Als ich aus der Narkose erwache, sehe ich meine Hand weiss verbunden. Sie sieht aus wie eine eingepackte Faust. Ich liege unter weissen Laken.
Erst als sie zwei Tage später die Hand auspacken, wird mir bewusst, dass ich mich innert Sekunden von einem alten Mann zu einem beschädigten Mann verstümmelt habe. Ich schaue auf ein rohes, blutig angelaufenes Stück Fleisch am Ende meines linken Armes. Stummel ragen daraus heraus wie bei einem Fenchel. Der Daumen ist abgeschnitten. Mein Arm mit dem Stumpf sieht aus wie eine obszön herausragende Erektion, zugleich impotent in seiner nutzlos gewordenen Anatomie.
Die Chirurgen schauen sich den operierten Stumpf an, sagen wenig und verbinden ihn wieder. Das Stück Fleisch mit den fünf Stummeln wird eingecremt und neu verpackt. Was ich nicht ahne im Universitätsspital Zürich, Hauptgebäude: Sie werden mich noch sechsmal operieren. Denn es kommt zu Komplikationen. Zunächst müssen die Stummel nachgeschnitten werden, weil sie abgestorben sind. Dann will mein linker Arm die transplantierte Haut aus dem rechten Oberschenkel nicht akzeptieren. Erst nach fast drei Monaten werde ich in die Rehabilitation geschickt und vom Verletzten zum Behinderten befördert.
Es passierte nachts um zwei, nicht meine beste Zeit, und nüchtern war ich auch nicht. Ich glaube mich zu erinnern, dass mir beim Kochen ein Topf mit brühendem Wasser aus der rechten Hand glitt und sich das Wasser auf die linke ergoss. Dann muss ich das Bewusstsein verloren haben.
Am anderen Morgen war die Hand rot angelaufen und brannte wie in Flammen. Meine Nachbarin hörte mich schreien, kam herunter und rief das Taxi zum Notfall. Im Zürcher Universitätsspital sagte mir ein Chirurg in nettem Ton, da sei nicht mehr viel zu machen. Ich realisierte nicht, was er meinte. Das war am 28. April 2024, einem bewölkten Sonntag. Noch drei Monate bis zur Pensionierung.
Die Tage im Spital vergehen, die Nächte halten an. Dank den Opiaten empfinde ich weder Gefühle noch Schmerzen. Zwischenzeitlich geben sie mir Fentanyl, das ist der Stoff, der die Süchtigen nach einem kurzen High ins Low versetzt. Brandwunden seien schlimm und Handwunden besonders schlimm, sagt mir eine Chirurgin. Ich verstehe, was sie meint. Spüren werde ich es später.
Phantomschmerzen, die Sprache ist missverständlich: Der Begriff signalisiert das Gegenteil seiner Bedeutung. Wer einen Teil seiner Anatomie verloren hat, empfindet nicht die Schmerzen als Phantom, sondern echte Schmerzen aus einem abgeschnittenen Körperteil. Das Gehirn hat meine Versehrtheit noch nicht registriert. Es wird Monate dauern, bis ich den fehlenden Daumen nicht mehr spüre; mein linker Zeigefinger nirgendwohin mehr hinzeigt; meine linke Faust sich nicht mehr ballt. Und ich beginne, von mir als unvollständig zu träumen.
So liege ich da mit meinen Phantomschmerzen und meinen Phantomgefühlen über meine Phantomhand. Erst denke ich an jene, denen keine Medizin die Schmerzen lindert, weil sie verletzt im Krieg liegen. Der Gedanke ist so unerträglich und meine rundum betreute Verletzung im Vergleich dazu so geringfügig, dass ich die Kriege verdränge. Stattdessen hadere ich mit meinem Unfall, diesen zwei unachtsamen Sekunden, verfalle dem Selbstmitleid und werde weinerlich.
Auf das Selbstmitleid folgt die Paranoia. Ich bin sicher, dass alle auf meinen stumpfen Arm schauen, wenn auch nur heimlich, und dass sie darüber reden. Nachts stelle ich mir meine beschädigte Silhouette vor. Tagsüber, wenn ich mich im Spiegel sehe – ein langer, kahler, gschtabbiger Mann, geboren 1959, 188cm, 77kg und mit einem schwarzen Socken am linken Arm – empfinde ich meine Asymmetrie als lächerlich. Der Mensch ist nicht symmetrisch gebaut, schon das Gesicht nicht und auch nicht die Organe. Aber wir sehen symmetrisch aus und dadurch ganz. Symmetrie suggeriert Ordnung und Anmut. Mir fehlen alle drei.
