Frank Zappa, der atonale Patriarch

Was würde ihm an den heutigen USA auffallen? Wie hätte Frank Zappa (1940–1993), ein sarkastischer Kommentator seiner Heimat, der Republikaner und Hippies ebenso hasste wie Christen und Gewerkschafter, das Amerika von heute wahrgenommen?

Der britische Dokumentarfilmer Alex Winter hat, mit freiem Zugang zum riesigen Familienarchiv der Zappas, ein detailreiches, mit vielen unveröffentlichten Aufnahmen angereichertes Porträt über den Künstler gedreht. Beim Betrachten kann man sich gut vorstellen, wie er auf die USA von heute reagiert hätte. Zum Beispiel hätte es ihn nicht erstaunt, dass einer wie Donald Trump so weit gekommen ist. Er sah voraus, dass die religiöse Rechte weiter an Einfluss gewinnen würde. Die Republikaner seien von Gier zerfressen und die Demokraten vom Neid auf die Republikaner, sagte er. Die amerikanische Politik beschrieb er als «Unterhaltungsabteilung des militärisch-industriellen Komplexes».

Das Internet hätte er, ein Meister der Montage, als grossartige Chance begrüsst. Und wäre trotzdem nicht überrascht gewesen, dass die sozialen Medien zu Fertigmach-Instrumenten verkommen sind. «Dummheit ist ein chemisches Element», lautet ein oft zitierter Satz von ihm, der als Sohn eines sizilianischen Chemikers aufwuchs, der für die amerikanische Rüstungsindustrie arbeitete.

Am meisten hätte ihn aber das um sich greifende linke Zensurbedürfnis geärgert, die befremdliche Forderung nach sprachlicher Hygienisierung. Von solchen Forderungen hätte er, der die freie Meinungsäusserung bis in ihre Extreme verteidigte, gar nichts gehalten. Frank Zappa war ein reaktionärer Libertär, der die freie Sexualität für alle forderte, betrieb und in oft puerilen Texten besang. Und der kaum je bereit war, Frauen anders zu beschreiben denn als Sexualobjekte.

Bei aller Kritik am aggressiven Sensibilismus, zu dem die Political Correctness verkommen ist, ist man heute dankbar, dass man nicht mehr ungestraft dermassen abschätzig über Frauen reden kann. Umso mehr rührt das Interview von Regisseur Alex Winter mit Ruth Underwood, der Juilliard-geschulten Vibrafonistin und Perkussionistin, die sich bestens mit dem Schwierigen verstand. Sie erzählt, wie sie Zappa kurz vor seinem Tod in einem Brief für seine Musik gedankt habe. «Er hat mich umarmt», sagt sie, und das tat er sonst nie. Ihr ehemaliger Mann Ian, der ebenfalls jahrelang mit Zappa musizierte, erinnert sich, dieser habe ihm in vier Jahren einmal die Hand gegeben und gesagt: «Good job.»

Warum konnte ein so vitaler und humorvoller Mensch dermassen kalt auftreten? Warum fühlte er sich am wohlsten in seinem fensterlosen, durchbürokratisierten Archiv, in dem er seine Nächte verbrachte? Warum verhöhnte er seine exzellenten Mitmusiker als «spielende Affen», obwohl er viele ihrer Ideen übernahm und von ihnen die Bereitschaft zu zehnstündigen Proben erwartete, aber keine Widerrede, schon gar keine Diskussionen über Löhne oder Autorenschaft?

Zappas bester Biograf, der englische Musikautor Barry Miles, erklärt sich diese soziale Kälte unter anderem mit den überhäufigen Umzügen, die Zappas Vater der Familie zumutete. Der intelligente Bub sei während seiner ganzen Jugend einsam geblieben und habe sich sein gesamtes, enormes musikalisches Wissen in der Bibliothek aneignen müssen. Zappa war ein Autodidakt und Individualist, die Menschen mochte er nicht. «Ich habe eine Familie, aber keine Freunde», antwortete er auf entsprechende Fragen. Miles glaubt auch, der Machismo seines Vaters mit seinen sizilianischen, arabischen und griechischen Vorfahren habe sich auf den ältesten Sohn übertragen. Frank Zappa war ein atonaler Patriarch.

Seinen Zynismus überwand er erst gegen Ende seines Lebens, als er mit der irischen Formation The Chieftains in seinem Musiklabor Songs aufnahm, die ihn tief bewegten. Gefreut hatte ihn auch der Empfang in Prag, den ihm die Stadt bescherte, die eben von den Sowjettruppen befreit worden war, das war zu Beginn des Jahres 1990. Zuerst die 5000 Fans, die ihn am Flughafen empfingen – und dann der dissidente, zum Präsidenten gewählte Schriftsteller Václav Havel, der schon in seiner Jugend die Musik Zappas als anarchische Befreiung vor der sowjetischen Unterdrückung gefeiert hatte.

