Ein Dokumentarfilm erzählt die tragische Geschichte der Tochter von Alfred Escher, die an einer Intrige zugrunde ging.
Anja Andersen Rüegg als Lydia Welti-Escher gleitet stumm durch die heruntergekommenen Räume ehemaliger italienischer Anstalten.Real Film Lydia Welti-Escher wuchs wohlhabend und behütet auf. Ihr Vater war der freisinnige Politiker und Unternehmer Alfred Escher, dem die Schweiz den Gotthardtunnel und die Kreditanstalt verdankt. Und obwohl der Vater selten zu Hause war, unterstützte er seine geliebte Tochter in allem. Anders als so viele Frauen jener Zeit eignete sich Lydia eine hohe Bildung an und lernte mehrere Sprachen. Auch war sie musisch begabt, sang und spielte Klavier.
Schon als 15-Jährige ging sie dem Vater zur Hand, schrieb für ihn und agierte als Gastgeberin im Belvoir, dem Zürcher Anwesen der Familie. Im Januar 1883 heiratete sie mit 25 Jahren standesgemäss, ihr Mann war Friedrich Emil Welti, Sohn des Bundesrats Emil Welti. Wie sie später gestand, empfand sie ihm gegenüber «eher grosse Achtung und schwesterliche Zuneigung als echte Leidenschaft».
In der Folge liess sich Lydia Welti auf eine Freundschaft mit dem Kunstmaler Karl Stauffer ein. Als dieser sich in sie verliebte, reagierte sie erst abwehrend, wollte ihrem Mann nicht untreu werden. Trotzdem kamen sich die beiden näher, als die junge Frau im Oktober 1889 nach Florenz zog. Je länger sie miteinander zu tun hatten, desto stärker wurden ihre Gefühle für ihn, bis es zur Liebesnacht kam.
Von diesem Moment an entwickelte sich Lydias Leben zur Katastrophe. Lydia wollte sich von ihrem Mann scheiden lassen. Dieser schaltete seinen Vater ein, und der Bundesrat begann, gegen seine Schwiegertochter zu intrigieren. Mithilfe des Schweizer Botschafters in Rom erwirkte er, dass Lydia für wahnsinnig erklärt und in eine römische Irrenanstalt interniert wurde. Weil die beiden Ärzte, die sie mitfühlend befragten, keinerlei Anzeichen von Wahn erkennen konnten, liessen sie Lydia nach einigen Monaten frei.
Aus den Protokollen der Römer Ärzte bezieht der Schweizer Regisseur Stefan Jung das erzählerische Material, zu dem er seinen Dokumentarfilm «Lydia» montiert – und lässt ihre Aussagen von klugen Fachleuten kommentieren. Lydia Welti sprach mit den Ärzten auf Italienisch, Jung verwendet die deutsche Übersetzung, die er von der Schauspielerin Judith Hofmann aus dem Off vortragen lässt.
Die Protokolle belegen die protestantische Zurückhaltung, mit der Lydia auf die Leidenschaft von Karl Stauffer reagierte – und ihre seelische Not, als sie sich gegen ihren Willen in den stürmischen Maler verliebte. Der Film macht deutlich, wie sehr die eigenwillige Frau in den Konventionen ihrer Zeit gefangen blieb.
So scheiterte auch ihr späterer Befreiungsversuch. Nachdem ihr Mann sich von ihr hatte scheiden lassen, zog seine Frau nach Genf und gründete mit 33 Jahren eine Stiftung, um die Kreativität von Frauen zu fördern. Gegen ihren Willen wurde die Stiftung in Gottfried-Keller-Stiftung umgetauft – und half dann den Männern. Ein Jahr später öffnete Lydia den Gashahn; auch ihr Liebhaber hatte sich aus Verzweiflung umgebracht.
Weil Stefan Jung kein Filmmaterial jener Zeit zur Verfügung hat, lässt er in seinem Film Lydia durch die Schauspielerin Anja Andersen Rüegg darstellen. Stumm gleitet sie durch die heruntergekommenen Räume ehemaliger italienischer Anstalten. «In der Patina der Ruinen bleiben die Geschichten der Patientinnen gespeichert», sagt der Regisseur im Gespräch, und er hat recht.
Doch so spektakulär die verwitterten Villen aussehen, so wenig vermag die durch sie schreitende Darstellerin den Film zu tragen. Immerhin ändert die Inszenierung nichts an der Eindringlichkeit der Protokolle. Sie dokumentieren die Hoffnungen und Nöte einer selbstbewussten Frau, die an den Zwängen ihrer Zeit zerbrach.
Stefan Jung: «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» (68 Minuten).
NZZ, 5.2.2026
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2026-02-16 12:56:392026-02-16 12:56:39Weil Lydia Welti-Escher liebte, kam sie ins Irrenhaus
«Hamnet» Der Film über die Trauer von William Shakespeare und seiner Frau über den Verlust ihres Kindes gilt als grosser Oscarfavorit. Doch warum klebt dieses historische Drama derart hartnäckig am Pathos?
Gegen Ende des Films dann, nachdem ihr Sohn Hamnet mit elf Jahren an der Pest gestorben ist und die Trauer William Shakespeare und seine Frau Agnes überwältigt, wird sich der Dramatiker ein Herz fassen und zur Feder greifen. Und «Hamlet» schreiben, das Stück über den unglücklichen Prinzen von Dänemark.
Hamnet/Hamlet: Das Theater wird zum Ausdruck von Verlust, Schreiben zur Trauerarbeit. Das vierstündige Stück wird sein längstes und bekanntestes. Und führt, in einer Zeit zwischen Mittelalter und Aufklärung, den modernen Menschen als Individuum ein, das seine Existenz reflektiert: «To be or not to be, that is the question»: Den Satz kennen alle.
Das Sterben des Sohnes und die Trauer der Eltern dominieren «Hamnet», den Film von Chloé Zhao («Nomadland») nach dem letztjährigen Roman der irischen Autorin Maggie O’Farrell, die das Drehbuch mitgeschrieben hat.