Ich brauche lange, um zu merken, dass ich der Einzige bin, der meinen Körper als unvollständig wahrnimmt. Die Pflegerinnen und Pfleger behandeln mich genau so gut wie die übrigen Patienten, und wer mich besucht, schaut nicht auf den Stumpf, mit dem ich gestikuliere, sondern mir ins Gesicht. Niemand nimmt meine amputierte Hand wahr ausser mir. Und ich bin von ihr besessen.
Die plastischen Chirurgen, für den Erfolg meiner Operation zuständig, registrieren nicht die Beschädigung, sondern die Besserung. «Der Stumpf ist aber schön geworden», sagt eine Chirurgin. Auch andere reagieren begeistert. Viele Ärztinnen und Chirurgen stammen aus Deutschland, fast alle Pflegeleute aus dem Rest der Welt, weit über dreitausend Leute aus achtzig Ländern arbeiten hier. Sie sind die Gastgeber der Beschädigten.
Es dauert mehrere Wochen, bis ich fühle, was ich weiss: dass ich ein gebrannter Mann bin. Dabei fällt mir zunächst ein, woran ich als Erstes dachte, als ich meinen blutigen Stumpf sah, und wie absurd der Gedanke war: Ich dachte an eine Schlagzeile über Michael Jackson im Musikmagazin «Rolling Stone», ich erinnere mich noch genau an sie: «The sound of one glove clapping.» Das war in den Achtzigerjahren, als Jackson ein Star war und mit einem glitzernden Handschuh herumlief. Es war auch die Zeit, als diese Zen-Frage populär wurde, die das Absurde formulierte, um das Denken zu unterbrechen: Wie klingt es, wenn ein Einhändiger klatscht? Ich werde es herausfinden.
Aber zunächst frage ich mich, warum mir als Erstes dieser Handschuh einfiel. Und überlege, ob eine Freundin von mir recht hat, die mein Lustigseinwollen als Reaktion auf Unerträgliches diagnostiziert, «that joke reflex of yours», wie sie mir schreibt.
Einen Handschuh werde ich in den nächsten Monaten oft tragen oder mir einen Socken über den Stumpf ziehen, weil es fast zwei Jahre dauern wird, bis die Krankenkasse dem Kostenvoranschlag für eine Prothese zustimmt. Der Handschuh sieht komisch aus im Sommer und der Socken bescheuert zu jeder Jahreszeit.
Dann passiert es, in einer meiner schlaflosen Nächte im Spital. Ich klicke mich auf dem Laptop durch die Kanäle und stosse auf eine Dokumentation über The Who, der hart rockenden Londoner Band. Pete Townshend schrieb die Texte, schlug die Akkorde in seine Gibson und rammte diese dann in die Verstärker. Roger Daltrey sang, ein ehemaliger Metallarbeiter, John Entwistle hielt den Bass. Und Keith Moon, ein bipolarer Alkoholiker, explodierte am Schlagzeug. Ich schaue mir die Dokumentation an, sehe die vier jungen Männer in Schwarz-Weiss bei ihren frühen Konzerten, wie sie an ihren Instrumenten hantieren.
In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich nie mehr ein Instrument werde spielen können. Ich wurde weder an der Gitarre noch an anderen Instrumenten gut genug und hatte das Spielen aufgegeben. Aber die Erkenntnis, ein Instrument nicht einmal halten zu können, bringt mich zur Verzweiflung.
Ich weine durch die Nacht, trauere um meine tote Hand.
In den Wochen darauf wird mir das Einhändigsein immer mehr bewusst: Was mir im Leben fehlen wird. Zunächst tut es weh, wenn ich mit meinem Stumpf anstosse, weil die Nervenenden ungeschützt sind. Dann habe ich zwar keine Finger mehr, kann aber den Handstumpf noch so bewegen, als seien sie noch dran: Bewegung als Bestätigung von Verlust.
Schliesslich fallen mir immer mehr Dinge ein, die ich nicht mehr machen kann. Umarmen, ich meine richtig. Basketball spielen. Gestikulieren. Mit beiden Händen winken. Neben dem Messer eine Gabel führen. Einen Reissverschluss schliessen. Brot backen. Brot schneiden. Schuhe binden. Ein Buch halten. Ein Geschenk einpacken. Ein Geschenk auspacken. Mich abtrocknen. Die Hände waschen. Das Gesicht fassen. Zum Glück bete ich nicht.
