Eine packende Netflix-Dokumentation zeigt, wie der mächtigste Medienmann der Welt seinen Willen durchsetzt. Auch in der eigenen Familie.
Familienoberhaupt: Der in Australien geborene Medienunternehmer Rupert Murdoch, hier auf einer Aufnahme von 1968. Aubrey Hart/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images
Der Mann ist 95 Jahre alt, zum fünften Mal verheiratet, hat sechs Kinder aus drei Ehen. Sein Vermögen wird auf 21 Milliarden Dollar geschätzt, und er hat sich zum weltweit einflussreichsten Meinungsverbreiter hochgearbeitet, hochgekauft und hochintrigiert.
Rupert Murdoch, der Verlegersohn aus dem australischen Melbourne, kontrolliert Hunderte konservative Zeitungen, Fernsehstationen, Internetportale und andere Mediensysteme in den USA, in Südamerika, Europa, Asien und Australien. Ohne ihn wäre der republikanische Propagandasender Fox News nicht entstanden, Donald Trump nicht zweimal gewählt, Margaret Thatcher wohl nicht zweimal wiedergewählt, der Brexit nicht angenommen und die australische Klimapolitik nicht blockiert worden.
Wie funktioniert dieser Mann? Wie konnte er eine solche Definitionsmacht akkumulieren? Und wie brachte er es siebzig Jahre lang fertig, sein Unternehmen und seine nach Macht strebenden Kinder so geschickt zu kontrollieren, dass er bis heute in letzter Instanz über die Geschicke seines Konzerns befindet, obwohl er seine Geschäfte offiziell abgegeben hat?
Der Streamingdienst Netflix hat sich der Familie Murdoch angenommen. Die Regisseurinnen Liz Garbus und Sara Enright haben Tausende von Dokumenten ausgewertet, mit mehreren Dutzend Fachleuten und ehemaligen Angestellten gesprochen und das Resultat ihrer Recherche zu einer eng verwobenen, packend erzählten und sorgfältig belegten Saga montiert. Die Murdochs verweigerten den Dokumentaristinnen das Gespräch, doch hat diese Familie ihr Leben und ihre Geschäfte dermassen öffentlich geführt, dass die Dokumentation zahlreiche Archivaufnahmen nutzen konnte inklusive Interviews, Auftritten, Partyszenen und Ferienclips.
Und obwohl die Serie viele talking heads beim Reden über wirtschaftliche und politische Aspekte der Familie Murdoch zeigt, zieht sie ihre Geschichte als Familiendrama auf. «Dynasty: The Murdochs» spielt schon im Titel auf die gleichnamige Fernsehserie der Achtzigerjahre an, die während der Reagan-Jahre die fiktive reiche Familie Carrington abfeierte.
Es kann also kein Zufall sein, dass Jonathan Mahler von der «New York Times» die Geschicke des Murdoch-Clans als «jahrzehntelange Seifenoper auf Steroiden» bezeichnet und sein Kollege Jim Rutenberg die internen Kämpfe der Familie mit «Succession» vergleicht. Das ist die amerikanische Erfolgsserie über einen Medienkonzern, der von einem Patriarchen zusammengehalten wird, dessen Söhne und Tochter gegen ihn und gegeneinander intrigieren. Die neue Dokumentation übersetzt somit ein fiktionales Familiendrama in die Realität zurück.
Die Regisseurinnen symbolisieren die Machtkämpfe des Clans mit einem Brettspiel, bei dem die einen Figuren vorrücken und die anderen zurückbleiben. Diese personalisierte Erzählweise hat mehrere Vorteile. Erstens garantiert sie eine anschauliche Darstellung der Fakten, weil die Figuren nachvollziehen lassen, wie Vater Murdoch die Kinder gegeneinander ausspielte und diese in wechselnden Koalitionen um seine Aufmerksamkeit kämpften. Zweitens wird so die Ruchlosigkeit der Murdoch-Presse stärker deutlich gemacht, als es eine dürre Chronik vermocht hätte.
Drittens macht die Serie plastisch vor, dass nicht Wirtschaft oder Politik das Funktionieren der Familie Murdoch am besten erklären, sondern die Psychologie. «Dynasty: The Murdochs» erweist sich als Psychogramm der Macht. Oder wie es die Fachleute in der Dokumentation ausführen: Rupert Murdochs Kinder rangen um die Anerkennung ihres Vaters. Und dieser opferte die Familie dem Geschäft. «Rupert sprach von seinem Traum, ein Familienunternehmen zu errichten», sagt der amerikanische Recherchejournalist Gabriel Sherman. «Stattdessen schuf er ein Geschäft, das seine Familie zerstörte.»
Wer ist Rupert Murdoch? Er kommt 1931 als zweites von vier Kindern eines Zeitungsmachers auf die Welt. Sein Vater Keith Arthur ist ein autoritärer Calvinist, der als schwerer Stotterer gegen seine eigene Abwertung bestehen muss. Und der sich zum Medienzar seiner australischen Heimat hochkämpft, während sich die Mutter Elizabeth als Philanthropin feiern lässt.
Die Netflix-Serie bestätigt, was der amerikanische Publizist Michael Wolff in seiner fast 500 Seiten langen Biografie über Rupert Murdoch ausgeführt hat: dass der Sohn unter seinem kalten Vater leidet, der ihm wenig zutraut. Und dass er sein Medienimperium auch deshalb aufbaut und obsessiv überwacht, um die Entwertungen seines Vaters zu kompensieren.
Der stirbt 1952 an Krebs; deshalb muss der Sohn als 21-Jähriger sein Studium in Oxford aufgeben, um die Geschäfte zu übernehmen. Dabei erkennt er rasch, dass ihn ehemalige Mitarbeiter seines Vaters abdrängen wollen. Er wuchtet sich gegen ihren Widerstand an die Macht und verjagt die Verräter. Trotz seines Triumphes bestimmt die Angst vor dem Verrat ein Leben lang seine Haltung als Chef, steigert sich in eine Paranoia des Misstrauens.
Aus solchen Kränkungen heraus lässt sich erklären, warum Rupert Murdoch später behauptet, er habe seine Karriere als Aussenseiter angetreten und sei ein Underdog der Gesellschaft gewesen. In Wahrheit wächst er als behüteter Sohn auf, in einem Haus mit dreissig Zimmern, goldenem Besteck und Bediensteten. Zudem kann er vom Vater einen erfolgreichen Zeitungskonzern übernehmen.