Film und Buch erzählen Leben und Tod von Hamnet aus der Sicht seiner Mutter Agnes. Der Vater William bekommt nur eine Nebenrolle, dafür liefert die Uraufführung seines Stücks «Hamlet» die Schlusspointe und den Höhepunkt des Films. Davon später.
«Hamnet» ist in opulenter Schönheit gedreht, zeigt die ländliche Armut im England des 16. Jahrhunderts und ist mit Jessie Buckley als Agnes exzellent besetzt. Buckley spielt die Liebende, die Gebärende, die Mutter, die Trauernde, die Verlassene und Verzweifelte mit einer verletzlichen Wucht, während ihr Mann William Shakespeare (Paul Mescal) unrasiert danebensteht und am Leben leidet.
Shakespeare als Schwächling und Langweiler, dem man kein Gefühl abnimmt. Und von dem man nicht einmal ein Globi-Buch lesen würde. Was für eine Fehlbesetzung. Und weil der Film auf einer feministischen Botschaft besteht, wird die Mutter zur Kräuterhexe umgetopft und botanisiert ergriffen im Wald herum, während ihr Mann im Kerzenlicht Wein trinkt und seine Tinte tropfen lässt.
Auf dem Soundtrack von Max Richter greinen die Geigen, stolpert ein Klavier, und der Frauenchor fühlt sich auch nicht gut. Die Musik eines Films macht vor, wie er seine Gefühle vermittelt; der Soundtrack zu «Hamnet» vertont den Aphorismus von Oscar Wilde, wonach Sentimentalität ein Gefühl ist, für das man nicht gezahlt hat.
Während das Buch in einer Parallelhandlung erzählt, wie die Pest über Rattenflöhe und Schiffe nach England exportiert wird, konzentriert sich der Film auf das Schicksal der Familie. Mit dem abwesenden Vater, der vereinsamten Mutter und den drei Kindern, von denen der eine Zwilling an der Pest erkrankt und der andere daran stirbt.
Ob Hamnet tatsächlich von der «plague» ergriffen wurde, wissen wir nicht, aber die Seuche fiel immer wieder in Shakespeares Heimatstadt Stratford ein und raffte mehrere seiner Schwestern dahin.
Die Pest war im Leben jener Zeit dermassen präsent, dass man sich fragt, warum sie Shakespeare in seinen Stücken nur metaphorisch erwähnt: «A plague upon both your houses», heisst es etwa in «Romeo and Juliet», ein Fluch auf eure beiden Häuser. Vielleicht weil Shakespeare der Mensch mehr interessierte als die Seuche. Andererseits bedroht die damalige Angst vor einem Rückfall in den Bürgerkrieg alle seine Königsdramen.
Das Buch von Maggie O’Farrell wurde von der Presse mit einer Begeisterung rezensiert, die an Hysterie grenzt. «Unputdownable», befand der «Guardian», «impossible not to love», bekannte die «Irish Times», «I can’t believe you haven’t read this», notierte die «New York Times». Manche Kritiker weinten. Auch beim Film überschäumte der mediale Enthusiasmus, er gewann den Golden Globe als bestes Drama, jetzt redet die Kritik bereits den Oscar herbei.
Doch worin gründet diese Euphorie? Es kommt einem beim Lesen und Schauen eher so vor, dass Film und Buch im selbst angerührten Kitsch kleben bleiben. Die Schilderungen der Landschaften erinnern an Aquarelle von Sonntagsmalern, die Darstellung der Menschen bleibt opak, das Pathos raunt, die Melancholie seufzt, die Konturen werden verunklart. Das ist kein weiblicher Blick auf eine männliche Welt. Das ist Anti-Shakespeare als feministischer Kitsch. Die australische Feministin Germaine Greer hat in ihrer Recherche «Shakespeare’s Wife» aufgezeigt, wie sehr sich alle für William und niemand für seine Frau Agnes interessieren. Aber sie formuliert ihre Polemik mit ironischer Brillanz, die frei bleibt von jenem manierierten Pathos, das den Roman fast komplett und den Film weitgehend ruiniert.
«Hamnet» bestätigt in seinen beiden Versionen vor allem eines: den Satz des amerikanischen Schriftstellers William Styron, wonach nichts die literarische Geschichtsschreibung so sehr inspiriert wie der Mangel an Fakten. Zwar bezeichnet Schriftstellerin O’Farrell ihre Erzählung als Fantasie, aber sie schildert sie trotzdem als Biografisierung von Shakespeares Familie. Und damit fangen die Probleme an.
«Nur wenn es selbst erlebt ist, kann es auch wahr sein, und nur wenn es wahr ist, hält man es für Kunst», erzählte der 2020 verstorbene Shakespeare-Übersetzer Frank Günther im Gespräch: «Das ist nichts anderes als Klatsch aus der Schlüssellochperspektive der Illustrierten. Literatur muss nicht Konfession sein; zu Shakespeares Zeiten gab es nicht einmal das Konzept davon.»
Tatsächlich hat alles, was wir über Shakespeare wissen, auf einer halben A4-Seite Platz. Er wurde am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon getauft, einer kleinen Handelsstadt in der Nähe von Birmingham, heiratete mit 18 die acht Jahre ältere Agnes Hathaway, bekam mit ihr drei Kinder, arbeitete in London als Schauspieler, Stückeschreiber und Mitbesitzer seines Theaters, investierte in Getreide und Immobilien, wurde reich, kehrte in die Heimatstadt zurück, kaufte ein Haus und ein grosses Stück Land und starb mit 52 Jahren. Als mögliche Ursache wird Syphilis genannt.
So gesehen ist «to be or not to be» tatsächlich die «question». War William Shakespeare der Mann, für den er seit über 400 Jahren gehalten wird? Hat der Sohn eines analphabetischen Handschuhmachers aus einer Provinzstadt 38 Stücke mit 1000 Personen und über 150 Gedichte mit einer Million Wörtern und einem Wortschatz von fast 30’000 Wörtern geschrieben?
Das Rätsel um Shakespeares überbordendes Wissen Wie konnte ein ungebildeter Schulabgänger so viel über damalige Geschichte, Geografie, Justiz, antike Mythologie, über Militär, Medizin und den englischen Königshof wissen, aber auch über Jagd, Angeln und Bogenschiessen? War der Schauspieler der Renaissance am Londoner Globe-Theater derselbe Mann wie der bis heute meistgespielte Dramatiker der Welt, der in über 100 Sprachen übersetzt wurde, darunter Klingon und Esperanto?