«There is a crack in everything/ That’s how the light gets in» – so viele kennen diese Zeilen von Leonard Cohen aus dem Song «Anthem» von 1992, dass sogar Gerhard Pfister, ehemaliger Präsident der Mitte-Partei, sie als Alterspräsident im Nationalrat hersagen konnte. Er zitierte sie am 4. Dezember 2023 zur Eröffnung der neuen Legislatur. Dass er Leonard Cohens Licht durch die Risse als «Licht der Aufklärung» deutete, macht deutlich, wie sehr der Schweizer Nationalrat den kanadischen Songwriter missverstand.
Denn Cohen beschwor diese Zeilen mehr, als dass er ihnen glaubte. Zerrüttet von Kokain, Rotwein und leerem Sex, verbrachte er Jahre depressiv im Bett vor dem Fernseher. Sein Album «The Future», dem der «crack in everything» entnommen ist, beschreibt die Zukunft nicht als Hoffnung, sondern deren Zerstörung.
Denn wie Cohen im Titelstück murmelt in seiner katatonen Verzweiflung:
«Give me back the Berlin wall, give me Stalin and St.Paul/I’ve seen the future, brother, it is murder».
Vielleicht muss man selber einen Schaden haben, um Leonard Cohens Metapher zu verstehen. Aber das ist bloss eine Vermutung; Versehrung garantiert noch keine Einsicht.
Wenigstens formuliert Cohen seine Schmerzen als Pointe. Ich kann schon die Sprache der Bücher nicht ertragen, die mir zur Bewältigung meines Verlustes empfohlen werden. Je häufiger ich Formulierungen wie dem «inneren Heiler», den «Phasen eines Prozesses als Chance» oder dem «Leben als Befragtsein» begegne, desto mehr erinnern sie mich an mein Psychologiestudium, wo mir dieser Beschwörungskitsch bereits auf die Nerven ging.
Statt dass mich der Trost der Psychologie ergreift, lässt mich der Verlust der Physiologie nicht los. Je länger mir die eine Hand fehlt, desto mehr bewundere ich, was die andere kann. Sie besteht aus siebenundzwanzig Knochen, sechsunddreissig Gelenken und vielen Muskeln. Sie vermag sich auf Dutzende verschiedene Weisen zu bewegen.
Die Handgelenke rotieren, die Knöchel beugen und strecken sich, die Finger ballen sich zur Faust, biegen sich zum Tragen, öffnen sich zum Gruss. Unsere Hände sind so sensibel, dass sie wie ein Sinnesorgan funktionieren; wir können bei Licht zeichnen, was wir im Dunkeln ertasten. Ein grosser Teil des Cortex im Gehirn ist damit beschäftigt, körperliche Aktivitäten zu koordinieren.
Darum entwickelte sich die Robotertechnik während Jahren so viel langsamer als die künstliche Intelligenz. Ein Computer schlägt jeden Meister im japanischen Go, das Spiel ist noch komplexer als Schach. Erst vor kurzem gelang es hingegen einem Roboter, einen Menschen beim Ping-Pong zu schlagen. «Um zu schaffen, was Ihre Hand konnte», sagt mir eine Handchirurgin, «würden Sie Dutzende von Prothesen brauchen.» Und auch fünfzig Prothesen können weder Wärme noch Wasser spüren, keinen Druck fühlen, keinen Hauch und keinen Puls.
All das geht nur von Hand: Die Mutter hält, der Vater wiegt, die Cellistin greift, der Soldat schiesst, die Chemikerin giesst, die Geliebte streichelt, die Chirurgin schneidet auf, der Goalie wehrt ab. Auch die Sprache ist mit Händen zu greifen. Lasst uns Hand anlegen. Er stand mit leeren Händen da. Das Hilfswerk handelt. Sie arbeiten Hand in Hand. Allerhand, vorderhand, zuhanden, kurzerhand, handkehrum. Händeringend. Handzahm. Handlich. Händel. Hände.
In der Vorzeit galt der Handschlag vermutlich als Beleg dafür, dass man keine Waffe trug. Er war ein gestischer Ausdruck des Vertrauens. Seither hat er sich zu einer Begrüssung von Fremden und Bekannten formalisiert. Er verringert Distanzen, ohne sie aufzuheben, da er die Umarmung verhindert.
