Rock ’n’ Roll aus dem Abfallkübel

Anfang der Siebziger erschien «Nuggets», eine grelle Sammlung psychedelischer Songs aus den Sixties. Die fast vergessene Anthologie nahm den Punk vorweg.

Die Eltern waren entsetzt, die FBI-Agenten ratlos. Was sie beschäftigte, war «Louie Louie», die Coverversion der Kingsmen von 1963, eines dilettierenden Quintetts aus Oregon. Denn der Sänger Jack Ely besang im Song Handlungen von einer solchen Obszönität, dass erregte Kids sie auf dem Schulhof austauschten. Weil das Lied in die nationale Billboard Top 100 hochschoss und immer mehr Jugendliche damit in Kontakt kamen, beklagten sich Eltern und Lehrer aus dem ganzen Land bei J. Edgar Hoover, der seit vierzig Jahren das FBI führte, den Inlandgeheimdienst der USA.

Auf Hoovers Geheiss besuchten FBI-Agenten undercover Konzerte der Kingsmen. Und spielten in ihren Labors «Louie Louie» in allen Tempi vorwärts und rückwärts. Ihr 120-seitiger Bericht an den Chef kam nach fast zwei Jahren zum Schluss, der Text des Songs sei nicht obszön, sondern unverständlich in jedem Tempo («unintelligible at any speed»). Und dass die Kids aus dem Song heraushörten, was sie heraushören wollten.

«Louie Louie», dieses Stück musikalischen Mülls in drei Akkorden, ist der bekannteste Song auf «Nuggets», einer zwölfteiligen Anthologie, die 1988 von der Plattenfirma Rhino herausgegeben wurde. Diese wiederum verweist auf die gleichnamige Sammlung vergessener psychedelischer Popsongs der sechziger Jahre, die ein junger New Yorker Plattenhändler gesammelt und annotiert hatte. Er hiess Lenny Kaye, spielte in diversen Garagenbands und wurde später als Gitarrist und Songmitschreiber der Band von Patti Smith berühmt.

Lenny Kaye war der Erste, der in seinen liner notes den Begriff «punk rock» verwendete. Und das zu Recht, wie sich zeigen sollte. Denn sowohl seine Anthologie von 1972 mit ihren sechzig Songs wie auch die auf zwölf Alben ausgeweitete Kollektion von Rhino Records und andere Ausgaben der «Nuggets» erinnern daran, welchen Einfluss diese meist vergessenen Songs der Sechziger auf die Punk-Bewegung der Siebziger haben sollten. Auch wenn die von Kaye ausgewählten Stücke mehr nach Pop klingen als nach Punk, wie ihn Velvet Underground in New York, Iggy Pop und die Stooges in Detroit und Dr. Feelgood in London vorwegnahmen.

Denn die Psychedeliker der Sechziger musizierten aus einer ähnlichen Haltung heraus wie die Punker der Siebziger: Sie produzierten Trash, musikalischen Abfall, Kleenex-Lieder zum Wegwerfen. Viele Songs auf Lenny Kayes Anthologie klingen so, als folgten sie der Anleitung, welche die englischen Punker auf ihren T-Shirts trugen: «Hier ist ein Akkord, hier ein zweiter und hier ein dritter. Und jetzt gründe eine Band.» Dass die Bewegung auch in der umgekehrten Richtung funktioniert, zeigte das englische Quartett XTC, das in den Achtzigern unter dem ironischen Namen The Dukes of Stratosphear grossartige Parodien von Songs der psychedelischen Ära veröffentlichte.

Was die Songs gemeinsam haben, die Lenny Kaye für seine Anthologie kompilierte: Sie versprühen den Freiheitsdrang und den Enthusiasmus des Jungseins, den ungestümen Dilettantismus von Anfängern mit ihrer schieren Freude am Lärm.

Zugleich bestätigen diese Songs den Mythos des Authentischen, auf den sich das Rock-Genre bis heute beruft und der auch die Einstellung der Punk-Bewegung bestimmte: Nur das Echte ist wahr. Und weil Kaye einen guten Geschmack hatte für die Musik, die er verehrte, klingen viele der damals vergessenen Songs trotz ihrer simplen Bauweise charmant. Sie überzeugen mit der Energie ihres Vortrags, betören mit ihrer Kombination aus Chorgesang, Gitarrenriffs und den fetten Akkorden der Hammond-Orgel.

Die Namen der Bands auf Lenny Kayes Kollektion klangen genauso trashig wie ihre Songs, und beiden ist der Drogeneinfluss jener Jahre anzumerken: Die Electric Prunes sangen «I Had Too Much to Dream Last Night», die Gruppe Count Five beschwor «Psychotic Reactions», The 13th Floor Elevator versprachen «You’re Gonna Miss Me», The Magicians luden ein zu «A Reason to Cry». Mit seiner Auswahl belegt Lenny Kaye auch die Prognose, die Songs seiner Anthologie hätten einen grossen Einfluss gehabt, wurden doch mehrere von ihnen Hits für bekanntere Bands: Die Inmates coverten «Dirty Water», Eric Burdon & War entflammten die «Tobacco Road», Jimi Hendrix wurde mit seiner Version des Folk-Liedes «Hey Joe» weltberühmt.

