Die Yuppies waren Ronald Reagans Schüler – und finanzierten Barack Obamas Aufstieg
Yuppies, das war in den Achtzigern. Sie beschleunigten die Wirtschaft, stählten ihre Körper und popularisierten den Egoismus. Ein neues Buch analysiert diese sehr spezielle Jugendbewegung.
«Greed is good», sagt Gordon Gekko. Der Stabreim funktioniert auch auf Deutsch: Gier ist gut. Zwar hat der Mann nie gelebt, er gibt die fiktive Hauptfigur in Oliver Stones polemischem Film «Wall Street» von 1987, aber das Zitat wird mehreren Börsenhändlern jener Jahre zugeschrieben. Michael Douglas spielt den Trader als öligen Finanzverbrecher mit Piranha-Lächeln, der die Gewinnmaximierung über alles stellt. Und der von den jungen Händlern verehrt wird, die das Manhattan der achtziger Jahre bevölkern.
«Young Urban Professionals» nennt Amerika mit seinem Talent zur Etikettierung die neuen Geldmacher. Das Nachrichtenmagazin «Newsweek» deklariert in seiner letzten Ausgabe von 1984 «The Year of the Yuppie». Und beschreibt in seiner Titelgeschichte eine neue Generation vorwiegend weisser junger Männer, die zu Hunderttausenden an die Wall Street gehen, sich bei den Anwaltskanzleien und den Rohstoffhändlern bewerben, in die Medien und in die Werbung drängen und die Arztpraxen anführen. Zugleich bilden sie eine neue Kaufkraftklasse mit ihren Autos, ihren Lofts, ihrem Sushi, ihren Jogginghosen und ihrem Kokain.
In seinem neuen, exzellent recherchierten und geschriebenen Buch «Yuppies» untersucht der Kapitalismus-Historiker Dylan Gottlieb die Soziologie dieser aggressiven Jugendkultur. «Gier ist gut, das gilt für die Wall Street im Gesamten», sagt er im Gespräch: «Aber die Yuppies waren die Ersten, welche diese Gier sexy aussehen liessen.» Dylan Gottlieb, knapp vierzig Jahre alt, doziert als Geschichtsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Bentley in Boston.
In diesen Jahren sehen die Computer aus wie Kühlschränke, und ihre Bildschirme leuchten in grüner Schrift; die Mobiltelefone gleichen Hochhäusern mit Antennen; an der Börse wird gefuchtelt, geschrien und auf hastigen Zetteln notiert; über den Hemden der Trader spannen sich die Hosenträger, in Aschenbechern glimmen ihre Zigaretten, an der Bar perlen die Perrier-Flaschen; Jane Fonda turnt, Madonna tanzt, und Prince beklagt Aids als «big disease with a little name», eine schwere Krankheit mit einem kurzen Namen.
Gleichzeitig machen sich in Washington und London Ronald Reagan und Margaret Thatcher daran, die sechziger Jahre zu dekonstruieren und die Wirtschaft zu deregulieren. «There’s no such thing as society», befindet Thatcher, während Reagan einen Satz mit neun Wörtern zum schlimmsten Angebot der englischen Sprache erklärt: «I’m here from the government to help you.»
Young Urban Professionals: Was als soziologische Grösse seinen neutralen Anfang nimmt und sich zu einer Faszination für eine neue Klasse ehrgeiziger junger Männer und immer mehr Frauen entwickelt, verkommt innert weniger Jahre zur Beschimpfung. «Die yuppie scum», kann man Ende der Achtziger auf New Yorker Hauswänden lesen, verrecke doch, du Abschaum von einem Yuppie.
Worin gründet die Faszination für diese jungen Leute, und wieso kippte sie um in Hass? Wie sehr haben die Yuppies New York verändert, dessen Hauptquartier Manhattan sie zum Austragungsort ihrer Karriere machten? Wie konnten sie dermassen auf Mode, Sport, Ernährung, Freizeit und Gesellschaft einwirken?
Die siebziger Jahre sind für Amerika traumatisch verlaufen. Die Ölkrise lähmt das Land, darauf folgten die Stahlkrise und ein Börsencrash. Der Vietnamkrieg endet in einer Niederlage, der Watergate-Skandal zwingt Richard Nixon zum Rücktritt. Eine Rezession breitet sich aus, die Arbeitslosigkeit eskaliert. New York leidet an Gewalt, Armut und Dreck, die Aussenbezirke verslumen. Fixer und Penner liegen auf der Strasse, die Stadt bekommt von Washington kein Geld mehr. «Ford to City: Drop dead», titelt die «New York Post».
Gerald Ford vermag weder New York noch die Republikaner zu retten. Sein Nachfolger Jimmy Carter empfiehlt sich als anständiger Demokrat aus dem Süden und beginnt über seinen Notenbankchef Paul Volcker, die Kontrollen der Wirtschaft zu lockern. Aber Carter scheitert an der iranischen Geiselaffäre. Und am leutseligen Wahlkampf von Ronald Reagan, dem kalifornischen Westernhelden, der Ende der siebziger Jahre eine konservative moralische Wende und eine systematische Liberalisierung der Wirtschaft verspricht.
Ersteres verfolgt Reagan mit einer Hinwendung zum christlichen Fundamentalismus, Letzteres erreicht er mit der Abschaffung beinahe aller Regeln, die Amerika nach der schweren Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre eingeführt hat. Erst der weltweite Börsencrash mit seinem schwarzen Montag am 19. Oktober 1987 erinnert alle wieder daran.