Was aber stimmt: Murdoch wird sowohl in Europa als auch in den USA als australischer Emporkömmling wahrgenommen. Diese Entwertung durch das Establishment schürt seinen rächenden Charakter. «Meine Zeitungen vertreten mein Denken, meine Werte und meine Persönlichkeit», zitiert ihn die Serie. Tatsächlich bringt Rupert Murdoch seine Zeitungen zum Erfolg, indem er ihnen die eigene Haltung als Methode verschreibt: revanchistisch in der Absicht, denunziatorisch im Vorgehen.
Hellsichtig erkennt der Verleger, dass sich die Leserinnen der Arbeiterklasse von ihren Zeitungen unverstanden fühlen. Also gibt er ihnen, was sie lesen wollen. Die Murdoch-Presse bringt grell bebilderte Berichte voller Sex, Gewalt und herbeigeschriebenen Skandalen; sie veröffentlich Artikel, die bei der Leserschaft Neid und Frustrationen auslösen, die mit Schuldzuweisungen an Andersdenkende befeuert werden; sie attackiert die sogenannte Elite, die das einfache Volk angeblich verachtet; sie schürt Diffamierung von Ausländern, der LGBTQIA+-Gemeinschaft und allen anderen, die kein konformes Leben führen, und verklärt den Mann zum virilen Klischee in Kombination mit einer sexualisierten Entwertung der Frau.
In seinem Menschenbild gleicht Rupert Murdoch Richard III., dem verschlagenen König von William Shakespeare: Beide glauben, dass die Menschen von Grund auf schlecht sind; und sie haben ihre Einsicht all jenen voraus, die sich für gut halten. Murdoch hat den Boulevardjournalismus nicht erfunden. Aber kein Verleger hat ihn dermassen rücksichtslos angewendet wie er. Und dabei jedes Vorgehen gebilligt, das die Quote steigert: Lüge, Hetze, Hass.
Mit dieser Gesinnung brutalisiert Murdoch, der 1968 nach London gezogen ist, die Boulevardzeitung «News of the World» zu einem Kampfblatt mit einer Auflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren. Ähnlich erfolgreich verfährt er mit «The Sun», dann kauft er das Qualitätsblatt «The Times». «Mich langweilen die Snobs, die unsere Zeitungen schlechtmachen, während keiner ihre eigenen Zeitungen liest», sagt er über seine Konkurrenten.
Als ihm England zu eng wird, zieht der Australier mit seiner Familie nach New York und pusht die «New York Post» zu einem aggressiven Boulevardblatt nach englischem Vorbild. Zur publizistischen Kompensation übernimmt er das angesehene «Wall Street Journal». In Amerika entwickelt Murdoch auch die Strategie, einflussreiche, ihm politisch gewogene Leute zu unterstützen, um als Geschäftsmann von ihrer Gunst zu profitieren. Der Verleger hilft Margaret Thatcher, Gerald Ford, Ronald Reagan, Vater und Sohn Bush, John Major, Tony Blair, Theresa May, David Cameron, Boris Johnson, Donald Trump und mehreren australischen Premiers.
Exemplarisch dekliniert die Netflix-Serie Murdochs Einsatz für Ronald Reagan, dem der Verleger mit der «New York Post» bei Wahl und Wiederwahl hilft. Der Republikaner revanchiert sich mit dem politischen Schutz von Murdochs Medienkartellen, erleichtert ihm den Zugang zum amerikanischen Bürgerrecht und schafft die sogenannte Fairness Doctrine ab, derzufolge amerikanische Medien ausgewogen zu berichten haben.
Nur so bekommt Rupert Murdoch die Möglichkeit, mit Fox News einen landesweiten Fernsehsender zu lancieren, der missliebige Politikerinnen mit Fake News, Diffamierungen und Verschwörungstheorien desavouiert. Und auch hier kombiniert er Sex mit Crime: Vor den Kameras von Fox News, sagt ein Beobachter, «vertreten junge Frauen die Ansichten alter Männer». Die ersten Opfer des Senders sind Bill und Hillary Clinton, später werden Barack Obama und Joe Biden attackiert.
Umgekehrt profitiert Donald Trump von Murdochs Unterstützung. Ohne die Hofberichterstattung von Fox News, sagen die Fachleute in der Serie, wäre Trump weder zum amerikanischen Präsidenten gewählt noch wiedergewählt worden. Dabei hält Murdoch Trump für einen «fucking idiot», wie er intern sagt. Er unterstützt ihn aber mit Unterbrüchen, um von seiner Macht zu profitieren.
Je mehr sich Murdochs Söhne Lachlan und James in die Geschäfte ihres Vaters einmischen, desto heftiger eskaliert der Streit über die politische Ausrichtung des Konzerns. Murdoch setzt auf seinen ältesten Sohn Lachlan, weil dieser seine reaktionären Überzeugungen teilt. Lachlans Bruder James, der sowohl Joe Biden als auch Kamala Harris finanziell unterstützt, wünscht sich einen liberaleren Kurs.
Am Schluss des jahrzehntelangen, von Netflix detailliert dokumentierten Kampfes voller Intrigen, Zweckbündnisse und gegenseitigem Verrat setzt sich der Patriarch vor Gericht durch: Murdochs Sohn Lachlan übernimmt 2025 die Führung, die er bis 2050 behalten soll, sein Bruder James, seine Schwester Elisabeth und seine Halbschwester Prudence werden mit je über einer Milliarde Dollar abgefunden.
Am meisten schaden dem Murdoch-Clan aber nicht die Richtungskämpfe oder die Konkurrenz, sondern die hausgemachten Skandale. So muss Fox News dem kanadischen Unternehmen Dominion Voting Systems 2023 fast 800 Millionen Dollar zahlen; Murdochs Sender hat Dominion fälschlicherweise unterstellt, seine Wahlsoftware habe die US-Wahlen von 2020 zuungunsten von Donald Trump manipuliert.
Schon 2011 haben der «Guardian», CNN und andere Medien aufgedeckt, dass Murdochs «News of the World» Telefongespräche und Anrufbeantworter von Politikern, Schauspielerinnen, Soldaten und sogar einem entführten Mädchen abhören, das später tot aufgefunden wurde. Die Murdochs bestreiten, von solchen Praktiken gewusst zu haben, doch glaubt ihnen das keiner, der ihre Art der Führung kennt. «Auch die Murdochs essen gerne Wurst», kommentiert ein politischer Beobachter, «nur wollen sie nicht dabei sein, wenn man sie macht.» Als der Reputationsschaden der Zeitung zu gross wird, stellt Murdoch sie abrupt ein. Von der Chefredaktorin Rebekah Brooks, welche die Methoden der «News of the World» geduldet hat, distanziert er sich nie.