Oder war Shakespeare eine Deckfigur des 17. Earl von Oxford, eines gebildeten, weit gereisten und wortmächtigen Adligen? Viele dachten und denken das, darunter Friedrich Nietzsche, Mark Twain und Sigmund Freud.
Alle wollen wissen, wer William Shakespeare war, welche sexuellen, religiösen und politischen Überzeugungen er vertrat, wo er sich diese Bildung und sein Vokabular zusammengelesen hatte.
Nur ist er für die einen als Autor aus Stratford historisch verbürgt, und sie haben recht. Die anderen, also die Oxfordianer, argumentieren aus einem Klassendünkel heraus, wonach nur ein Adliger ein solches Werk hätte schaffen können. Der literarische Konflikt ist somit ein politischer.
Erst am Schluss entfaltet das Theater seine Wucht Welch grosser Autor Shakespeare wirklich war, zeigt der Film in der grossartigen Schlussszene, als wir die heftige Uraufführung von «Hamlet» in Shakespeares Globe-Theater in London erleben.
Die ist genauso derb, unruhig und geradezu körperlich in ihrer Wirkung, wie die Aufführungen damals stattgefunden haben müssen. Das Publikum geht mit, erschrickt über den Geist von Hamlets Vater, freut sich an den Fechtszenen und leidet im Kollektiv, wenn Hamlet sein «Der Rest ist Schweigen» haucht und stirbt.
Das alles ist kraftvoll, realistisch und wirkungsmächtig inszeniert. Und bestätigt mit seiner geradezu physischen Wucht, was William Shakespeare uns gelehrt hat: Das Leben ist Theater, die Welt eine Bühne, und wir sind blosse Schauspieler unserer Existenz.
Tages-Anzeiger, 21.1.2026
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2026-01-31 12:21:482026-01-31 12:21:48Mit feministischem Kitsch gegen Shakespeare
Der 80-jährige Radiomann hat ein Buch über die verbleibende Lebenszeit geschrieben. Sich selbst klammert er aus. Als Boomer vom Dienst ist er viel zu beschäftigt, um sich alt zu fühlen.
Es gibt Haie, die sich dauernd bewegen müssen, sonst sterben sie. Gilt das auch für Journalisten? Er durchschaut die Unterstellung sofort. Und pariert sie mit einem langweiligen «so generell kann ich das nicht beantworten». Aber die Langeweile hält nicht an, ohnehin kein Zustand, den man mit Roger Schawinski assoziiert.
Denn schon Minuten später ist er wieder in voller Bewegung; er gestikuliert, lacht, regt sich auf, freut sich, analysiert, erklärt, behauptet, kann es nicht fassen. Da ist er wieder, der Unablässige, der einem noch mit seinen achtzig Jahren vorkommt wie ein Jüngling. Und der schon früh in unserem Gespräch sein erstes Sound-Byte platziert, Vollprofi, der er ist: «Ich habe mein ganzes Leben lang gegen Monopole gekämpft.»
Dass unser Gespräch so angenehm verläuft, war nicht abzusehen. Ich war schon huere nervös, als ich am Studio von Radio 1 beim Kunsthaus ankam. Denn obwohl Schawi und ich seit über vierzig Jahren miteinander zu tun haben, ist unsere Beziehung eher konfrontativ als kommunikativ verlaufen. Wir bekamen immer wieder Krach, von Jahren eisiger Stille unterbrochen. Roger Schawinski warf mir vor, voreingenommen über ihn zu schreiben, fehlerhaft und nachlässig zu recherchieren und ein «lousy journalist» zu sein, wie er mir einmal wegen eines Flüchtigkeitsfehlers schrieb. Ich wiederum nahm ihn als über alle Massen eitel wahr, egozentrisch, ausfällig und auf kleinliche Weise nachtragend. Ausserdem empfand ich ihn – darin ähnlich wie der von ihm bewunderte Niklaus Meienberg – als mitleidlos im Austeilen und mimosenhaft im Einstecken: ein Boxer mit Glas-Kinn.
Zurzeit beschäftigt den Multipolaren die Weigerung des Bundesverwaltungsgerichts, ihm für das Radio Grischa eine Konzession zu erteilen. Roger Schawinski fühlt sich «mehrfach betrogen» und sieht sich durch die Absage in seinem Kampf gegen Systeme und Konventionen bestätigt. Vom Radio Grischa in Chur zum Fernsehen Leutschenbach bei Zürich sind es über 150 Autokilometer, er überbrückt die Strecke in Sekunden. Bei seinem ersten und letzten Arbeitgeber angekommen, dem Deutschschweizer Fernsehen, fällt ihm als Erstes Susanne Wille ein, die Generaldirektorin der SRF. Die er persönlich mag. Auch wenn er die Strategie falsch findet, ihrer Firma einen Sparbefehl von mutmasslich 900 Entlassungen zu verordnen in der Hoffnung, dadurch die Halbierungsinitiative zu unterlaufen.
Rendez-vous mit einem Journalisten, der Radio und Fernsehen der deutschen Schweiz in den letzten mehr als 50 Jahren mehr verändert hat als jeder andere Medienmann. Roger Schawinski hat 1974 mit dem «Kassensturz» die erste Konsumentensendung der Schweiz erfunden, er lancierte die Migros-Zeitung «Tat», gründete «Radio 24», «Tele24», die geschwätzige Zeitschrift «Bonus»; er leitete in Berlin den Sender Sat.1, installierte die Talkshow «Schawinski», lancierte Radio 1, sprach die Opfer von Corona an, kämpfte gegen die Abschaltung von UKW. Und damit ist noch nichts über den «Doppelpunkt» gesagt, seine oft aggressive, von seinen Unterbrechungen punktierte Radiosendung. «Es kommt immer darauf an, wen man vor sich hat», sagt er, als man ihn auf seinen Frage-Stil anspricht.