Der Handschlag zeigt, welche kommunikative Bedeutung der Hand zukommt. Wie stark er den Kontakt zwischen den Menschen reguliert, wurde uns bei der Corona-Epidemie bewusst, als wir einander die Hand nicht geben durften. Der Handschlag ist als Zeichen von Höflichkeit dermassen stark codiert, dass seine Verweigerung als Verachtung gedeutet wird. Wochenlang gaben muslimische Schüler in der Schweiz zu reden, die ihrer Lehrerin nicht die Hand gaben und das mit der Religion begründeten. Eine Anästhesistin verspricht mir vor der vierten Operation, sie drücke mir die Daumen. Ich finde ihren Plural unglücklich gewählt, sie lacht. Andere wünschen mir beim Abschied gute Besserung. Besserung wozu?
Als die Schmerzen nachlassen und die Ärzte die Opiate herunterfahren, als ich also wieder denken kann, versuche ich es mit Schreiben. Die Korrekturtaste wird zu meiner Assistentin. Ich hatte mir vor dem Studium das Zehnfingersystem beigebracht, was jetzt zum Problem wird. Es gibt ein Schreibprogramm für Einhändige, ich gebe es bald auf. Zu sehr bedrückt die Erfahrung, etwas schlechter lernen zu müssen, was ich früher konnte. Diese Erfahrung gehört zum Repertoire der Amputierten.
Aber je besser es mit dem einhändigen Schreiben geht, und es geht nur wenig besser, desto grösser werden die Zweifel am Schreiben selber. Was früher leicht fiel, die szenische Umsetzung von Erlebtem, das Konturieren einer Begegnung zum Portrait, die Verknappung fremder Aussagen zum eigenen Text, lässt mich jetzt stocken. Ich komme mir vor wie ein einarmiger Bandit, das sind die Spielmaschinen in den Spielcasinos, bei denen man zu gewinnen glaubt und doch verliert. Die Selbstverständlichkeit von über vierzig Jahren Journalismus trägt mich nicht mehr durch die Texte; stattdessen empfinde ich die Beschreibungen als oberflächlich, ich komme nicht weiter, bleibe quälend im Schreiben stecken.
Was mir früher sorglos gelang bis zum Automatismus, stammle ich jetzt mit fünf Fingern in die Tastatur. Und hasse die Wörter schon beim Formulieren. «Schreiben heisst, sich selber lesen», notiert Max Frisch in seinem Tagebuch. Was bei ihm klingt wie ein Befund, erlebe ich als Niederlage.
Nach fast drei Monaten und sechs Operationen werde ich verlegt. Ein Patiententransport holt mich im Universitätsspital an der Rämistrasse ab und fährt mich ins Rehabilitationszentrum Bellikon, Kanton Aargau. Es liegt auf einem Hügel zwischen Dietikon, Baden und Wohlen, von dem aus man weit in die Landschaft sehen kann. Der Fahrer quert das Dorf und kurvt von der Hauptstrasse auf einen leeren Parkplatz. Vor dem Rehazentrum steht geschweisste Kunst. Dahinter duckt sich das Gebäude, rechteckig, kahl und mehrstöckig in den Hügel hineingebaut.
Drinnen kommt man sich vor wie in einem Science-Fiction-Film: Warmes Licht in langen Gängen, gedämpfte Geräusche, lautlos tickende Uhren. Ein Gefühl der Zeitlosigkeit kommt auf. Wären nicht die Patientinnen und Patienten, die auf unkoordinierte Weise gehen, hinken und rollen. Bellikon ist, wie der Surrealist Paul Éluard eine Sammlung seiner Gedichte übertitelte, «la capitale de la douleur»: die Hauptstadt der Schmerzen.
Alle hier leiden an einem Verlust von sich selber. Die Versehrten, Amputierten, Geschienten, Vergipsten und Verbundenen, die Hinkenden und Rollstuhlfahrenden, die Krückengänger und Prothesenträger; die mit Augenklappen und Kopfverbänden, die Verunfallten, schwer Verbrannten, Liegengebliebenen, Aufgelesenen und Operierten aus der Deutschschweiz. Die Klinik für die Romandie steht in Sion im Kanton Wallis. Wer in Bellikon am wenigsten verletzt aussieht, ist oft am meisten geschädigt, denn das sind die Leute mit Hirnschäden.
