Niemand wollte den Kleinen haben, er wurde ins Heim abgeschoben, wuchs als Verdingbub in wechselnden Bauernfamilien auf, arbeitete als Handlanger und Knecht. Adolf Wölfli kam 1864 im Emmental zur Welt, er war das siebte Kind eines gewalttätigen Alkoholikers und einer Prostituierten.
Nachdem er zwei Mädchen sexuell belästigt hatte, kam er für zwei Jahre ins Gefängnis. Wegen eines Rückfalls brachte die Polizei ihn in die psychiatrische Klinik Waldau, wo der cholerische Hüne ein neun Quadratmeter grosses Zimmer bezog. Diagnose: paranoide Schizophrenie. In diesem Raum lebte Adolf Wölfli 35 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1930 mit 66 Jahren.
Nach einigen Jahren begann der Patient, obsessiv zu zeichnen. Adolf Wölfli schuf über 3000 grossformatige Zeichnungen und Collagen. Dazu kam eine imaginäre Autobiografie, die er auf 25 000 prachtvoll illustrierten Seiten erzählte, und zwar «von der Wiege bis zum Grab, durch arbeiten und schwitzen leiden und Drangsal bettend zum Fluch». Es war ein Leben voller Abenteuer, Entdeckungen und Reisen bis ins Weltall, das er für sich und seine imaginierten Freunde erfand.
Dazu komponierte er Musik mit einer eigenen Notenschrift. Sein Werk wollte der Patient als «St.-Adolf-Riesen-Schöpfung» verstanden wissen. Adolf Wölfli hatte sich in seiner Zelle ein paralleles Universum geschaffen, das die Demütigungen seiner Existenz zu einem Leben als göttliche Autorität umdeutete.
Was an den Bildern dieses halluzinierenden Autodidakten beeindruckt neben ihrer schieren Menge: die künstlerische Qualität der Zeichnungen, das Formbewusstsein der Darstellung, die Schönheit der kombinierten Farben, die Eigenwilligkeit der Motive, die malerische Wucht, der Terror in den Darstellungen, der Grössenwahn des Zeichners und seine Vernichtungsangst, aber auch sein Humor.
Adolf Wölfli hatte das Glück, dass mit Walter Morgenthaler ein mitfühlender Psychiater auf der Waldau arbeitete, der das Talent seines Patienten erkannte, ihn förderte und Zeichnungen von ihm veröffentlichte. Nach Wölflis Tod begannen sich Sammler und Aussteller für die Werke zu interessieren. Sie wurden an der Biennale von Venedig und der Documenta von Kassel gezeigt, sorgten für Aufsehen, wurden weltbekannt und werden seither in Museen ausgestellt.
Auch in der Collection de l’Art brut lebt Adolf Wölfli weiter. Die Lausanner Sammlung entstand vor fünfzig Jahren und verwaltet heute über 70 000 Kunstwerke von Menschen, die keine eigentlichen Künstler waren, sondern an einer Psychose litten, geistig behindert waren oder als Aussenseiter lebten. Ihren Bildern, Collagen und Skulpturen hat der Kunst- und Literaturhistoriker Michel Thévoz seine ganze Karriere gewidmet. Der 89-Jährige hat Dutzende von Büchern über die Art brut geschrieben und sich deren Schöpfern über Philosophie und Psychoanalyse genähert. «Adolf Wölflis Kunst entstand nur aus ihm selber heraus», sagt er im Gespräch, «er funktionierte sowohl als Botschafter seines Werks wie als dessen Medium.»
Die Lausanner Sammlung geht auf eine Schenkung von Jean Dubuffet zurück. Der französische Maler war von der Art brut fasziniert und sammelte Werke ihrer Vertreter. Seine Sammlung bot er 1976 der Stadt Lausanne an, weil Paris kein Interesse daran gezeigt hatte.
Der Besuch der Sammlung macht deutlich, wie ungewöhnlich die dort ausgestellten Künstlerinnen und Künstler lebten. Etwa der erblindete Bauer Emile Ratier, der für seine Kinder einen beweglichen Turm aus Holz baute; Madge Gill, die von ihrer Mutter während Jahren eingesperrt wurde und im Dunkeln ein grosses Bild malte; der an Parkinson erkrankte Benjamin Bonjour, der das Zucken der Hände einsetzte, um seine Bilder zu strukturieren.
Und schliesslich die schizophrene Aloïse, deren heitere Intelligenz die Ärzte beeindruckte und die ein 14 Meter hohes Bild malte, das heute in der Kollektion hängt. Michel Thévoz sagt über diese Menschen: «Wenn wir solche Werke betrachten, schauen ihre Autoren uns an und konfrontieren uns mit der eigenen, fragilen Normalität.»
Die Art brut zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Vertreter nicht aus einem Wunsch heraus malen, sondern aus Zwang. Thévoz meint dazu: «Das Malen hilft ihnen, die Psychose zu ertragen durch ihre Darstellung.» Damit hätten die Patienten viel zur Modernisierung der Psychiatrie beigetragen.