Als seien all diese Medien, Aktionen, Proteste, Interviews noch nicht genug, hat Schawinski noch 13 Bücher geschrieben. Das letzte erscheint nächste Woche und ist dem Altern gewidmet. Wobei einer wie er niemals ein Buch mit so einem resignativen Wort im Titel schreiben würde. «Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre», überschreibt der Autor seine 200-seitige Recherche.
Die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg sei die erste in Europa, hat der englische Historiker Eric Hobsbawm geschrieben, die ohne Krieg aufgewachsen sei. Diese Generation ist heute weit über das Rentenalter alt geworden. «Wir sind gesünder unterwegs, leben länger und angenehmer, vor allem in der Schweiz», sagt Roger Schawinski, der sein Buch als Feier dieser neuen Lebensfreude und zugleich als Ratgeber für ihr Bewahren verstanden haben will. Wir einigen uns auch schnell darauf, dass Thomas Gottschalks Abgang peinlich wirkte und dass Bob Dylan in den letzten Jahrzehnten mehr Platten hätte machen sollen als diese Folterkonzerte.
Roger Schawinskis Buch liest sich leicht und bleibt immer verständlich, obwohl der Autor seine Thesen mit wissenschaftlichen Studien befestigt und immer wieder die Namen von Expertinnen und Experten in seine Texte streut. Er tröstet uns über das Nachlassen der Muskelkräfte, den sinkenden Sexualtrieb, die Erkenntnis des Nicht-mehr-gebraucht-Werdens, die Konkurrenz der Nachwachsenden. Er gibt uns Empfehlungen dazu, was wir für unsere Gesundheit unternehmen müssen, worauf wir besser verzichten und welche Stellen am Körper wir regelmässig untersuchen sollten. Er zeigt auf, wie wichtig soziale Kontakte gerade im hohen Alter bleiben. Tröstet uns darüber, dass wir mehr vergessen und weniger lange schlafen als früher. Schawinskis Buch ist, mit anderen Worten, eine Art Best-of des Alterns geworden.
Allerdings ist das Schreiben nicht seine Stärke, und er weiss es. Schawinski bleibt ein Radiomann. Und hat, so scheint es, den Rat des Dichters Gotthold Ephraim Lessing zu sehr übernommen, der empfahl: «Schreibe, wie du sprichst, dann schreibst du schön.» Das stimmt beim hurtigen Zürcher Publizisten nur bis zu einem gewissen Grad. Wie schon bei seiner Autobiografie neigt der Autor zu Superlativen, Pleonasmen, Füllwörtern und Ausrufezeichen, die beim Reden nicht stören, beim Schreiben aber sehr. Roger Schawinskis Optimismus macht Mut und sein Enthusiasmus Freude. Stilistisch hilft ihm keines von beidem, denn der Überschwang wattiert die Befunde. Er habe das Buch in drei Monaten heruntergeschrieben, sagt er; man glaubt ihm sofort.
Ironischerweise vermisst man an seinem neuen Buch am meisten das, was man ihm sonst am häufigsten vorwirft: Roger Schawinski selber. Obwohl er die düsteren Themen des Alterns anspricht, drohende Demenz etwa, aber auch Altersdepression und die Abhängigkeit von anderen, erfährt man nur wenig darüber, was ihn selber beim Älterwerden plagt. Hat er keine Todesängste? Hält er Vergesslichkeit nicht für ein Warnzeichen der Demenz? Kränkt es ihn nicht, dass alle ihn als alten Mann erleben? Wäre nicht gerade bei diesem Thema der persönliche Zugang interessanter gewesen? Und wie erstrebenswert ist das hohe Alter, wenn einem die Freunde wegsterben?
Er habe sich diesen Zugang überlegt, sagt er, sich aber für ein informierendes Buch entschieden, weil dieses den Lesern seiner Generation eher helfen würde, mit ihrem Altern umzugehen. Als ich ihm im Gespräch unterstelle, sein ganzes Buch komme mir wie eine einzige Verdrängung des Todes vor, reagiert er gelassen. Und räumt ein, man könne das so sehen, ihm sei es aber wirklich darum gegangen, den Leuten beim Altern zu helfen. Seine Reaktion belegt, was er in seinem Buch ebenfalls behandelt: Altersmilde.
Wir trafen einander zum ersten Mal am 26. Januar 1980 auf dem Zürcher Bürkliplatz. Ich erlebte ihn dort als einer der Tausende von Demonstrantinnen und Demonstranten, die gegen das Abstellen von Radio 24 durch die Behörden protestierten. Wir hörten in unserer Studenten-WG seinen Sender, gingen ins Volkshaus, wo Polo Hofer seinen opportunistischen «Radio 24»-Song als Erstes vortrug, gingen an das Gratiskonzert von Jimmy Cliff, das Schawinski im Autonomen Jugendzentrum organisiert und finanziert hatte. Es blieb der einzige friedliche Moment an diesem Ort der verzweifelten Utopie. Ich erlebte auch live, wie am 22. Januar 1980 das Radio von Roger, wie wir ihn alle nannten, zum ersten von drei Malen abgestellt wurde. «Wir trauerten eine Viertelstunde lang», erinnert sich Schawinski heute, «dann sagte ich, o. k., was machen wir jetzt? Ich bin keiner, der rückwärts schaut.»
Das Rückwärtsschauen erlaubt immerhin die Sehnsucht nach jener Zeit, als der Journalismus noch keine bedrohte Tierart war und der Gesellschaft noch etwas bedeutete. Als ein Leitartikel noch eine gewisse Definitionsmacht hatte und Journalisten wochenlang an einem Thema recherchieren konnten. Und als wir Journalisten noch nicht von Tausenden von Pressesprechern und anderen Umformulierern bedrängt wurden, von denen die wenigsten schreiben konnten und die meisten uns trotzdem dreinredeten. Roger Schawinski mag zu Rechthabereien neigen und zu masslosen Attacken als Reaktion auf Kritik, denke ich auf dem Heimweg. Aber er glaubt an das, was er macht. Er ist ein Zorniger, aber kein Zyniker. Und er ist ein leidenschaftlicher Journalist geblieben.
