Viagra-Rock-’n’-Roll: Die Rolling Stones blamieren sich mit ihrem neuen Album

Auf «Foreign Tongues» klingen die Briten verbraucht, auf verzweifelte Weise angestrengt und wie eine schlechte Kopie ihrer selbst. Eine Band wird von ihrer eigenen Vergangenheit begraben.

«Du wirst komisch aussehen mit fünfzig», sagt der Gangster zum Rockstar. Der Star wird gespielt von Mick Jagger, der ist damals 25 Jahre alt und sieht aus wie ein griechischer Gott. Der Film von Donald Cammell und Nicolas Roeg heisst «Performance», kommt 1970 heraus und schockiert mit exzessiven Szenen von Gewalt und Sex. Mick treibt es vor der Kamera mit Anita Pallenberg. Ihr Freund Keith Richards, der auch Mick Jaggers Freund ist, rast vor Eifersucht und schreibt «Gimme Shelter», das grösste aller grossen Lieder der Rolling Stones.

Seither sind weit über fünfzig Jahre vergangen. Vor vier Jahren sah ich die Stones im Mailänder San Siro zusammen mit über 50’000 entfesselten Italienerinnen und Italienern. Das Wetter war düppig, es drohte ein Gewitter, stattdessen brannte die Band ein musikalisches Feuerwerk ab, wie ich es von ihr selten gesehen habe, und ich habe sie oft gesehen. Die Stones spielten wie von Sinnen, ihre Musik klang zärtlich und brutal, traurig und erregt, auf hemmungslose Weise cool: reduced to the max.

Mick und Keith gingen damals auf die 80 Jahre zu und Ronnie Wood auf die 77. Brian Jones war schon mit 27 Jahren in seinem Swimmingpool ertrunken, sein junger Nachfolger Mick Taylor brillierte mit dem fluiden Spiel seiner Leadgitarre, Bassist Bill Wyman verliess die Band Ende der Achtzigerjahre, und der charismatische Drummer Charlie Watts starb mit 80 Jahren an Raucherkrebs.

Auf ihrer letzten Tour liessen sich die Briten von zwei afroamerikanischen Virtuosen begleiten: Darryl Jones am Bass und Steve Jordan am Schlagzeug. Britisches Understatement und afroamerikanische Ausdruckskraft: Das macht diese Band aus – schon immer.

Am 10. Juli kommt «Foreign Tongues» heraus, das neue, 25. Studioalbum der Rolling Stones, die Presse durfte sich die 14 Songs bereits anhören. Mehrere Fragen drängen sich auf: Wie viel von ihrem musikalischen Elan konnte die Band von der Bühne ins Studio übertragen? Wie vitalisierend wirkt sich das Schlagzeugspiel von Steve Jordan auf den Sound der neuen Platte aus? Und vor allem: Gibt es einen nachvollziehbaren Grund, diese zu kaufen und mehr als ein paar verlegene Male anzuhören?

Die Antworten werden bestürzen: Auf dem neuen Album entwickeln die Rolling Stones keine Energie, sondern verbreiten angestrengten Aktivismus. Auch Gastmusiker wie Paul McCartney oder Stevie Winwood können nicht verhindern, dass die allermeisten der 14 neuen Stücke nach Ausschussware klingen, welche die Band zu ihren besten Zeiten niemals veröffentlicht hätte. Grosszügig gerechnet funktionieren drei Songs auf dem neuen Album ansatzweise, und es ist bezeichnend, dass es sich bei den beiden besten um eine Coverversion handelt. Weshalb man zum schmerzhaften Schluss kommt, dass die Band sich mit ihrem letzten Album so gründlich blamiert hat wie noch selten in ihrer Karriere.

Stilistisch gesehen machen die Veteranen weiter, wo sie auf ihrem letzten, teilweise gelungenen Album «Hackney Diamonds» von 2023 wieder einmal angefangen hatten: mit einer Wiederbesichtigung längst bezogener Positionen. Dagegen wäre nichts einzuwenden. Zwei der drei verbliebenen Musiker der Band sind inzwischen über 80 Jahre alt.

Sowieso hat die Band seit den Siebzigerjahren aufgegeben, innovative Musik zu machen. Obwohl sie immer wieder neue Platten herausbrachte, klangen die meisten wie Remakes.

Dementsprechend spielten die Stones auf ihren Tourneen höchstens ein neueres Stück oder ein, zwei neu aufgenommene Bluesnummern als Coverversion. Weshalb das aktuellste Lied an ihren Konzerten die Single «Start Me Up» blieb, ein Stück aus dem Album «Tattoo You» von 1982 – und seinerseits die Resteverwertung eines liegen gebliebenen Outtakes der Siebzigerjahre, das als Reggae-Version nie funktioniert hatte. Eine Beschleunigung des Songs und das letzte grosse Riff von Keith Richards lieferte den Rolling Stones einen späten Hit und dem ersten Windows-Programm von Bill Gates eine Fanfare.