Michel Thévoz gefällt an den malenden Patienten besonders das Unangepasste, die Freiheit des Ungelernten. Er deutet die Art brut als ästhetischen Widerstand gegen die Konventionen einer Gesellschaft, die auf Normalität setzt. «Requiem pour la folie» heisst Thévoz’ bekanntestes Buch, eine brillant geschriebene Meditation über den Wahnsinn als Kultur, die durch gesellschaftliche und medizinische Betäubung zum Verschwinden gebracht wird.
Natürlich weiss der Kurator um die seelische Not schizophrener Patienten. Niemals würde er die kühne, aber fatale Idee des italienischen Arztes Franco Basaglia unterstützen. Dieser begründete in den siebziger Jahren die sogenannte Befreiungspsychiatrie, die die Kliniken schloss und die Kranken auf die Strasse schickte.
Dennoch stellt sich die Frage: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Wahn? Hatte William Shakespeare nicht recht mit seinem «poet’s eye, in a fine frenzy rolling», wie es im «Sommernachtstraum» heisst? Dort rollt das Auge des Dichters so schön in seinem Wahn. «Die Kunst kann sich dem Wahnsinn annähern», sagt Thévoz, relativiert aber sofort: Nur die wenigsten Künstler blieben in der Psychose kreativ, und nur selten würden Zeichnungen psychisch Kranker künstlerisch wertvoll.
Tatsächlich kann jeder bestätigen, der mit schizophrenen Patienten gearbeitet hat, dass die Psychose sie nicht kreativ macht, sondern terrorisiert mit bösen Stimmen, ihre Person entwertet und ihre Identität vernichtet. Die meisten Künstler verstummen mit dem Ausbruch ihrer Erkrankung, erstarren in der Katatonie einer Existenz ohne Ich. So Syd Barrett zum Beispiel, der erste Sänger und Songschreiber von Pink Floyd: Er stand eines Abends regungslos auf der Bühne, und seine Augen sahen aus wie schwarze Löcher. Vincent van Gogh war geistig umnachtet, als er sich ein Ohr abschnitt. Und nachdem der Schriftsteller Robert Walser in die Klinik eingewiesen worden war, die schon Adolf Wölfli aufgenommen hatte, zerfiel auch seine Prosa.
Bleibt die Frage, warum sich ausgerechnet die nüchterne Schweiz so sehr für die Phantasie des Wahns interessiert und sich so offen zeigt für die Verformungen der Realität. Schon im 19. Jahrhundert arbeiteten Psychiater wie Eugen Bleuler in der Zürcher Klinik Burghölzli daran, ihre Patienten im therapeutischen Gespräch zu verstehen, statt sie anzuketten.
Bleulers Kollege C. G. Jung hatte zwar ein reaktionäres Verhältnis zur Kunst, hielt die Arbeiten von Picasso und Joyce für psychotisch und liess sich in den dreissiger Jahren von Adolf Hitler faszinieren. Dennoch nahm er die Malereien seiner Patienten als Symbolsprache ernst.
Auch der Psychiater Hermann Rorschach mit seinem wortlosen Bildertest war ein Schweizer. Und es war ein neugieriger Chemiker aus dem Aargau, der 1943 die halluzinogene Substanz LSD entdeckte und erforschte. Er hiess Albert Hofmann und sagte, als Chemiker müsse man Mystiker sein. Schliesslich nahm sich die Schweiz Zeit mit dem Verbot von Absinth, dafür vollzog sie als erstes Land eine empathische Drogenpolitik. Im protestantischen Zürich halluzinierten einst die Dadaisten und pulsiert heute die Street Parade ekstatisch weiter.
Warum ist die Schweiz in solchen Fragen so neugierig, ein Land, das zum Korrekten, Fleissigen und Unauffälligen neigt? Lässt sich diese Haltung als dialektisches Verhältnis von Exzess und Kontrolle verstehen? Michel Thévoz glaubt das nicht. Er sieht diese Offenheit als Ausdruck eines «mentalen Föderalismus», wie er ihn nennt, der auf kleinem Raum grosse Unterschiede zulässt. Darum gefällt ihm der Slogan «La Suisse n’existe pas» so gut, mit dem Ben Vautier an der Weltausstellung von 1992 in Sevilla die Schweizer Politiker erzürnte und die ausländischen Gäste erheiterte.
Vautier habe recht, sagt Michel Thévoz; es gäbe keine Schweiz, sondern Millionen davon. Und weil die Schweiz Differenzen zulasse, könnten viele darin leben und sich selber sein. Sogar Adolf Wölfli mit seinem Weltall.
50 Jahre Art brut, Jubiläumsausstellung. «Art brut in der Schweiz: Von den Anfängen der Sammlung bis heute», Collection de l’Art brut, Lausanne, bis 27. September.
Neue Zürcher Zeitung
02.05.2026