Viele Patienten hier sind mit dem Töff verunfallt oder mit dem Auto. Einige tragen ihre Virilität auf dem T-Shirt, «Triumph», «Just Do It», gelegentlich zu «Helvetic Diesel. Power, Performance, and Reliability» potenziert, Siegervokabeln über gewölbten Bäuchen. Eine junge Frau, die ich in der Ergotherapie kennen lerne, trägt ein Shirt mit der Aufschrift «sarcastic comment» und darunter «loading, please wait».
Dem Sarkasmus begegnet man hier selten. Dafür sind die einen zu schwer verletzt, andere haben sich mit ihren Versehrungen abgefunden oder versuchen es. Etwa der Italiener, der beim Essen mit am Tisch sitzt. Wie ungewöhnlich seine heitere Gelassenheit anmutet, merke ich erst, als er ohne Beine davonrollt. Der Mann sitzt auf seinen Hüften, Arbeitsunfall. Das Gute daran, dass hier alle einen Ecken abhaben: Keiner fällt mit seinem Schaden auf. Ihnen helfen Physiotherapeuten, Psychiaterinnen, Logotherapeuten, Psychologinnen und all die anderen zu einem versehrten Leben.
Am meisten tut ein Ergotherapeut für uns, der seinen Zweckoptimismus gegenüber den Patienten mit Wienerischer Ironie glasiert. Von ihm lerne ich, als beschädigter Mann nicht aufzugeben.
Später wird sich ein Techniker der Orthopädie um die Bewilligung meiner Prothese bemühen. Hoffnung macht mir eine junge Pflegerin, mit der ich eine schlaflose Nacht durchdiskutiere, denn sie sagt: «Jeder, der mit seiner Versehrung hierherkommt, verlässt uns in einem besseren Zustand.» Das klingt zuversichtlich, auch wenn ich bis heute auf diese Besserung warte.
Beschämt erfahre ich später in «We Push», einem Dokumentarfilm über Prothesen, die Geschichte von Alex Munyambabazi, der in Uganda mit einer Beinprothese herumläuft. Dass Alex überleben würde, war in seiner Biografie nicht vorgesehen. Er wuchs als Waisenkind in grösster Armut auf, musste schon als Vierjähriger zu den Tieren schauen und schlief im Hühnerstall. Nachdem er sein Studium aus finanziellen Gründen abbrechen musste, liess er sich als Neunzehnjähriger zur Armee verpflichten. Schon nach drei Monaten Rekrutenschule wurde er an die Front geschickt. Dort musste er gegen Rebellen kämpfen, die Kinder zum Kriegsdienst pressten und regelmässige Massaker verübten.
Bei einem Angriff trat er auf eine Landmine, hörte einen donnernden Knall und verlor das Bewusstsein. Als er wieder erwachte, war sein rechtes Bein weg. «Mein erster Gedanke war», erinnert er sich: «Ich werde nie mehr Fussball spielen können.» Alex verfiel einer jahrelangen Depression, humpelte auf Krücken durch den Alltag und wurde von seiner Umgebung gemieden. Viele Menschen in Afrika fürchten, der Kontakt mit einem amputierten Menschen bringe ihnen Unglück. Nach Jahren bekam Alex eine Prothese zugesprochen, schaffte mit Geldhilfe von Bekannten die Schule, studierte Medizin, arbeitet heute mit amputierten Patienten und sagt von sich: er sei glücklich.
Nach fast zwei Jahren schliesslich, ich bin längst zu Hause und organisiere mich einhändig durch den Alltag – das Anziehen lerne ich, das Schuhebinden auch, das Kochen bleibt schwierig, beim Baden sehe ich diesen nackten Stumpf am Ende meines linken Armes und finde seinen Anblick unerträglich, für alles andere brauche ich die Hilfe der Spitex –, bekomme ich von meiner Krankenkasse die «Einhand-Prothese links nach ärztlicher Verordnung» bewilligt; sie kostet über 7000 Franken.
Bei diesem Modell lassen sich die Finger zwar krümmen, allerdings nur mithilfe der rechten, der anderen Hand. Eine elektrische Prothese, die ich von meinem Hirn aus steuern könnte, würde mehr als das Zehnfache kosten. Einem Pensionierten wie mir steht das nicht mehr zu.
