kulturtheoretikerin Camille Paglia hat diesen Moment als eigentlichen Beginn der siebziger Jahre bezeichnet, weil Bowie mit seinem Auftritt nicht nur das traditionelle Männerbild, sondern auch den Authentizitätsmythos der Rockkultur perforierte. Auch die Stars, gab der Sänger uns zu verstehen, sind nichts anderes als Schauspieler ihrer selbst. So sah es auch der deutsche Liedermacher Heinz Rudolf Kunze: «Der Rock’n’Roll nach Bowie ist katholisch-sentimentalistisch, er weiss zu viel», schrieb er in einem Essay: «Er weiss, dass sich hinter den sich ausschreienden Ichs die Einsicht verbirgt, dass auch diese Ichs nur Rollen sind.»

Als Ziggy Stardust ging Bowie 1972 und 1973 auf seine erste Welttournee – um beim letzten Konzert in London zu verkünden, das sei es jetzt gewesen: «This is the last show we’ll ever do.» Während seine Band schockiert auf ihre Entlassung reagierte und die Fans verstört zurückblieben, war Bowie schon fünf Platten und drei Rollen weiter. So würde er es seine lange Karriere über halten. «Ich sammle Persönlichkeiten wie Ideen», sagte er. Wobei jede Persönlichkeit, die er einnahm, in Kürze zur Pose gerann.

«Changes» heisst eine frühe Single von ihm. Der Titel ist Programm für einen Künstler, dessen einzige Konstante der Wandel war. Mit jeder neuen Platte sah er anders aus, deklinierte im Laufe seiner Karriere alle nur denkbaren musikalischen Stile, von Folk zu Pop, Rock zu Heavy Metal, Elektronika zu Drum’n’Bass, Croonertum zu Jazz. Und blieb trotz diesen wechselnden Rollen, Frisuren und Musikstilen in jedem seiner Songs sofort erkennbar.

Das lag zuallererst an seiner Stimme, diesem bodenlosen Bariton, der übergangslos in ein flehendes Falsett kippen konnte. Und der harte Rocksongs ebenso glaubhaft wiedergeben wie in opernartiges Pathos ausbrechen konnte. Bowie sang mit deutlicher, sehr britischer Artikulation und einem eleganten Vibrato. In der Stimme drückten sich alle Gefühle aus, denen Bowie als Mensch misstraute. Alle Musiker, die mit ihm aufnahmen, bewunderten seine handwerklichen Fertigkeiten, wie schnell er im Studio arbeitete. Oft gelang ihm das Singen in einem einzigen Take.

Und wie genau er wusste, was er von seinen Mitmusikern wollte. Selbst bei den Aufnahmen zum Album «From Station to Station» von 1976, als Bowie schwer von Kokain abhängig und zu einer skelettalen Figur abgemagert war, behielt er die Kontrolle über die Aufnahmen. Dass er sich nicht an diese Aufnahmen erinnern konnte, sagt eine Menge über seinen damaligen Zustand aus. Im Kokainrausch vertiefte er sich auch in den Okkultismus und bewunderte Adolf Hitler, wofür er später viele Male um Entschuldigung bat.

Zu seinen Qualitäten gehört die Originalität seines Songwritings, sein Instinkt für eigenwillige Arrangements und seine inspirierte Zusammenarbeit mit Gitarristen wie Mick Ronson, Earl Slick, Carlos Alomar oder Reeves Gabrels. Wie offen er für musikalische Stile blieb, vom schwarzen Soul aus Philadelphia bis zum weissen Elektro-Beat von Kraftwerk aus Düsseldorf, zeigt seine intensivste Phase der Jahre 1975 bis 1980, als er sechs gleichbleibend brillante Platten aufnahm, seinem Freund Iggy Pop bei seinen ersten und besten Soloplatten als Autor und Produzent half, ihn auf Tour begleitete und eine eigene Welttournee abhielt.

Dazu musste er ein Gerichtsverfahren durchlaufen, die schmerzhafte Scheidung von seiner ersten Frau, Angie, überstehen. Er spielte in seinem zweiten Film und begann, als Maler zu dilettieren. Aber erst nach dem von Nile Rodgers auf den Massenerfolg hin produzierten Album «Let’s Dance» von 1983 geriet Bowie in eine zehnjährige Schaffenskrise. Er erholte sich aber und brachte fertig, was den wenigsten Vertretern seines Genres gelang: ein exzellentes Alterswerk zu produzieren mit mehreren Platten und Tourneen auf hohem Niveau.

Wer war David Bowie wirklich? Er selber sprach wiederholt von der Angst, den Verstand zu verlieren. «Mein Gehirn schmerzt wie ein Warenhaus, da ist kein Platz mehr frei», sang er 1972 im Song «Five Years». Sein neun Jahre älterer Halbbruder Terry, der David Jazz, Buddhismus und die Beat-Poeten nahebrachte, erkrankte an Schizophrenie und musste eingeliefert werden. An einem Januarmorgen 1985 verliess er die Klinik, legte sich beim Bahnhof von Coulsdon auf die Schienen und liess sich überfahren. Auch drei von Bowies Tanten kämpften mit schweren psychischen Problemen, Bowie selbst besang den Wahnsinn in mehreren Songs.

Aber selbst das beschreibt ihn nur zum Teil. Möglicherweise muss man noch weiter über das hinausdenken, was der Künstler an Verhaltensweisen und Erklärungen dargeboten hat. Darauf deutet der Autor Paul Trynka in «Starman» hin, seiner exzellenten Biografie von 2012. Gemäss ihm erlebten Musiker, die mit Bowie im Studio arbeiteten, ihn nicht nur als distanziert oder kühl, sondern auch als humorvoll, unkompliziert, geradezu kumpelhaft: ein Londoner Cockney. Vielleicht besteht das grösste Geheimnis um David Bowie darin, dass er keines war.

Neue Zürcher Zeitung
10.01.2026