Roger Schawinski: «Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre». Zürich: Verlag Radio 1, 200 Seiten.
nzz.ch
04.01.2026
https://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.png00Jean-Martin Büttnerhttps://jmbuettner.ch/wp-content/uploads/2024/04/JMB-LOG-transparent-80x80.pngJean-Martin Büttner2026-01-16 11:55:022026-01-16 11:55:02«O. k., was machen wir jetzt?»: Roger Schawinski weiss, wie Altwerden geht
Weil Lydia Welti-Escher liebte, kam sie ins Irrenhaus
Ein Dokumentarfilm erzählt die tragische Geschichte der Tochter von Alfred Escher, die an einer Intrige zugrunde ging.
Anja Andersen Rüegg als Lydia Welti-Escher gleitet stumm durch die heruntergekommenen Räume ehemaliger italienischer Anstalten.Real Film
Lydia Welti-Escher wuchs wohlhabend und behütet auf. Ihr Vater war der freisinnige Politiker und Unternehmer Alfred Escher, dem die Schweiz den Gotthardtunnel und die Kreditanstalt verdankt. Und obwohl der Vater selten zu Hause war, unterstützte er seine geliebte Tochter in allem. Anders als so viele Frauen jener Zeit eignete sich Lydia eine hohe Bildung an und lernte mehrere Sprachen. Auch war sie musisch begabt, sang und spielte Klavier.
Schon als 15-Jährige ging sie dem Vater zur Hand, schrieb für ihn und agierte als Gastgeberin im Belvoir, dem Zürcher Anwesen der Familie. Im Januar 1883 heiratete sie mit 25 Jahren standesgemäss, ihr Mann war Friedrich Emil Welti, Sohn des Bundesrats Emil Welti. Wie sie später gestand, empfand sie ihm gegenüber «eher grosse Achtung und schwesterliche Zuneigung als echte Leidenschaft».
In der Folge liess sich Lydia Welti auf eine Freundschaft mit dem Kunstmaler Karl Stauffer ein. Als dieser sich in sie verliebte, reagierte sie erst abwehrend, wollte ihrem Mann nicht untreu werden. Trotzdem kamen sich die beiden näher, als die junge Frau im Oktober 1889 nach Florenz zog. Je länger sie miteinander zu tun hatten, desto stärker wurden ihre Gefühle für ihn, bis es zur Liebesnacht kam.
Von diesem Moment an entwickelte sich Lydias Leben zur Katastrophe. Lydia wollte sich von ihrem Mann scheiden lassen. Dieser schaltete seinen Vater ein, und der Bundesrat begann, gegen seine Schwiegertochter zu intrigieren. Mithilfe des Schweizer Botschafters in Rom erwirkte er, dass Lydia für wahnsinnig erklärt und in eine römische Irrenanstalt interniert wurde. Weil die beiden Ärzte, die sie mitfühlend befragten, keinerlei Anzeichen von Wahn erkennen konnten, liessen sie Lydia nach einigen Monaten frei.
Aus den Protokollen der Römer Ärzte bezieht der Schweizer Regisseur Stefan Jung das erzählerische Material, zu dem er seinen Dokumentarfilm «Lydia» montiert – und lässt ihre Aussagen von klugen Fachleuten kommentieren. Lydia Welti sprach mit den Ärzten auf Italienisch, Jung verwendet die deutsche Übersetzung, die er von der Schauspielerin Judith Hofmann aus dem Off vortragen lässt.
Die Protokolle belegen die protestantische Zurückhaltung, mit der Lydia auf die Leidenschaft von Karl Stauffer reagierte – und ihre seelische Not, als sie sich gegen ihren Willen in den stürmischen Maler verliebte. Der Film macht deutlich, wie sehr die eigenwillige Frau in den Konventionen ihrer Zeit gefangen blieb.
So scheiterte auch ihr späterer Befreiungsversuch. Nachdem ihr Mann sich von ihr hatte scheiden lassen, zog seine Frau nach Genf und gründete mit 33 Jahren eine Stiftung, um die Kreativität von Frauen zu fördern. Gegen ihren Willen wurde die Stiftung in Gottfried-Keller-Stiftung umgetauft – und half dann den Männern. Ein Jahr später öffnete Lydia den Gashahn; auch ihr Liebhaber hatte sich aus Verzweiflung umgebracht.
Weil Stefan Jung kein Filmmaterial jener Zeit zur Verfügung hat, lässt er in seinem Film Lydia durch die Schauspielerin Anja Andersen Rüegg darstellen. Stumm gleitet sie durch die heruntergekommenen Räume ehemaliger italienischer Anstalten. «In der Patina der Ruinen bleiben die Geschichten der Patientinnen gespeichert», sagt der Regisseur im Gespräch, und er hat recht.
Doch so spektakulär die verwitterten Villen aussehen, so wenig vermag die durch sie schreitende Darstellerin den Film zu tragen. Immerhin ändert die Inszenierung nichts an der Eindringlichkeit der Protokolle. Sie dokumentieren die Hoffnungen und Nöte einer selbstbewussten Frau, die an den Zwängen ihrer Zeit zerbrach.
Stefan Jung: «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» (68 Minuten).
NZZ, 5.2.2026
Mit feministischem Kitsch gegen Shakespeare
«Hamnet» Der Film über die Trauer von William Shakespeare und seiner Frau über den Verlust ihres Kindes gilt als grosser Oscarfavorit. Doch warum klebt dieses historische Drama derart hartnäckig am Pathos?
Gegen Ende des Films dann, nachdem ihr Sohn Hamnet mit elf Jahren an der Pest gestorben ist und die Trauer William Shakespeare und seine Frau Agnes überwältigt, wird sich der Dramatiker ein Herz fassen und zur Feder greifen. Und «Hamlet» schreiben, das Stück über den unglücklichen Prinzen von Dänemark.
Hamnet/Hamlet: Das Theater wird zum Ausdruck von Verlust, Schreiben zur Trauerarbeit. Das vierstündige Stück wird sein längstes und bekanntestes. Und führt, in einer Zeit zwischen Mittelalter und Aufklärung, den modernen Menschen als Individuum ein, das seine Existenz reflektiert: «To be or not to be, that is the question»: Den Satz kennen alle.