In den Zehnerjahren schliesslich wird bekannt, dass Roger Ailes und Bill O’Reilly, der Macher und der Star von Fox TV, über Jahre Mitarbeiterinnen des Unternehmens sexuell belästigt haben. Schlimmer noch: Ihre Ausfälligkeiten sind dem US-Sender bekannt und werden von den Murdochs gebilligt. An die geschädigten Frauen müssen Millionenbeträge ausgezahlt werden. Was Rupert Murdoch nicht daran hindert, die beiden angeklagten Männer mit Abgangsentschädigungen von insgesamt mehr als 60 Millionen Dollar zu verabschieden.
Aus solchen Begebenheiten ergibt sich die dialektische Ironie, dass Murdochs Konzern jene Sorte von Rücksichtslosigkeiten am meisten schadet, die seinen Aufstieg zum weltweit mächtigsten Verleger ermöglicht hat. Was das Rezept sei für seinen Erfolg, wird er einmal gefragt. «Provoke every debate and apologize for nothing», gibt er zurück, mache dauernd Lärm und entschuldige dich nie.
Rupert Murdoch wird sterben. Und sein Imperium immer weiter lärmen.
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2026-04-05 09:15:542026-04-05 09:15:54Rupert Murdoch liebt das Schlechte im Menschen
Eine Apple-Dokumentation zeigt, wie ein Guru junge Frauen in die Abhängigkeit geführt hat.
Sie merkt es spät, dann aber trifft es sie heftig: «Plötzlich wurde mir klar: Ich muss hier sofort raus», sagt die Yoga-Schülerin Ashleigh Freckleton im Film von Rowan Deacon. Die englische Regisseurin hat für Apple eine dreiteilige Dokumentation über einen internationalen Ring von Yoga-Schulen recherchiert, die sich als unabhängig ausgaben, aber dem selbsternannten Guru Gregorian Bivolaru junge Frauen zuführten. Dieser soll sie sexuell missbraucht haben unter dem Vorwand, ihnen eine spirituelle Erleuchtung zu ermöglichen. Sex mit ihm war für ihn offenbar die höchste Stufe des Yoga.
Wenn Ashleigh, die junge Australierin, «hier» sagt, dann meint sie: mit anderen Frauen in einem unbekannten Haus einer Pariser Vorstadt eingesperrt zu sein. Sie war mit verbundenen Augen dorthin gefahren worden, musste Pass und Handy abgeben. Kontakte zur Aussenwelt durfte sie keine haben, stattdessen lebte sie mit zahlreichen Frauen eingesperrt unter unhygienischen Bedingungen. Und wurde genötigt, Pornofilme zu schauen.
Mit «sofort» schliesslich meint Ashleigh den Moment, als sie zum ersten Mal Nein sagt. Über ein Jahr lang hat sie sich auf Kurse des tantrischen Atman-Yoga eingelassen. Das ist eine Variante der indischen Heilslehre, welche die Erotik als Mittel der Erleuchtung einbezieht.
Ashleighs Guru hatte schon in seiner Jugend mit pornografischem Material gedealt und begann mit 19 Jahren, ohne nachweisliche Ausbildung Yoga-Kurse abzuhalten. Der heute 75-Jährige hängt Verschwörungstheorien an und wird laut mehreren Quellen als betrügerisch beschrieben, paranoid und sexuell besessen.
Als Ashleigh ihm die Initiation verweigert, wie Bivolaru den Sex mit ihm bezeichnet, reagiert er aggressiv. In Grossbuchstaben und mit rotem Stift wirft er ihr vor, ihr «grosses Ego» sei schlecht, da von Dämonen manipuliert. Ausserdem halte er ihre Reaktion auf seine Liebe für «bizarr, morbid, krank und pervers». Von diesem Moment an möchte Ashleigh nur noch weg; sie hat genug von ihm und den rumänischen Frauen, die ihm zudienen.
Doch bevor sie abreisen darf, muss sie eine mehrseitige Erklärung abschreiben und vor der Videokamera vortragen, wonach sie in keiner Weise genötigt oder misshandelt worden ist. Auf diese Weise können alle befragten Yoga-Schulen abstreiten, etwas mit Gregorian Bivolaru zu tun zu haben. Auch er selber lässt ausrichten, keinerlei Missbrauch betrieben zu haben.
Wie Ashleigh Freckleton sagen auch andere Frauen in der Dokumentation, sie hätten die vorbereitenden Yoga-Kurse als beglückend erlebt. Erst später hätten sie realisiert, dass ihr Guru sie bloss ausbeuten wolle. Zum selben Schluss kam die französische Polizei. Sie verhaftete Gregorian Bivolaru im November 2023 und befreite in mehreren seiner Häuser über fünfzig Frauen, die unterernährt in engen, schmutzigen Wohnungen ausharren mussten.
Seither wartet der Verhaftete, der in anderen Ländern wegen erzwungener Prostitution gesucht wird, im Gefängnis auf seinen Prozess. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm 30 Jahre Haft. Die französische Justiz wirft ihm unter anderem Menschenhandel, Vergewaltigung und Entführung vor. Noch gilt die Unschuldsvermutung.
Dass der mutmassliche Täter sich selber als Opfer sieht, gründet auch in seiner rumänischen Herkunft. Denn als Bivolaru in seiner Heimat Yoga zu unterrichten begann, war die Lehre unter der Diktatur von Nicolae Ceausescu verboten; Bivolaru wurde von der Geheimpolizei Securitate überwacht und mehrmals verhaftet.
Sein Verhalten wirft die Frage auf, wie ein solcher Mann eine derartige Macht über Frauen ausüben konnte – sowohl über jene, die ihm zudienten, wie über jene, die er missbrauchte. «Solche Männer geben Frauen das Gefühl, diese seien auserwählt und würden durch sein Interesse an ihnen zusätzlich aufgewertet», sagt der Sektenexperte Hugo Stamm; für Aussenstehende sei das schwer zu verstehen, «aber wer sich auf eine solche Gruppierung einlässt, gerät immer tiefer in die Abhängigkeit».
Dazu kommen die manipulativen Techniken, wie man sie von der katholischen Kirche und anderen religiösen Organisationen kennt, aber auch von den Missbräuchen durch Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell: Die Opfer werden sukzessive von der Aussenwelt isoliert, mit einer Kombination von Schmeicheleien und Strafen gefügig gemacht und den Tätern schrittweise zugeführt.