Der grosse Rest der Stones-Setlists beschränkte sich auf die besten Jahre der Band, also zwischen 1969 und 1972, mit ein paar guten vorherigen Singles. In diesen Jahren nahmen die fünf Briten fünf exzellente Alben auf: «Beggar’s Banquet», «Let It Bleed», «Sticky Fingers», die Liveplatte «Get Yer Ya-Ya’s Out!» und das Doppelalbum «Exile on Main Street» mit seiner traditionsgetränkten Evokation der amerikanischen Musik, welche die Stones bis heute verehren: Rock ’n’ Roll, Blues, Soul, Gospel und Countrymusik.

«Foreign Tongues» versucht an diese Zeiten anzukoppeln – und scheitert fast durchgehend. Die Platte klingt in ihrer verzweifelt anmutenden Angestrengtheit über weite Strecken lächerlich, wäre das Versagen der Band nicht so tragisch. Jedem Riff auf dem Album merkt man die fehlende Inspiration der Musiker an, deren Leidenschaft für das Musizieren in einer lärmenden Simulation verhallt.

Eine leere Aufgeregtheit treibt die Stücke an, der Beteuerungsgestus von Überflüssigem. Authentizität wird auf tragikomische Weise bemüht, übrig bleibt das Gestikulieren musizierender Hampelmänner. Das neue Album kommt einem vor, als wollten uns ein paar alte Typen mit jedem Ton zu verstehen geben, dass sie musikalisch noch einen hochkriegen: Viagra-Rock-’n’-Roll.

Es ist übrigens nicht so, dass die neue Platte schlecht tönt. Die Produktion von Andrew Watt (Lady Gaga, Justin Bieber) macht Gattig, die Rhythmusgruppe treibt die Bosse energisch voran, der Sound des Albums kommt geschlossen und energetisch herüber. Also wo ist denn das Problem? Es sind drei Probleme, um genau zu sein:

Erstens klingen viele neue Stücke wie die blasse Version bereits bekannter, und weil die bekannten Songs so gut waren, kommen einem die neuen noch viel schlechter vor. «Jealous Lover» zum Beispiel mit seinen Falsett-Passagen verweist auf das grossartige «Beast of Burden» aus dem Comeback-Album «Some Girls» von 1978. «Divine Intervention» klingt wie eine schlechte Kopie von «Respectable» aus demselben Album, und schon dieser Song ging einem mit seiner derivativen Monotonie auf die Nerven. Die Countrynummer «Ringing Hollow» schliesslich kommt nicht ganz so hohl herüber, wie ihr Titel suggeriert, bezieht ihre atmosphärische Kraft aber dermassen offensichtlich aus «Far Away Eyes», dass man mit dem neuen Song auch nicht froh wird.

Dass ausgerechnet die von Keith Richards vorgetragene Ballade «Some of Us» den aufrichtigsten Moment des neuen Albums enthält, verdeutlicht das grösste Problem von «Foreign Tongues». Es ist Mick Jagger, der doch an den letzten Stones-Konzerten als Sänger begeisterte, mit seinem Gesang aber das neue Album ruiniert. Seine Stimme klingt so manieriert und gepresst wie auf den meisten seiner Soloalben – und so unaufrichtig wie die eines Lügners, der immer lauter die Wahrheit beteuert.

Den besten Beleg dafür, wie sehr dieses Album gescheitert ist, liefern der erste und der letzte Song: Beide Lieder klingen nur deshalb einigermassen gut, weil sie so resignativ den alten Sound der Band reanimieren. «Rough and Twisted», die erste Single, bemüht ein archetypisches Riff in der Manier von John Lee Hooker, dem grossen alten Bluesmann. Und die akustische Version von Chuck Berrys «Beautiful Delilah» bedankt sich mit ihrem Arrangement in einer bodentiefen Verbeugung vor «Prodigal Son» aus dem «Beggar’s Banquet»-Album. Immerhin singt Mick den Song einigermassen unaffektiert.

Am besten gelingt eine Coverversion
Bleibt als einziger erträglicher Moment auf dem neuen Album das Lied «You Know I’m No Good», und es ist symptomatisch, dass es sich dabei um die zweite Coverversion des Albums handelt; das ergreifende Original hat Amy Winehouse geschrieben und gesungen. Die Stones-Version klingt immer noch zu lärmig und Mick Jaggers Gesang zu artifiziell, um als Interpretation zu überzeugen, aber wenigstens gerät das Cover nicht peinlich.

Das Beste am neuen Album ist das Schlimmste daran: Es macht uns schmerzlich bewusst, wie gut die Stones einmal waren, wie grossartig ihre besten Songs und Platten klangen und wie aufregend sie bis zuletzt auf der Bühne spielten – aus dem einfachen Grund, dass sie gerne zusammen Musik machen. Diese Freude vermisst man auf ihrem Album sehr; es klingt wie von künstlicher Intelligenz erzeugt.

The Rolling Stones: «Foreign Tongues» (Universal)

Tages-Anzeiger
19.06.2026