Das Sterben des Sohnes und die Trauer der Eltern dominieren «Hamnet», den Film von Chloé Zhao («Nomadland») nach dem letztjährigen Roman der irischen Autorin Maggie O’Farrell, die das Drehbuch mitgeschrieben hat.
Film und Buch erzählen Leben und Tod von Hamnet aus der Sicht seiner Mutter Agnes. Der Vater William bekommt nur eine Nebenrolle, dafür liefert die Uraufführung seines Stücks «Hamlet» die Schlusspointe und den Höhepunkt des Films. Davon später.
«Hamnet» ist in opulenter Schönheit gedreht, zeigt die ländliche Armut im England des 16. Jahrhunderts und ist mit Jessie Buckley als Agnes exzellent besetzt. Buckley spielt die Liebende, die Gebärende, die Mutter, die Trauernde, die Verlassene und Verzweifelte mit einer verletzlichen Wucht, während ihr Mann William Shakespeare (Paul Mescal) unrasiert danebensteht und am Leben leidet.
Shakespeare als Schwächling und Langweiler, dem man kein Gefühl abnimmt. Und von dem man nicht einmal ein Globi-Buch lesen würde. Was für eine Fehlbesetzung. Und weil der Film auf einer feministischen Botschaft besteht, wird die Mutter zur Kräuterhexe umgetopft und botanisiert ergriffen im Wald herum, während ihr Mann im Kerzenlicht Wein trinkt und seine Tinte tropfen lässt.
Auf dem Soundtrack von Max Richter greinen die Geigen, stolpert ein Klavier, und der Frauenchor fühlt sich auch nicht gut. Die Musik eines Films macht vor, wie er seine Gefühle vermittelt; der Soundtrack zu «Hamnet» vertont den Aphorismus von Oscar Wilde, wonach Sentimentalität ein Gefühl ist, für das man nicht gezahlt hat.
Während das Buch in einer Parallelhandlung erzählt, wie die Pest über Rattenflöhe und Schiffe nach England exportiert wird, konzentriert sich der Film auf das Schicksal der Familie. Mit dem abwesenden Vater, der vereinsamten Mutter und den drei Kindern, von denen der eine Zwilling an der Pest erkrankt und der andere daran stirbt.
Ob Hamnet tatsächlich von der «plague» ergriffen wurde, wissen wir nicht, aber die Seuche fiel immer wieder in Shakespeares Heimatstadt Stratford ein und raffte mehrere seiner Schwestern dahin.
Die Pest war im Leben jener Zeit dermassen präsent, dass man sich fragt, warum sie Shakespeare in seinen Stücken nur metaphorisch erwähnt: «A plague upon both your houses», heisst es etwa in «Romeo and Juliet», ein Fluch auf eure beiden Häuser. Vielleicht weil Shakespeare der Mensch mehr interessierte als die Seuche. Andererseits bedroht die damalige Angst vor einem Rückfall in den Bürgerkrieg alle seine Königsdramen.
Das Buch von Maggie O’Farrell wurde von der Presse mit einer Begeisterung rezensiert, die an Hysterie grenzt. «Unputdownable», befand der «Guardian», «impossible not to love», bekannte die «Irish Times», «I can’t believe you haven’t read this», notierte die «New York Times». Manche Kritiker weinten. Auch beim Film überschäumte der mediale Enthusiasmus, er gewann den Golden Globe als bestes Drama, jetzt redet die Kritik bereits den Oscar herbei.
Doch worin gründet diese Euphorie? Es kommt einem beim Lesen und Schauen eher so vor, dass Film und Buch im selbst angerührten Kitsch kleben bleiben. Die Schilderungen der Landschaften erinnern an Aquarelle von Sonntagsmalern, die Darstellung der Menschen bleibt opak, das Pathos raunt, die Melancholie seufzt, die Konturen werden verunklart. Das ist kein weiblicher Blick auf eine männliche Welt. Das ist Anti-Shakespeare als feministischer Kitsch. Die australische Feministin Germaine Greer hat in ihrer Recherche «Shakespeare’s Wife» aufgezeigt, wie sehr sich alle für William und niemand für seine Frau Agnes interessieren. Aber sie formuliert ihre Polemik mit ironischer Brillanz, die frei bleibt von jenem manierierten Pathos, das den Roman fast komplett und den Film weitgehend ruiniert.
«Hamnet» bestätigt in seinen beiden Versionen vor allem eines: den Satz des amerikanischen Schriftstellers William Styron, wonach nichts die literarische Geschichtsschreibung so sehr inspiriert wie der Mangel an Fakten. Zwar bezeichnet Schriftstellerin O’Farrell ihre Erzählung als Fantasie, aber sie schildert sie trotzdem als Biografisierung von Shakespeares Familie. Und damit fangen die Probleme an.
«Nur wenn es selbst erlebt ist, kann es auch wahr sein, und nur wenn es wahr ist, hält man es für Kunst», erzählte der 2020 verstorbene Shakespeare-Übersetzer Frank Günther im Gespräch: «Das ist nichts anderes als Klatsch aus der Schlüssellochperspektive der Illustrierten. Literatur muss nicht Konfession sein; zu Shakespeares Zeiten gab es nicht einmal das Konzept davon.»
Tatsächlich hat alles, was wir über Shakespeare wissen, auf einer halben A4-Seite Platz. Er wurde am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon getauft, einer kleinen Handelsstadt in der Nähe von Birmingham, heiratete mit 18 die acht Jahre ältere Agnes Hathaway, bekam mit ihr drei Kinder, arbeitete in London als Schauspieler, Stückeschreiber und Mitbesitzer seines Theaters, investierte in Getreide und Immobilien, wurde reich, kehrte in die Heimatstadt zurück, kaufte ein Haus und ein grosses Stück Land und starb mit 52 Jahren. Als mögliche Ursache wird Syphilis genannt.
So gesehen ist «to be or not to be» tatsächlich die «question». War William Shakespeare der Mann, für den er seit über 400 Jahren gehalten wird? Hat der Sohn eines analphabetischen Handschuhmachers aus einer Provinzstadt 38 Stücke mit 1000 Personen und über 150 Gedichte mit einer Million Wörtern und einem Wortschatz von fast 30’000 Wörtern geschrieben?