Eine letzte Anerkennung wurde Zappa zuteil, als er in Frankfurt mit dem Ensemble Modern sein klassisch instrumentiertes Werk «Yellow Shark» aufführte, bereits von seiner Krankheit gezeichnet. Schon nach dem ersten Satz musste er von der Bühne, einen übergrossen Blumenstrauss in der Hand. Das deutsche Publikum verdankte ihm sein Zappa-Sein als Musiker, Soziologe, Polemiker und Humorist mit einer zwanzigminütigen Ovation.

All denen, die sich über die Hässlichkeit beklagten, die sie aus seiner Musik hörten, hatte er schon während des Vietnamkriegs gesagt, dass «kein Akkord so scheusslich klingt wie das, was die Regierung in unserem Namen verübt». Beim Wiederhören auch seiner dissonanten Werke und seiner besten Gitarrensoli hört man nicht nur das Verständnis von Klang, Struktur und Komplexität, sondern auch die kompositorische Schönheit eines Musikers, der beinahe alles hasste ausser der Musik, die er über alles liebte.

«Selbst seine hässlichsten Töne verbreiteten einen Anklang von Hoffnung», sagt der Gitarrist Steve Vai, dessen Aussagen in Winters Film zu den persönlichsten gehören. Selbstverständlich sei auch er nur sein Werkzeug gewesen, «und Frank konnte grausam zu uns Musikern sein». Zugleich habe er aus jedem von ihnen Dinge herausgeholt, die sie sich nicht zugetraut hätten.

Diese diktatorische Strenge erklärt, warum sich so viele Musiker später über ihn beklagten. Seine stilistische Offenheit führte dazu, dass trotzdem alle von ihrer Zeit bei ihm profitierten. Denn in Zappas Band gespielt und überlebt zu haben, galt in der Szene als eine der höchsten musikalischen Auszeichnungen.

Vielleicht hätte ihn an der amerikanischen Gegenwart am meisten enttäuscht, dass die neuen Kommunikationsformen der sozialen Medien zwar eine ungeahnte Freiheit zur Vielfalt ermöglichen, aber die politische Spaltung der Bevölkerung verstärkt haben.

Frank Zappa, auch das zeigt dieser intensive Film über ihn, lebte seine Widersprüche bis zum Exzess, und gerade daran liegt es, warum man ihn heute so vermisst. Als Musiker, Filmer, Arrangeur, Gitarrist, Sänger und Komiker montierte er Elemente von Doo-Wop, Musique concrète, Zwölftonmusik, Blues, Beat, Rock, Jazz, Comedy, Agitprop und perkussiven Klangcollagen. Er liebte Edgard Varèse und ebenso Howlin’ Wolf, mochte Franz Schubert und den frühen Elvis Presley. Er arbeitete mit Rockgitarristen, Jazzschlagzeugern und dem London Philharmonic Orchestra. Worin der Unterschied bestehe, ein Orchester zu dirigieren oder in einer Rockband zu spielen, wurde er gefragt. «Rock ’n’ Roll ist lauter», gab er zurück. Aber man könne beides zugleich machen: «Es ist so, wie wenn man sein Auto steuert und dabei ein Sandwich isst.»

Ähnlich widersprüchlich klingen seine politischen Haltungen, die er mit einem Freiheitsbegriff überwölbte. Zappa predigte zeitlebens den Kapitalismus. Vom Kommunismus hielt er nichts. Ein politisches System, das keinen persönlichen Besitz zulasse, sei keinen Gedanken wert.

Von sich selber sprach er als einem «pragmatischen Konservativen». Mit der Linken verband ihn die Ablehnung von Waffenbesitz und Todesstrafe, der Zorn auf Religion und Militär, die Einforderung von Bürgerrechten, die Gleichberechtigung für Frauen, Männer, Schwarze, Schwule, Transmenschen und Lesben, die Ablehnung jeglicher Form von Zensur.

Mit den Republikanern teilte er die Überzeugung, den Staat so klein zu halten wie möglich, seine Funktionen auf das Minimum zu beschränken, also auf Undelegierbares wie Infrastruktur oder Sicherheit. Die Einkommenssteuer wollte er abschaffen, den Einfluss der Gewerkschaften beschränken, von Kollektiven hielt er wenig. «Ich glaube daran, dass die Menschen sich selber gehören und das Recht haben, über ihr Schicksal zu befinden», schrieb er einmal.

Frank Zappa starb am 14. Dezember 1993 an Prostatakrebs. Zuvor hatte er angekündigt – degoutiert von der jahrelangen republikanischen Herrschaft –, als Präsidentschaftskandidat gegen den damaligen Präsidenten George Bush antreten zu wollen. Warum er sich das zutraue, fragte ihn ein österreichischer Journalist. Zappa: «Erstens: Ich arbeite länger. Zweitens: Ich bin wach. Drittens: Könnte ich es schlimmer machen?» Eines müsse man George Bush aber lassen: «Er hat viel mehr Jubelballone als ich.»

Alex Winter: Zappa (USA, 2020). Als DVD und bei diversen Streaming-Diensten erhältlich.

Die Weltwoche
25.03.2021