Und welche Rolle spielt das Yoga bei einer solchen Indoktrination? Tatsache ist, dass es immer wieder zu Fällen von sexuellem Missbrauch durch Yoga-Lehrer gekommen ist, sowohl in Indien als auch in westlichen Ländern. Als körperliche Technik vermittelt Yoga den Eindruck von Nähe, weshalb der Lehrmeister bei manchen Schülerinnen Gefühle der Verehrung auslöst; Phantasien von Allmacht und Unterwerfung greifen erotisch ineinander.
Diese Zusammenhänge bestätigt der Zürcher Yogi Bruno Dietziker, der sich in Indien acht Jahre lang zum Lehrer ausbilden liess. Die in der Dokumentation beschriebenen Handlungen findet er «absolut indiskutabel», für ihn stehen sie «im kompletten Widerspruch zu allem, worum es im Yoga geht», welcher Richtung er auch immer angehöre.
Allerdings räumt Dietziker in der Praxis eine Missbrauchsgefahr ein. Das asymmetrische Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerinnen könne bei diesen Gefühle der Verehrung und des Verliebtseins auslösen, sagt er, zusätzlich verstärkt durch die Körperlichkeit der Yoga-Übungen.
Er selbst habe solche erotischen Wünsche von Schülerinnen mehrmals erlebt. «Doch für mich als Lehrer kann es nur die konsequente Abstinenz geben.» Diese Haltung habe er vor allem seiner eigenen, tiefen Selbsterfahrung zu verdanken. Alles andere entwerte das Yoga, das doch die Würde der Menschen achte.
«Twisted Yoga»: 3 Teile à rund 40 Minuten auf Apple TV.
Neue Zürcher Zeitung
01.04.2026
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2026-04-05 09:13:042026-04-05 09:13:04Die dunkle Seite des Yoga
Netflix zeigt eine Verfilmung des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Seine Dystopie über faschistische USA wirkt beklemmend aktuell.
Die USA im Jahr 1962, das Land hat seine Freiheit verloren. In den Vierzigerjahren haben die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Washington wurde durch eine deutsche Atombombe vernichtet, die Wehrmacht hält die US-amerikanische Ostküste besetzt, die SS macht Jagd auf Dissidenten, Schwarze und Juden. Auf dem Times Square hängt das Hakenkreuz unter dem Auschwitz-Slogan «Arbeit macht frei». Adolf Hitler lebt, wenn auch an Syphilis erkrankt. Die Westküste der USA wird vom japanischen Kaiserreich kontrolliert, das im Weltkrieg mit den Nationalsozialisten paktierte und seither einen misstrauischen Frieden mit ihnen wahrt.
Eine neutrale Zone in den Rocky Mountains trennt die beiden Siegermächte; Dissidente und andere Verfolgte halten sich dort auf. Die Widerstandskämpfer tauschen verbotene Filme aus, die in aufwendig gedrehten Wochenschauen behaupten, in Wirklichkeit hätten die Alliierten unter Churchill, Eisenhower und Stalin den Krieg gewonnen. Diese Filme werden einem geheimnisvollen Mann der Berge zugeschrieben, auf den Japan und Nazideutschland fieberhaft Jagd machen. Die beiden Regimes können aber nicht verhindern, dass die Kunde dieser alternativen Realität immer mehr Menschen in Amerika erreicht.
So weit die amerikanische Dystopie, die ab 2015 als vierteilige Serie bei Amazon Prime erschienen und seit letzter Woche auf Netflix verfügbar ist. Die komplex erzählte, visuell betörende Serie orientiert sich an «The Man in the High Castle», dem bekanntesten Buch von Philip K. Dick (1928–1982).
Der Kalifornier schrieb in seinem kurzen Leben 45 Romane und über 120 Kurzgeschichten, welche die jeweilige Realität hinterfragten und die Zukunft als Folge von Albträumen inszenierten. Heute wird Dick als Visionär der Science-Fiction gefeiert. Von keinem Science-Fiction-Autor sind so viele Romane und Kurzgeschichten so erfolgreich verfilmt worden. Zu den bekanntesten Verfilmungen gehören «Blade Runner» (1982), «Total Recall» (1990) und «Minority Report» (2002).
Wer war dieser Dick, der solche Dystopien erfand und Helden schuf, die in mehreren Wirklichkeiten lebten? Manche Episoden seiner Biografie deuten darauf hin, dass der Schriftsteller an Wahnvorstellungen litt. Er selber bezeichnete sie als «göttliches Irresein», seine Zeitgenossen empfanden sie als psychotische Dekompensationen.
Dick lebte unter Stress, drogeninduzierter Paranoia, einer labilen Identität und den Folgen eines Suizidversuchs. Dass er trotz seiner Psychose in der Lage war, seine Halluzinationen zu Romanen zu verdichten, macht ihn als Autor einzigartig.
Aber nicht einmal ein Fantast wie Dick hätte sich vorstellen können, dass Realität und paralleles Universum je so bruchlos fusionieren würden. Genau das geschah aber am 22. Januar 2017, als eine Beraterin von Präsident Donald Trump der Presse die Existenz von «alternativen Fakten» präsentierte. Kellyanne Conway rechtfertigte damit die Behauptung ihres Pressesprechers, es seien mehr Leute zu Trumps Amtseinführung angereist als acht Jahre zuvor bei Barack Obama. Und das, obwohl Helikopteraufnahmen über Washington das Gegenteil belegten.
Donald Trump popularisierte in der Folge einen weiteren Begriff, welcher die Realität relativierte, in diesem Fall die seiner Gegner: Er nannte ihre Behauptungen «fake news». Gemäss seiner eigenen Wahrheitsführung hat Trump den Ukrainekrieg in einem Tag beendet und weitere neun Kriege befriedet, wurde 2020 um seine Wiederwahl gebracht, soll über seine beiden Amtszeiten heraus im Amt bleiben, darf zu Recht Grönland, den Panamakanal und Kanada annektieren, kämpft erfolgreich gegen terroristische Immigranten im Landesinneren und wird als der erfolgreichste Präsident Amerikas in die Geschichte eingehen. Schon deshalb hat er den Friedensnobelpreis verdient, den ihm eine Koalition internationaler Gutmenschen verwehrt. All das ist wahr, denn kein Geringerer hat es im Laufe der letzten Jahre verkündet als der amerikanische Präsident. Wir können die Verfilmung kaum erwarten.
The Man in the High Castle: Auf Netflix.