Das Rätsel um Shakespeares überbordendes Wissen
Wie konnte ein ungebildeter Schulabgänger so viel über damalige Geschichte, Geografie, Justiz, antike Mythologie, über Militär, Medizin und den englischen Königshof wissen, aber auch über Jagd, Angeln und Bogenschiessen? War der Schauspieler der Renaissance am Londoner Globe-Theater derselbe Mann wie der bis heute meistgespielte Dramatiker der Welt, der in über 100 Sprachen übersetzt wurde, darunter Klingon und Esperanto?
Oder war Shakespeare eine Deckfigur des 17. Earl von Oxford, eines gebildeten, weit gereisten und wortmächtigen Adligen? Viele dachten und denken das, darunter Friedrich Nietzsche, Mark Twain und Sigmund Freud.
Alle wollen wissen, wer William Shakespeare war, welche sexuellen, religiösen und politischen Überzeugungen er vertrat, wo er sich diese Bildung und sein Vokabular zusammengelesen hatte.
Nur ist er für die einen als Autor aus Stratford historisch verbürgt, und sie haben recht. Die anderen, also die Oxfordianer, argumentieren aus einem Klassendünkel heraus, wonach nur ein Adliger ein solches Werk hätte schaffen können. Der literarische Konflikt ist somit ein politischer.
Erst am Schluss entfaltet das Theater seine Wucht
Welch grosser Autor Shakespeare wirklich war, zeigt der Film in der grossartigen Schlussszene, als wir die heftige Uraufführung von «Hamlet» in Shakespeares Globe-Theater in London erleben.
Die ist genauso derb, unruhig und geradezu körperlich in ihrer Wirkung, wie die Aufführungen damals stattgefunden haben müssen. Das Publikum geht mit, erschrickt über den Geist von Hamlets Vater, freut sich an den Fechtszenen und leidet im Kollektiv, wenn Hamlet sein «Der Rest ist Schweigen» haucht und stirbt.
Das alles ist kraftvoll, realistisch und wirkungsmächtig inszeniert. Und bestätigt mit seiner geradezu physischen Wucht, was William Shakespeare uns gelehrt hat: Das Leben ist Theater, die Welt eine Bühne, und wir sind blosse Schauspieler unserer Existenz.
Tages-Anzeiger, 21.1.2026
«O. k., was machen wir jetzt?»: Roger Schawinski weiss, wie Altwerden geht
Es gibt Haie, die sich dauernd bewegen müssen, sonst sterben sie. Gilt das auch für Journalisten? Er durchschaut die Unterstellung sofort. Und pariert sie mit einem langweiligen «so generell kann ich das nicht beantworten». Aber die Langeweile hält nicht an, ohnehin kein Zustand, den man mit Roger Schawinski assoziiert.
Denn schon Minuten später ist er wieder in voller Bewegung; er gestikuliert, lacht, regt sich auf, freut sich, analysiert, erklärt, behauptet, kann es nicht fassen. Da ist er wieder, der Unablässige, der einem noch mit seinen achtzig Jahren vorkommt wie ein Jüngling. Und der schon früh in unserem Gespräch sein erstes Sound-Byte platziert, Vollprofi, der er ist: «Ich habe mein ganzes Leben lang gegen Monopole gekämpft.»
Dass unser Gespräch so angenehm verläuft, war nicht abzusehen. Ich war schon huere nervös, als ich am Studio von Radio 1 beim Kunsthaus ankam. Denn obwohl Schawi und ich seit über vierzig Jahren miteinander zu tun haben, ist unsere Beziehung eher konfrontativ als kommunikativ verlaufen. Wir bekamen immer wieder Krach, von Jahren eisiger Stille unterbrochen. Roger Schawinski warf mir vor, voreingenommen über ihn zu schreiben, fehlerhaft und nachlässig zu recherchieren und ein «lousy journalist» zu sein, wie er mir einmal wegen eines Flüchtigkeitsfehlers schrieb. Ich wiederum nahm ihn als über alle Massen eitel wahr, egozentrisch, ausfällig und auf kleinliche Weise nachtragend. Ausserdem empfand ich ihn – darin ähnlich wie der von ihm bewunderte Niklaus Meienberg – als mitleidlos im Austeilen und mimosenhaft im Einstecken: ein Boxer mit Glas-Kinn.
Zurzeit beschäftigt den Multipolaren die Weigerung des Bundesverwaltungsgerichts, ihm für das Radio Grischa eine Konzession zu erteilen. Roger Schawinski fühlt sich «mehrfach betrogen» und sieht sich durch die Absage in seinem Kampf gegen Systeme und Konventionen bestätigt. Vom Radio Grischa in Chur zum Fernsehen Leutschenbach bei Zürich sind es über 150 Autokilometer, er überbrückt die Strecke in Sekunden. Bei seinem ersten und letzten Arbeitgeber angekommen, dem Deutschschweizer Fernsehen, fällt ihm als Erstes Susanne Wille ein, die Generaldirektorin der SRF. Die er persönlich mag. Auch wenn er die Strategie falsch findet, ihrer Firma einen Sparbefehl von mutmasslich 900 Entlassungen zu verordnen in der Hoffnung, dadurch die Halbierungsinitiative zu unterlaufen.
Rendez-vous mit einem Journalisten, der Radio und Fernsehen der deutschen Schweiz in den letzten mehr als 50 Jahren mehr verändert hat als jeder andere Medienmann. Roger Schawinski hat 1974 mit dem «Kassensturz» die erste Konsumentensendung der Schweiz erfunden, er lancierte die Migros-Zeitung «Tat», gründete «Radio 24», «Tele24», die geschwätzige Zeitschrift «Bonus»; er leitete in Berlin den Sender Sat.1, installierte die Talkshow «Schawinski», lancierte Radio 1, sprach die Opfer von Corona an, kämpfte gegen die Abschaltung von UKW. Und damit ist noch nichts über den «Doppelpunkt» gesagt, seine oft aggressive, von seinen Unterbrechungen punktierte Radiosendung. «Es kommt immer darauf an, wen man vor sich hat», sagt er, als man ihn auf seinen Frage-Stil anspricht.