Die Prothese als Massenprodukt kam im Ersten Weltkrieg aufgrund der Verheerungen auf, welche die neuen Waffen anrichteten. Maschinengewehre zum Beispiel, die serielles Töten ermöglichten, aber auch neue Bomben und Raketen. Alleine im Stellungskrieg von Verdun starben über 700’000 Menschen, eine unbekannte Zahl wurde verstümmelt. Die verletzten und schwer traumatisierten Soldaten, deutsche und französische, englische und russische, österreichische und italienische, brauchten neue Hände, Arme und Beine. Nach dem Krieg sah man sie durch die Strassen von Berlin, Paris, London, Moskau, Wien und Rom humpeln.
Einer der jungen Sanitäter, der die Verletzten in einem französischen Lazarett empfing, war ein Medizinstudent, er hiess André Breton. Inspiriert von der Lyrik Arthur Rimbauds und entsetzt von den Gräueln des Krieges, gründete er die surrealistische Bewegung, die von der in Zürich entstandenen Bewegung der Dadaisten inspiriert wurde.
Die Dadaisten hatten mit ihren absurden Bildern, Gedichten und Installationen gegen die angebliche Vernunft der Aufklärung aufbegehrt – den Weltkrieg konnten auch sie nicht verhindern. Was auf den Bildern der nachfolgenden Surrealisten wie eine höhnische Anatomie aussah, separierte Glieder, die grotesken Körper in den Bildern von Dalí und anderen, das aufgeschnittene Auge im Film «Un Chien Andalou» von Dalí und Buñuel, war nicht als Parodie gedacht. Sondern als Inszenierung des Unbewussten in Abgrenzung von einer christlichen Moral, die den jungen Bilderstürmern angesichts der toten Millionen des Weltkriegs verlogen vorkam.
Über hundert Jahre später, im März 2024, also drei Monate vor meinem Unfall, lese ich im englischen «Economist» über eine neue Prothesenkultur, die zwei Daumen pro Hand vorschlägt und zehn Finger statt fünf; warum die Anatomie kopieren, wenn sie sich übertreffen lässt? Ich lese von Händen, die von den Füssen aus über elektrische Impulse gesteuert werden. Und nehme mir vor, über diese Entwicklung einen Artikel zu schreiben. Wenig später amputiert man mir die Finger der linken Hand.
Fast zwei Jahre nach meinem Unfall, an einem grauen Wintertag, nehme ich wieder den Bus von Zürich nach Bellikon. Dort wartet ein Techniker, der sich mit Prothesen auskennt. Er misst meine rechte Hand und meinen linken Stumpf. Aus einem Gipsabdruck modelliert er den Aufsatz zur Prothese und lehrt mich dann, wie ich sie anziehen muss. «Wir erschaffen keine Hände», sagt er, «wir bauen Werkzeuge.»
Schon darum möchte ich keine hautähnliche Prothese haben, die sieht tötelig aus. Wenn schon, soll man meiner Prothese ansehen, dass sie eine ist, ich will sie tragen wie eine künstliche Versehrung. Die Leute sollen sie anstarren und mich durch ihren Blick vervollständigen. Erst denke ich an Rot als Farbe, der Techniker rät mir ab; sieht zu sehr nach Blut aus, sagt er.
Schliesslich entscheide ich mich für ein mattes Anthrazit. Zwei Wochen später ist die Prothese fertig, und ich kann sie anprobieren, was Geduld voraussetzt und Übung verlangt. Jeden Abend muss ich sie ausziehen und waschen. Die Prothese ersetzt keine Hand, sieht aber immer noch besser aus als dieser nackte, obszöne Stumpf. Ein wenig terminatormässig, tröste ich mich. Arnold Schwarzenegger, den ich für seinen Humor, seine Disziplin und seine politische Offenheit bewundere, hätte seine Freude.
Monate später, ein Sommertag in Birsfelden bei Basel. Ich bin bei Freunden eingeladen, wir essen im Garten. Das Fleisch brät, das Brot duftet, der Weisswein glitzert. Neben mir sitzt eine Freundin und sagt: «Zeig mir deinen Stumpf, ich möchte ihn einmal sehen.» Als ich ihn hervorziehe, sehe ich, dass die abgeschnittenen Finger nachgewachsen sind. Alle stehen auf und freuen sich, reden von einem Wunder, grosse Aufregung am Gartentisch. Nur ich bleibe sitzen, sage und wiederhole: «Es ist nur ein Traum.»