Bieler Tagblatt 26.03.2026
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2026-03-26 16:00:432026-03-26 16:00:43Hakenkreuz über dem Times Square
Rupert Murdoch liebt das Schlechte im Menschen
Familienoberhaupt: Der in Australien geborene Medienunternehmer Rupert Murdoch, hier auf einer Aufnahme von 1968. Aubrey Hart/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images
Der Mann ist 95 Jahre alt, zum fünften Mal verheiratet, hat sechs Kinder aus drei Ehen. Sein Vermögen wird auf 21 Milliarden Dollar geschätzt, und er hat sich zum weltweit einflussreichsten Meinungsverbreiter hochgearbeitet, hochgekauft und hochintrigiert.
Rupert Murdoch, der Verlegersohn aus dem australischen Melbourne, kontrolliert Hunderte konservative Zeitungen, Fernsehstationen, Internetportale und andere Mediensysteme in den USA, in Südamerika, Europa, Asien und Australien. Ohne ihn wäre der republikanische Propagandasender Fox News nicht entstanden, Donald Trump nicht zweimal gewählt, Margaret Thatcher wohl nicht zweimal wiedergewählt, der Brexit nicht angenommen und die australische Klimapolitik nicht blockiert worden.
Wie funktioniert dieser Mann? Wie konnte er eine solche Definitionsmacht akkumulieren? Und wie brachte er es siebzig Jahre lang fertig, sein Unternehmen und seine nach Macht strebenden Kinder so geschickt zu kontrollieren, dass er bis heute in letzter Instanz über die Geschicke seines Konzerns befindet, obwohl er seine Geschäfte offiziell abgegeben hat?
Der Streamingdienst Netflix hat sich der Familie Murdoch angenommen. Die Regisseurinnen Liz Garbus und Sara Enright haben Tausende von Dokumenten ausgewertet, mit mehreren Dutzend Fachleuten und ehemaligen Angestellten gesprochen und das Resultat ihrer Recherche zu einer eng verwobenen, packend erzählten und sorgfältig belegten Saga montiert. Die Murdochs verweigerten den Dokumentaristinnen das Gespräch, doch hat diese Familie ihr Leben und ihre Geschäfte dermassen öffentlich geführt, dass die Dokumentation zahlreiche Archivaufnahmen nutzen konnte inklusive Interviews, Auftritten, Partyszenen und Ferienclips.
Und obwohl die Serie viele talking heads beim Reden über wirtschaftliche und politische Aspekte der Familie Murdoch zeigt, zieht sie ihre Geschichte als Familiendrama auf. «Dynasty: The Murdochs» spielt schon im Titel auf die gleichnamige Fernsehserie der Achtzigerjahre an, die während der Reagan-Jahre die fiktive reiche Familie Carrington abfeierte.
Es kann also kein Zufall sein, dass Jonathan Mahler von der «New York Times» die Geschicke des Murdoch-Clans als «jahrzehntelange Seifenoper auf Steroiden» bezeichnet und sein Kollege Jim Rutenberg die internen Kämpfe der Familie mit «Succession» vergleicht. Das ist die amerikanische Erfolgsserie über einen Medienkonzern, der von einem Patriarchen zusammengehalten wird, dessen Söhne und Tochter gegen ihn und gegeneinander intrigieren. Die neue Dokumentation übersetzt somit ein fiktionales Familiendrama in die Realität zurück.
Die Regisseurinnen symbolisieren die Machtkämpfe des Clans mit einem Brettspiel, bei dem die einen Figuren vorrücken und die anderen zurückbleiben. Diese personalisierte Erzählweise hat mehrere Vorteile. Erstens garantiert sie eine anschauliche Darstellung der Fakten, weil die Figuren nachvollziehen lassen, wie Vater Murdoch die Kinder gegeneinander ausspielte und diese in wechselnden Koalitionen um seine Aufmerksamkeit kämpften. Zweitens wird so die Ruchlosigkeit der Murdoch-Presse stärker deutlich gemacht, als es eine dürre Chronik vermocht hätte.
Drittens macht die Serie plastisch vor, dass nicht Wirtschaft oder Politik das Funktionieren der Familie Murdoch am besten erklären, sondern die Psychologie. «Dynasty: The Murdochs» erweist sich als Psychogramm der Macht. Oder wie es die Fachleute in der Dokumentation ausführen: Rupert Murdochs Kinder rangen um die Anerkennung ihres Vaters. Und dieser opferte die Familie dem Geschäft. «Rupert sprach von seinem Traum, ein Familienunternehmen zu errichten», sagt der amerikanische Recherchejournalist Gabriel Sherman. «Stattdessen schuf er ein Geschäft, das seine Familie zerstörte.»
Wer ist Rupert Murdoch? Er kommt 1931 als zweites von vier Kindern eines Zeitungsmachers auf die Welt. Sein Vater Keith Arthur ist ein autoritärer Calvinist, der als schwerer Stotterer gegen seine eigene Abwertung bestehen muss. Und der sich zum Medienzar seiner australischen Heimat hochkämpft, während sich die Mutter Elizabeth als Philanthropin feiern lässt.
Die Netflix-Serie bestätigt, was der amerikanische Publizist Michael Wolff in seiner fast 500 Seiten langen Biografie über Rupert Murdoch ausgeführt hat: dass der Sohn unter seinem kalten Vater leidet, der ihm wenig zutraut. Und dass er sein Medienimperium auch deshalb aufbaut und obsessiv überwacht, um die Entwertungen seines Vaters zu kompensieren.
Der stirbt 1952 an Krebs; deshalb muss der Sohn als 21-Jähriger sein Studium in Oxford aufgeben, um die Geschäfte zu übernehmen. Dabei erkennt er rasch, dass ihn ehemalige Mitarbeiter seines Vaters abdrängen wollen. Er wuchtet sich gegen ihren Widerstand an die Macht und verjagt die Verräter. Trotz seines Triumphes bestimmt die Angst vor dem Verrat ein Leben lang seine Haltung als Chef, steigert sich in eine Paranoia des Misstrauens.
Aus solchen Kränkungen heraus lässt sich erklären, warum Rupert Murdoch später behauptet, er habe seine Karriere als Aussenseiter angetreten und sei ein Underdog der Gesellschaft gewesen. In Wahrheit wächst er als behüteter Sohn auf, in einem Haus mit dreissig Zimmern, goldenem Besteck und Bediensteten. Zudem kann er vom Vater einen erfolgreichen Zeitungskonzern übernehmen.
Was aber stimmt: Murdoch wird sowohl in Europa als auch in den USA als australischer Emporkömmling wahrgenommen. Diese Entwertung durch das Establishment schürt seinen rächenden Charakter. «Meine Zeitungen vertreten mein Denken, meine Werte und meine Persönlichkeit», zitiert ihn die Serie. Tatsächlich bringt Rupert Murdoch seine Zeitungen zum Erfolg, indem er ihnen die eigene Haltung als Methode verschreibt: revanchistisch in der Absicht, denunziatorisch im Vorgehen.