Kein Wunder, gefiel Kayes Rock ’n’ Roll aus dem Abfallkübel jenem Kritiker am meisten, für den die Musik nicht roh, vulgär und energisch genug klingen konnte. Und den viele Fans bis heute für den besten Schreiber seines Fachs halten. Er hiess Lester Bangs und lebte, trank und starb mit 33 Jahren wie ein Rockstar. Der bipolare Kalifornier begann seine Karriere beim Magazin Rolling Stone, wurde aber wegen seiner ausfälligen Texte gefeuert und publizierte darauf in weniger braven Publikationen.

«Psychotic Reactions» nannte Bangs einen seiner Essays und verkündete darin, was man in seinem ganzen manischen Englisch geniessen muss: «Grossness is the truest criterion for rock ’n’ roll, the cruder the clang and grind the more fun and longer listened-to the album’d be.» Je krasser also, desto besser.

Sucht man nach dem Ereignis, das so viele Amateure in Amerika dazu brachte, in der Garage ihrer Eltern eine Band zu gründen, lässt sich dieses an einem einzigen Tag festmachen: Am 9. Februar 1964 traten die Beatles in der amerikanischen «Ed Sullivan Show» auf. Und spielten unter anderem den Song «I Want to Hold Your Hand», der zwar textlich einfältig daherkam, mit seinen überraschenden Akkordfolgen und Harmonien aber die amerikanischen Musiker verblüffte und die Teenager verzauberte. Einschaltquote an diesem Sonntagabend: 73 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer, ein Rekord.

«What do they need us for?», hatte George Harrison auf dem Flug der Beatles von London nach New York gefragt. Man kann ihn verstehen. Denn alle Bands und Musiker, welche die vier Liverpooler bewunderten, kamen aus Amerika: Elvis, Chuck Berry, Little Richard, die schwarzen Sängerinnen und Sänger von Stax und der Motown-Schule. Nur hatten die meisten amerikanischen Teenager die Pioniere ihrer Heimat vergessen, als die Beatles einflogen.

Elvis hatte sich in der Armee zähmen lassen, Buddy Holly war bei einem Flugzeugabsturz gestorben, Little Richard hatte Gott entdeckt, Chuck Berry sass im Gefängnis, Eddie Cochran starb bei einem Autounfall, und Jerry Lewis wurde wegen seiner Heirat mit einer dreizehnjährigen Cousine geächtet.

Vor allem führten die Beatles den jungen Amerikanern vor, was damals undenkbar schien: dass ein paar junge, weisse Arbeiterkinder eine Band zum Erfolg führen konnten, deren Mitglieder sich mit ihrem Humor und dem unbekümmerten Auftritt um die Konventionen des Showbiz foutierten – und die dazu noch ihre Songs selber schrieben. Lenny Kayes «Nuggets» feiert diese fröhliche Unbekümmertheit mit einem musikalischen Enthusiasmus, der bis heute nachklingt.

Das Original von «Louie Louie», um auf den Song zurückzukommen, stammt von Richard Berry, einem afroamerikanischen Songwriter aus Los Angeles. Es erschien 1957 als B-Seite einer erfolglosen Single. Berry besingt im Song die Liebesnot eines einsamen Matrosen, der sich dem Bartender Louie anvertraut.

Dass nicht einmal das FBI herausfand, was der Sänger Jack Ely in der Coverversion der Kingsmen intonierte, hat mit den Umständen der Aufnahme zu tun. Erstens handelte es sich um den ersten Take eines Demos, welche die Plattenfirma aus Ungeduld als Single herausbringen sollte, Ely hatte den Text noch gar nicht im Kopf. Zweitens war der Sänger bei der Aufnahme übermüdet, die Band hatte am Vorabend stundenlang gespielt. Drittens trug Ely eine Zahnspange, die das Singen erschwerte. Viertens hing sein Mikrofon zu hoch von der Decke herunter, er musste sich strecken.

Also wurde «Louie Louie» in der Version der Kingsmen nicht trotz, sondern wegen der Inkompetenz seiner Interpreten weltberühmt. Richard Berry hatte die Rechte am Original für 750 Dollar abgetreten. Bis heute sind über 2000 Coverversionen bekannt, die sich millionenfach verkauften. Zudem wird Richard Berrys Geburtstag am 11. April als «Louie Louie Day» amerikaweit gefeiert.

Was weder das FBI noch die alarmierten Eltern realisierten: «Louie Louie» in der Version der Kingsmen enthält tatsächlich eine Obszönität: Nach knapp einer Minute lässt Schlagzeuger Lynn Easton einen Trommelstock fallen. Und sagt dann «fuck».

Nuggets: Original Artyfacts from the First Psychedelic Era, 1965–1968. 2 LP, 4-CD-Box

Die Weltwoche
16.04.2026