Als seien all diese Medien, Aktionen, Proteste, Interviews noch nicht genug, hat Schawinski noch 13 Bücher geschrieben. Das letzte erscheint nächste Woche und ist dem Altern gewidmet. Wobei einer wie er niemals ein Buch mit so einem resignativen Wort im Titel schreiben würde. «Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre», überschreibt der Autor seine 200-seitige Recherche.
Die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg sei die erste in Europa, hat der englische Historiker Eric Hobsbawm geschrieben, die ohne Krieg aufgewachsen sei. Diese Generation ist heute weit über das Rentenalter alt geworden. «Wir sind gesünder unterwegs, leben länger und angenehmer, vor allem in der Schweiz», sagt Roger Schawinski, der sein Buch als Feier dieser neuen Lebensfreude und zugleich als Ratgeber für ihr Bewahren verstanden haben will. Wir einigen uns auch schnell darauf, dass Thomas Gottschalks Abgang peinlich wirkte und dass Bob Dylan in den letzten Jahrzehnten mehr Platten hätte machen sollen als diese Folterkonzerte.
Roger Schawinskis Buch liest sich leicht und bleibt immer verständlich, obwohl der Autor seine Thesen mit wissenschaftlichen Studien befestigt und immer wieder die Namen von Expertinnen und Experten in seine Texte streut. Er tröstet uns über das Nachlassen der Muskelkräfte, den sinkenden Sexualtrieb, die Erkenntnis des Nicht-mehr-gebraucht-Werdens, die Konkurrenz der Nachwachsenden. Er gibt uns Empfehlungen dazu, was wir für unsere Gesundheit unternehmen müssen, worauf wir besser verzichten und welche Stellen am Körper wir regelmässig untersuchen sollten. Er zeigt auf, wie wichtig soziale Kontakte gerade im hohen Alter bleiben. Tröstet uns darüber, dass wir mehr vergessen und weniger lange schlafen als früher. Schawinskis Buch ist, mit anderen Worten, eine Art Best-of des Alterns geworden.
Allerdings ist das Schreiben nicht seine Stärke, und er weiss es. Schawinski bleibt ein Radiomann. Und hat, so scheint es, den Rat des Dichters Gotthold Ephraim Lessing zu sehr übernommen, der empfahl: «Schreibe, wie du sprichst, dann schreibst du schön.» Das stimmt beim hurtigen Zürcher Publizisten nur bis zu einem gewissen Grad. Wie schon bei seiner Autobiografie neigt der Autor zu Superlativen, Pleonasmen, Füllwörtern und Ausrufezeichen, die beim Reden nicht stören, beim Schreiben aber sehr. Roger Schawinskis Optimismus macht Mut und sein Enthusiasmus Freude. Stilistisch hilft ihm keines von beidem, denn der Überschwang wattiert die Befunde. Er habe das Buch in drei Monaten heruntergeschrieben, sagt er; man glaubt ihm sofort.
Ironischerweise vermisst man an seinem neuen Buch am meisten das, was man ihm sonst am häufigsten vorwirft: Roger Schawinski selber. Obwohl er die düsteren Themen des Alterns anspricht, drohende Demenz etwa, aber auch Altersdepression und die Abhängigkeit von anderen, erfährt man nur wenig darüber, was ihn selber beim Älterwerden plagt. Hat er keine Todesängste? Hält er Vergesslichkeit nicht für ein Warnzeichen der Demenz? Kränkt es ihn nicht, dass alle ihn als alten Mann erleben? Wäre nicht gerade bei diesem Thema der persönliche Zugang interessanter gewesen? Und wie erstrebenswert ist das hohe Alter, wenn einem die Freunde wegsterben?
Er habe sich diesen Zugang überlegt, sagt er, sich aber für ein informierendes Buch entschieden, weil dieses den Lesern seiner Generation eher helfen würde, mit ihrem Altern umzugehen. Als ich ihm im Gespräch unterstelle, sein ganzes Buch komme mir wie eine einzige Verdrängung des Todes vor, reagiert er gelassen. Und räumt ein, man könne das so sehen, ihm sei es aber wirklich darum gegangen, den Leuten beim Altern zu helfen. Seine Reaktion belegt, was er in seinem Buch ebenfalls behandelt: Altersmilde.
Wir trafen einander zum ersten Mal am 26. Januar 1980 auf dem Zürcher Bürkliplatz. Ich erlebte ihn dort als einer der Tausende von Demonstrantinnen und Demonstranten, die gegen das Abstellen von Radio 24 durch die Behörden protestierten. Wir hörten in unserer Studenten-WG seinen Sender, gingen ins Volkshaus, wo Polo Hofer seinen opportunistischen «Radio 24»-Song als Erstes vortrug, gingen an das Gratiskonzert von Jimmy Cliff, das Schawinski im Autonomen Jugendzentrum organisiert und finanziert hatte. Es blieb der einzige friedliche Moment an diesem Ort der verzweifelten Utopie. Ich erlebte auch live, wie am 22. Januar 1980 das Radio von Roger, wie wir ihn alle nannten, zum ersten von drei Malen abgestellt wurde. «Wir trauerten eine Viertelstunde lang», erinnert sich Schawinski heute, «dann sagte ich, o. k., was machen wir jetzt? Ich bin keiner, der rückwärts schaut.»
Das Rückwärtsschauen erlaubt immerhin die Sehnsucht nach jener Zeit, als der Journalismus noch keine bedrohte Tierart war und der Gesellschaft noch etwas bedeutete. Als ein Leitartikel noch eine gewisse Definitionsmacht hatte und Journalisten wochenlang an einem Thema recherchieren konnten. Und als wir Journalisten noch nicht von Tausenden von Pressesprechern und anderen Umformulierern bedrängt wurden, von denen die wenigsten schreiben konnten und die meisten uns trotzdem dreinredeten. Roger Schawinski mag zu Rechthabereien neigen und zu masslosen Attacken als Reaktion auf Kritik, denke ich auf dem Heimweg. Aber er glaubt an das, was er macht. Er ist ein Zorniger, aber kein Zyniker. Und er ist ein leidenschaftlicher Journalist geblieben.
Roger Schawinski: «Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre». Zürich: Verlag Radio 1, 200 Seiten.