Hellsichtig erkennt der Verleger, dass sich die Leserinnen der Arbeiterklasse von ihren Zeitungen unverstanden fühlen. Also gibt er ihnen, was sie lesen wollen. Die Murdoch-Presse bringt grell bebilderte Berichte voller Sex, Gewalt und herbeigeschriebenen Skandalen; sie veröffentlich Artikel, die bei der Leserschaft Neid und Frustrationen auslösen, die mit Schuldzuweisungen an Andersdenkende befeuert werden; sie attackiert die sogenannte Elite, die das einfache Volk angeblich verachtet; sie schürt Diffamierung von Ausländern, der LGBTQIA+-Gemeinschaft und allen anderen, die kein konformes Leben führen, und verklärt den Mann zum virilen Klischee in Kombination mit einer sexualisierten Entwertung der Frau.
In seinem Menschenbild gleicht Rupert Murdoch Richard III., dem verschlagenen König von William Shakespeare: Beide glauben, dass die Menschen von Grund auf schlecht sind; und sie haben ihre Einsicht all jenen voraus, die sich für gut halten. Murdoch hat den Boulevardjournalismus nicht erfunden. Aber kein Verleger hat ihn dermassen rücksichtslos angewendet wie er. Und dabei jedes Vorgehen gebilligt, das die Quote steigert: Lüge, Hetze, Hass.
Mit dieser Gesinnung brutalisiert Murdoch, der 1968 nach London gezogen ist, die Boulevardzeitung «News of the World» zu einem Kampfblatt mit einer Auflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren. Ähnlich erfolgreich verfährt er mit «The Sun», dann kauft er das Qualitätsblatt «The Times». «Mich langweilen die Snobs, die unsere Zeitungen schlechtmachen, während keiner ihre eigenen Zeitungen liest», sagt er über seine Konkurrenten.
Als ihm England zu eng wird, zieht der Australier mit seiner Familie nach New York und pusht die «New York Post» zu einem aggressiven Boulevardblatt nach englischem Vorbild. Zur publizistischen Kompensation übernimmt er das angesehene «Wall Street Journal». In Amerika entwickelt Murdoch auch die Strategie, einflussreiche, ihm politisch gewogene Leute zu unterstützen, um als Geschäftsmann von ihrer Gunst zu profitieren. Der Verleger hilft Margaret Thatcher, Gerald Ford, Ronald Reagan, Vater und Sohn Bush, John Major, Tony Blair, Theresa May, David Cameron, Boris Johnson, Donald Trump und mehreren australischen Premiers.
Exemplarisch dekliniert die Netflix-Serie Murdochs Einsatz für Ronald Reagan, dem der Verleger mit der «New York Post» bei Wahl und Wiederwahl hilft. Der Republikaner revanchiert sich mit dem politischen Schutz von Murdochs Medienkartellen, erleichtert ihm den Zugang zum amerikanischen Bürgerrecht und schafft die sogenannte Fairness Doctrine ab, derzufolge amerikanische Medien ausgewogen zu berichten haben.
Nur so bekommt Rupert Murdoch die Möglichkeit, mit Fox News einen landesweiten Fernsehsender zu lancieren, der missliebige Politikerinnen mit Fake News, Diffamierungen und Verschwörungstheorien desavouiert. Und auch hier kombiniert er Sex mit Crime: Vor den Kameras von Fox News, sagt ein Beobachter, «vertreten junge Frauen die Ansichten alter Männer». Die ersten Opfer des Senders sind Bill und Hillary Clinton, später werden Barack Obama und Joe Biden attackiert.
Umgekehrt profitiert Donald Trump von Murdochs Unterstützung. Ohne die Hofberichterstattung von Fox News, sagen die Fachleute in der Serie, wäre Trump weder zum amerikanischen Präsidenten gewählt noch wiedergewählt worden. Dabei hält Murdoch Trump für einen «fucking idiot», wie er intern sagt. Er unterstützt ihn aber mit Unterbrüchen, um von seiner Macht zu profitieren.
Je mehr sich Murdochs Söhne Lachlan und James in die Geschäfte ihres Vaters einmischen, desto heftiger eskaliert der Streit über die politische Ausrichtung des Konzerns. Murdoch setzt auf seinen ältesten Sohn Lachlan, weil dieser seine reaktionären Überzeugungen teilt. Lachlans Bruder James, der sowohl Joe Biden als auch Kamala Harris finanziell unterstützt, wünscht sich einen liberaleren Kurs.
Am Schluss des jahrzehntelangen, von Netflix detailliert dokumentierten Kampfes voller Intrigen, Zweckbündnisse und gegenseitigem Verrat setzt sich der Patriarch vor Gericht durch: Murdochs Sohn Lachlan übernimmt 2025 die Führung, die er bis 2050 behalten soll, sein Bruder James, seine Schwester Elisabeth und seine Halbschwester Prudence werden mit je über einer Milliarde Dollar abgefunden.
Am meisten schaden dem Murdoch-Clan aber nicht die Richtungskämpfe oder die Konkurrenz, sondern die hausgemachten Skandale. So muss Fox News dem kanadischen Unternehmen Dominion Voting Systems 2023 fast 800 Millionen Dollar zahlen; Murdochs Sender hat Dominion fälschlicherweise unterstellt, seine Wahlsoftware habe die US-Wahlen von 2020 zuungunsten von Donald Trump manipuliert.
Schon 2011 haben der «Guardian», CNN und andere Medien aufgedeckt, dass Murdochs «News of the World» Telefongespräche und Anrufbeantworter von Politikern, Schauspielerinnen, Soldaten und sogar einem entführten Mädchen abhören, das später tot aufgefunden wurde. Die Murdochs bestreiten, von solchen Praktiken gewusst zu haben, doch glaubt ihnen das keiner, der ihre Art der Führung kennt. «Auch die Murdochs essen gerne Wurst», kommentiert ein politischer Beobachter, «nur wollen sie nicht dabei sein, wenn man sie macht.» Als der Reputationsschaden der Zeitung zu gross wird, stellt Murdoch sie abrupt ein. Von der Chefredaktorin Rebekah Brooks, welche die Methoden der «News of the World» geduldet hat, distanziert er sich nie.