Zunächst beschleunigen sich in den Achtzigern die Geschäfte. Kurzfristig angelegte und lukrativ ausgelegte Deals bescheren den Banken leicht verdientes Geld, ohne Werte zu schaffen. Darauf folgt das grosse Downsizing und Fusionieren der Firmen und Fabriken. Millionen von Angestellten verlieren ihre Stelle, während die Aktienkurse an der Wall Street explodieren.
Um ihre Deals voranzutreiben, brauchen die Finanzfirmen schnelle, belastbare Mitarbeiter, die sie an den Spitzenuniversitäten rekrutieren und mit dem Versprechen enormer Löhne nach Manhattan locken und in andere Städte der westlichen Welt. Dort arbeiten die Yuppies zwölf Stunden pro Tag, sie bleiben auch in der Nacht erreichbar und sind am Wochenende auf Pikett. «Die Yuppies dienten Anwaltsfirmen zu, die ihrerseits den Aktionären an der Wall Street schnelle Gewinne auf Kosten der Arbeitnehmer und Konsumenten ermöglichten», schreibt Gottlieb in seinem Buch.
Um die neuen Reichen in ihre Wohnungen zu holen, lassen die Spekulanten von New York ihre Häuser abbrennen oder vertreiben ihre armen, zumeist puerto-ricanischen Mieter mit Schlägertruppen. Die Yuppies besetzen die Upper West Side von Manhattan und expandieren nach Brooklyn oder Hoboken in New Jersey. Sie jagen die Immobilienpreise hoch und treiben die Gentrifizierung von New York voran, ein Vorgang, den der Architekt Marshall Bermann als «milde Form der ethnischen Säuberung» seiner Stadt beschreibt.
Mit den Yuppies wird der Lebensstil zu einer neuen Konsumvariable codiert. Da die jungen Kapitalisten dermassen viel verdienen, kleiden sie sich markenmodisch ein, bestellen Designermöbel, lassen sich zu privaten Partys fahren, tanzen im exklusiven Nachtklub «Studio 54» und werden in gleissenden Filmen wie «9 ½ Weeks», «Cocktail» oder «The Secret of My Success» gefeiert.
Und weil sie keine Zeit haben zum Kochen und keine Kinder zum Füttern, essen sie am liebsten auswärts. Dort kalorisieren sie ihren Status mit teurem Essen exotischer Herkunft – französisch, italienisch, japanisch – dazu erlesene Weine, mit deren Kenntnis sie ihre Kunden beeindrucken. Gehobene Restaurants bedienen die neue Kundschaft, Cafés stellen Tische aufs Trottoir, der Genuss entwickelt sich zu einer Hochleistungsdisziplin.
Jung und ohne Skrupel
Zur Leistung gehört die körperliche Selbstoptimierung der Yuppie-Generation im New York Marathon. Er führt von Staten Island über Brooklyn und die Bronx nach Manhattan. Der erste Lauf versammelt etwas über zweihundert Läuferinnen und Läufer, später werden es Zehntausende sein, am Fernsehen für Millionen live übertragen. Dylan Gottlieb sieht das Rennen als perfekte Metapher für die Yuppie-Kultur und ihre gesellschaftlichen Opfer: Alle strengen sich an, einige gewinnen, sehr viele verlieren.
Am meisten Einfluss haben die jungen Grossverdiener auf die Politik. Als Aufsteiger ohne das Vermögen protestantischer Eliten tendieren die Yuppies zur Demokratischen Partei. Unter dem Einfluss ihrer neuen Wähler wenden sich die Demokraten immer mehr von der Arbeiterbewegung ab und empfehlen sich den Aufsteigerinnen und Aufsteigern einer neoliberalen Mittelklasse.
Weshalb nicht zuerst Donald Trump die deregulierte Wirtschaft der Yuppies weiterführen wird, obwohl er in seiner Politik alles dereguliert bis hin zur Gewaltenteilung. Als erste Erben der Yuppies macht Dylan Gottlieb Bill Clinton und Barack Obama aus – zwei hochintelligente Anwälte aus armen Familien, die sich von ganz unten nach ganz oben arbeiteten. Und die ohne das Geld der Banken, Finanzinstitute und anderen Akteure der Wall Street nie Präsident geworden wären. «Kein Präsidentschaftskandidat hat mehr Geld von der Hochfinanz bekommen als Barack Obama», sagt Dylan Gottlieb im Gespräch. Entsprechend milde geht die Obama-Administration mit den Auslösern der Subprime-Krise um.
Wie der weitere Aufstieg von Milliardären wie Jeff Bezos, Elon Musk oder Mark Zuckerberg unter Donald Trump zeigt, wie die explodierenden Gewinne von Silicon Valley belegen, hat Wall Street auch diese Krise überwunden. Der Schriftsteller Tom Wolfe hatte die Entwicklung kommen sehen. «Wenn du jung bist und ohne Skrupel», sagte er schon in den Achtzigern voraus, «wird sich immer ein Platz für dich finden.» Sein Roman über das schnelle Jahrzehnt kombiniert in seinem deutschen Titel biblische Sünde mit menschlichem Narzissmus: Es heisst «Fegefeuer der Eitelkeiten».
Dylan Gottlieb: Yuppies: The Bankers, Lawyers, Joggers, and Gourmands Who Conquered New York. Harvard University Press, 2026. 352 S., Fr. 49.90.
NZZ
25.06.2026