In den Zehnerjahren schliesslich wird bekannt, dass Roger Ailes und Bill O’Reilly, der Macher und der Star von Fox TV, über Jahre Mitarbeiterinnen des Unternehmens sexuell belästigt haben. Schlimmer noch: Ihre Ausfälligkeiten sind dem US-Sender bekannt und werden von den Murdochs gebilligt. An die geschädigten Frauen müssen Millionenbeträge ausgezahlt werden. Was Rupert Murdoch nicht daran hindert, die beiden angeklagten Männer mit Abgangsentschädigungen von insgesamt mehr als 60 Millionen Dollar zu verabschieden.
Aus solchen Begebenheiten ergibt sich die dialektische Ironie, dass Murdochs Konzern jene Sorte von Rücksichtslosigkeiten am meisten schadet, die seinen Aufstieg zum weltweit mächtigsten Verleger ermöglicht hat. Was das Rezept sei für seinen Erfolg, wird er einmal gefragt. «Provoke every debate and apologize for nothing», gibt er zurück, mache dauernd Lärm und entschuldige dich nie.
Rupert Murdoch wird sterben. Und sein Imperium immer weiter lärmen.
Zum Autor und zu den Serien und Filmen
Jean-Martin Büttner ist freier Autor und lebt in Zürich. Er promovierte über «Sänger, Songs und triebhafte Rede» und veröffentlichte das Buch «Anfänge. Und so weiter». Zuletzt schrieb er für die Republik über die Frage, ob Taylor Swift Donald Trump verhindern kann.
Die Filme
Liz Garbus und Sara Enright: «Dynasty: The Murdochs», vierteilige Dokumentation (auf Netflix). Hier der Trailer (mit englischen Untertiteln).
Trailer zur ersten Staffel von «Succession» (mit englischen Untertiteln).
Australische Dokumentation über die Murdochs (mit englischen Untertiteln).
Die dunkle Seite des Yoga
Sie merkt es spät, dann aber trifft es sie heftig: «Plötzlich wurde mir klar: Ich muss hier sofort raus», sagt die Yoga-Schülerin Ashleigh Freckleton im Film von Rowan Deacon. Die englische Regisseurin hat für Apple eine dreiteilige Dokumentation über einen internationalen Ring von Yoga-Schulen recherchiert, die sich als unabhängig ausgaben, aber dem selbsternannten Guru Gregorian Bivolaru junge Frauen zuführten. Dieser soll sie sexuell missbraucht haben unter dem Vorwand, ihnen eine spirituelle Erleuchtung zu ermöglichen. Sex mit ihm war für ihn offenbar die höchste Stufe des Yoga.
Wenn Ashleigh, die junge Australierin, «hier» sagt, dann meint sie: mit anderen Frauen in einem unbekannten Haus einer Pariser Vorstadt eingesperrt zu sein. Sie war mit verbundenen Augen dorthin gefahren worden, musste Pass und Handy abgeben. Kontakte zur Aussenwelt durfte sie keine haben, stattdessen lebte sie mit zahlreichen Frauen eingesperrt unter unhygienischen Bedingungen. Und wurde genötigt, Pornofilme zu schauen.
Mit «sofort» schliesslich meint Ashleigh den Moment, als sie zum ersten Mal Nein sagt. Über ein Jahr lang hat sie sich auf Kurse des tantrischen Atman-Yoga eingelassen. Das ist eine Variante der indischen Heilslehre, welche die Erotik als Mittel der Erleuchtung einbezieht.
Ashleighs Guru hatte schon in seiner Jugend mit pornografischem Material gedealt und begann mit 19 Jahren, ohne nachweisliche Ausbildung Yoga-Kurse abzuhalten. Der heute 75-Jährige hängt Verschwörungstheorien an und wird laut mehreren Quellen als betrügerisch beschrieben, paranoid und sexuell besessen.
Als Ashleigh ihm die Initiation verweigert, wie Bivolaru den Sex mit ihm bezeichnet, reagiert er aggressiv. In Grossbuchstaben und mit rotem Stift wirft er ihr vor, ihr «grosses Ego» sei schlecht, da von Dämonen manipuliert. Ausserdem halte er ihre Reaktion auf seine Liebe für «bizarr, morbid, krank und pervers». Von diesem Moment an möchte Ashleigh nur noch weg; sie hat genug von ihm und den rumänischen Frauen, die ihm zudienen.
Doch bevor sie abreisen darf, muss sie eine mehrseitige Erklärung abschreiben und vor der Videokamera vortragen, wonach sie in keiner Weise genötigt oder misshandelt worden ist. Auf diese Weise können alle befragten Yoga-Schulen abstreiten, etwas mit Gregorian Bivolaru zu tun zu haben. Auch er selber lässt ausrichten, keinerlei Missbrauch betrieben zu haben.
Wie Ashleigh Freckleton sagen auch andere Frauen in der Dokumentation, sie hätten die vorbereitenden Yoga-Kurse als beglückend erlebt. Erst später hätten sie realisiert, dass ihr Guru sie bloss ausbeuten wolle. Zum selben Schluss kam die französische Polizei. Sie verhaftete Gregorian Bivolaru im November 2023 und befreite in mehreren seiner Häuser über fünfzig Frauen, die unterernährt in engen, schmutzigen Wohnungen ausharren mussten.
Seither wartet der Verhaftete, der in anderen Ländern wegen erzwungener Prostitution gesucht wird, im Gefängnis auf seinen Prozess. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm 30 Jahre Haft. Die französische Justiz wirft ihm unter anderem Menschenhandel, Vergewaltigung und Entführung vor. Noch gilt die Unschuldsvermutung.
Dass der mutmassliche Täter sich selber als Opfer sieht, gründet auch in seiner rumänischen Herkunft. Denn als Bivolaru in seiner Heimat Yoga zu unterrichten begann, war die Lehre unter der Diktatur von Nicolae Ceausescu verboten; Bivolaru wurde von der Geheimpolizei Securitate überwacht und mehrmals verhaftet.
Sein Verhalten wirft die Frage auf, wie ein solcher Mann eine derartige Macht über Frauen ausüben konnte – sowohl über jene, die ihm zudienten, wie über jene, die er missbrauchte. «Solche Männer geben Frauen das Gefühl, diese seien auserwählt und würden durch sein Interesse an ihnen zusätzlich aufgewertet», sagt der Sektenexperte Hugo Stamm; für Aussenstehende sei das schwer zu verstehen, «aber wer sich auf eine solche Gruppierung einlässt, gerät immer tiefer in die Abhängigkeit».
Dazu kommen die manipulativen Techniken, wie man sie von der katholischen Kirche und anderen religiösen Organisationen kennt, aber auch von den Missbräuchen durch Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell: Die Opfer werden sukzessive von der Aussenwelt isoliert, mit einer Kombination von Schmeicheleien und Strafen gefügig gemacht und den Tätern schrittweise zugeführt.
Und welche Rolle spielt das Yoga bei einer solchen Indoktrination? Tatsache ist, dass es immer wieder zu Fällen von sexuellem Missbrauch durch Yoga-Lehrer gekommen ist, sowohl in Indien als auch in westlichen Ländern. Als körperliche Technik vermittelt Yoga den Eindruck von Nähe, weshalb der Lehrmeister bei manchen Schülerinnen Gefühle der Verehrung auslöst; Phantasien von Allmacht und Unterwerfung greifen erotisch ineinander.
Diese Zusammenhänge bestätigt der Zürcher Yogi Bruno Dietziker, der sich in Indien acht Jahre lang zum Lehrer ausbilden liess. Die in der Dokumentation beschriebenen Handlungen findet er «absolut indiskutabel», für ihn stehen sie «im kompletten Widerspruch zu allem, worum es im Yoga geht», welcher Richtung er auch immer angehöre.
Allerdings räumt Dietziker in der Praxis eine Missbrauchsgefahr ein. Das asymmetrische Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerinnen könne bei diesen Gefühle der Verehrung und des Verliebtseins auslösen, sagt er, zusätzlich verstärkt durch die Körperlichkeit der Yoga-Übungen.
Er selbst habe solche erotischen Wünsche von Schülerinnen mehrmals erlebt. «Doch für mich als Lehrer kann es nur die konsequente Abstinenz geben.» Diese Haltung habe er vor allem seiner eigenen, tiefen Selbsterfahrung zu verdanken. Alles andere entwerte das Yoga, das doch die Würde der Menschen achte.
«Twisted Yoga»: 3 Teile à rund 40 Minuten auf Apple TV.
Hakenkreuz über dem Times Square
Netflix zeigt eine Verfilmung des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Seine Dystopie über faschistische USA wirkt beklemmend aktuell.
Die USA im Jahr 1962, das Land hat seine Freiheit verloren. In den Vierzigerjahren haben die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Washington wurde durch eine deutsche Atombombe vernichtet, die Wehrmacht hält die US-amerikanische Ostküste besetzt, die SS macht Jagd auf Dissidenten, Schwarze und Juden. Auf dem Times Square hängt das Hakenkreuz unter dem Auschwitz-Slogan «Arbeit macht frei». Adolf Hitler lebt, wenn auch an Syphilis erkrankt. Die Westküste der USA wird vom japanischen Kaiserreich kontrolliert, das im Weltkrieg mit den Nationalsozialisten paktierte und seither einen misstrauischen Frieden mit ihnen wahrt.
Eine neutrale Zone in den Rocky Mountains trennt die beiden Siegermächte; Dissidente und andere Verfolgte halten sich dort auf. Die Widerstandskämpfer tauschen verbotene Filme aus, die in aufwendig gedrehten Wochenschauen behaupten, in Wirklichkeit hätten die Alliierten unter Churchill, Eisenhower und Stalin den Krieg gewonnen. Diese Filme werden einem geheimnisvollen Mann der Berge zugeschrieben, auf den Japan und Nazideutschland fieberhaft Jagd machen. Die beiden Regimes können aber nicht verhindern, dass die Kunde dieser alternativen Realität immer mehr Menschen in Amerika erreicht.
So weit die amerikanische Dystopie, die ab 2015 als vierteilige Serie bei Amazon Prime erschienen und seit letzter Woche auf Netflix verfügbar ist. Die komplex erzählte, visuell betörende Serie orientiert sich an «The Man in the High Castle», dem bekanntesten Buch von Philip K. Dick (1928–1982).
Der Kalifornier schrieb in seinem kurzen Leben 45 Romane und über 120 Kurzgeschichten, welche die jeweilige Realität hinterfragten und die Zukunft als Folge von Albträumen inszenierten. Heute wird Dick als Visionär der Science-Fiction gefeiert. Von keinem Science-Fiction-Autor sind so viele Romane und Kurzgeschichten so erfolgreich verfilmt worden. Zu den bekanntesten Verfilmungen gehören «Blade Runner» (1982), «Total Recall» (1990) und «Minority Report» (2002).
Wer war dieser Dick, der solche Dystopien erfand und Helden schuf, die in mehreren Wirklichkeiten lebten? Manche Episoden seiner Biografie deuten darauf hin, dass der Schriftsteller an Wahnvorstellungen litt. Er selber bezeichnete sie als «göttliches Irresein», seine Zeitgenossen empfanden sie als psychotische Dekompensationen.
Dick lebte unter Stress, drogeninduzierter Paranoia, einer labilen Identität und den Folgen eines Suizidversuchs. Dass er trotz seiner Psychose in der Lage war, seine Halluzinationen zu Romanen zu verdichten, macht ihn als Autor einzigartig.
Aber nicht einmal ein Fantast wie Dick hätte sich vorstellen können, dass Realität und paralleles Universum je so bruchlos fusionieren würden. Genau das geschah aber am 22. Januar 2017, als eine Beraterin von Präsident Donald Trump der Presse die Existenz von «alternativen Fakten» präsentierte. Kellyanne Conway rechtfertigte damit die Behauptung ihres Pressesprechers, es seien mehr Leute zu Trumps Amtseinführung angereist als acht Jahre zuvor bei Barack Obama. Und das, obwohl Helikopteraufnahmen über Washington das Gegenteil belegten.
Donald Trump popularisierte in der Folge einen weiteren Begriff, welcher die Realität relativierte, in diesem Fall die seiner Gegner: Er nannte ihre Behauptungen «fake news». Gemäss seiner eigenen Wahrheitsführung hat Trump den Ukrainekrieg in einem Tag beendet und weitere neun Kriege befriedet, wurde 2020 um seine Wiederwahl gebracht, soll über seine beiden Amtszeiten heraus im Amt bleiben, darf zu Recht Grönland, den Panamakanal und Kanada annektieren, kämpft erfolgreich gegen terroristische Immigranten im Landesinneren und wird als der erfolgreichste Präsident Amerikas in die Geschichte eingehen. Schon deshalb hat er den Friedensnobelpreis verdient, den ihm eine Koalition internationaler Gutmenschen verwehrt. All das ist wahr, denn kein Geringerer hat es im Laufe der letzten Jahre verkündet als der amerikanische Präsident. Wir können die Verfilmung kaum erwarten.
The Man in the High Castle: Auf Netflix.
Bieler Tagblatt
26.03.2026