Der Verführer

Ein neuer Film über Michael Jackson wirft die alte Frage auf: Darf man ihn noch gut finden nach all dem, was er getan hat? Man darf.

Es ist der Abend des 25. März 1983 im Civic Auditorium von Pasadena, Kalifornien. Das Motown-Label feiert seinen 25. Geburtstag. Das ist die schwarze Plattenfirma aus der Industriestadt Detroit, die mit dem Slogan «The Sound of Young America» und ihren brillanten Singles ein weisses und schwarzes Publikum begeistert. Motowns beste Musiker treten an diesem Abend auf, von Marvin Gaye bis Stevie Wonder, von den Temptations, den Commodores und Martha & the Vandellas bis zu Diana Ross mit den Supremes.

Und dann kommt Michael Jackson auf die Bühne. Mit Hut, Handschuh und Glitzerjacke. Der junge Sänger hat die Songs und Stimmen seiner Kolleginnen und Kollegen gehört, annektiert und weiterentwickelt. Und verkörpert sie jetzt auf der Bühne in einer One-Man-Motown-Show. Der Song beginnt, das Playback läuft. Und von der ersten Silbe an wird klar: Michael Jackson singt genau so, wie er sich bewegt. Und er bewegt sich so, als wollte er seinen eigenen Gesang choreografieren.

Als Sänger kombiniert er die geschmeidige, dem Gospel entlehnte Soulmusik mit einem hellen Flehen der Sehnsucht. Seine Stimme gleitet vom Bariton ins Falsett und wieder hinunter. Dazwischen führt er sein vokales Markenzeichen vor, das eine ganze Generation von Musikern und Rappern beeinflussen wird, diese Abfolge kurzer Laute im Stakkato, ein Keuchen, Japsen, Gicksen, Stöhnen, Jaulen, Zischen und Hecheln. Seine Stimme wird zum Rhythmusinstrument, simuliert Beischlafgeräusche, um dann melodisch weiterzugleiten zur nächsten Strophe des Liedes, makellosen Pop darzubieten im Takt eines angedeuteten Disco-Beats.

Und wie er tanzt dazu: Sein Körper bleibt in dauernder Bewegung. Er streckt die Arme aus und zieht die Beine an, lässt die Hüften kreisen und ruckt den Kopf zur Seite, zieht die Schultern hoch und beugt seinen Oberkörper. Bald wiegt er sich wellenförmig im Takt der Musik, bald rennt, schreitet er und springt hoch mit katzenhafter Eleganz. Der Rhythmus schüttelt ihn wie eine Serie von Stromstössen, sein Tanz metallisiert sich zu einer Abfolge roboterhafter Gesten. Im nächsten Moment gleitet der Sänger über den Boden, als schwebte er auf der Bühne. «Moonwalk» heisst dieser Schritt, er führt ihn an diesem Abend zum ersten Mal auf. Er bewegt sich auf der Bühne wie eine Marionette, die sich selber dirigiert. Noch nie hat ein Künstler so gesungen und getanzt wie er. Fred Astaire, sein grösstes Vorbild, wird ihn am selben Abend anrufen und ihm gratulieren.

Michael Jackson, das achte von zehn Kindern aus einem Armenviertel in Gary, Indiana, begann seine Karriere als Wunderkind; jetzt ist er 24 Jahre alt. Zusammen mit seinem Produzenten Quincy Jones hat er die erfolgreichste Platte der Welt aufgenommen, sie wird sich über 100 Millionen Mal verkaufen. Für «Thriller» haben der Sänger und sein Produzent aus 200 Songs neun ausgewählt, vier davon hat Michael Jackson geschrieben. Er steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Was er und seine Fans nicht ahnen können: Wie tief der Star aus dieser Höhe in die Hölle fallen wird: seine eigene. Denn er wird als serieller Kinderschänder angeklagt. Und muss sich dem wiederholten Vorwurf stellen, junge Fans systematisch missbraucht zu haben. Je bleicher sein operativ verunstaltetes Gesicht aussieht, desto abstossender mutet sein Verhalten an. Der Star verkommt zum Freak mit Schimpansen, einem infantilen Egozentriker mit Kinderstimme, der sich einem hysterischen Gesundheitswahn verschreibt, pro Tag 700 000 Dollar ausgibt, in der Öffentlichkeit mit einer flackernden Abfolge von Paranoia und Grössenwahn auftritt, in Interviews mit verstörenden Aussagen auffällt, drogensüchtig wird und immer deutlichere Züge einer schwer gestörten Persönlichkeit offenbart.

Bis er dann am 25. Juni 2009 jäh zu Tode kommt. Es passiert während der Proben zu einer neuen Welttournee, die Jackson von allen Vorwürfen, Zweifeln und Geldschulden befreien sollte. Der Fünfzigjährige stirbt an einer Überdosis Propofol, das ihm sein Hausarzt zum Schlafen spritzt und das sonst zur Narkose eingesetzt wird. «Fuck it all» nennt der Komiker Robin Williams die Wirkung der Substanz. Michael Jackson spricht von ihr als «schwarze Milch», die Bezeichnung klingt metaphorisch: schwarz wie seine Herkunft und weiss wie seine Haut, düster wie seine Sexualität und grell wie seine Inszenierung als christusähnliche, von einem Kinderchor flankierte Erlöserfigur.

Wie bei Elvis Presley geht mit Michael Jacksons Tod nicht eine Karriere zu Ende, sondern es fängt eine neue an. Seine Erbengemeinschaft lanciert ein Musical über ihn, der kanadische Cirque du Soleil präsentiert in Las Vegas eine Dauershow mit seinen Songs, es erscheinen immer neue Dokumentationen, Kompilationen und Remixes von ihm.

Letzte Ausgabe dieser kollektiven Geldmacherei ist der neue, über zweistündige Spielfilm «Michael», der Ende April ins Kino kommt – und das ist bloss der erste Teil. Der afroamerikanische Regisseur Antoine Fuqua hat den Film mit Jacksons Neffen Jaafar in der Hauptrolle inszeniert. Er zeigt Jackson als hochbegabten, wenn auch unglücklichen Künstler, der mit seinen Brüdern von einem brutalen Vater zum Erfolg gedrillt wird. Und der als Erwachsener an chronischer Einsamkeit leidet.

Zwar war geplant, im Film auch die Missbrauchsklagen gegen den Musiker zu inszenieren – als Abfolge von Diffamierungen geldgieriger Eltern mit Michael als ihrem Opfer. Aus rechtlichen Gründen musste dieser Teil des Filmes aber neu gedreht werden. Er endet nun während Jacksons zweiter Welttournee von 1993, also noch bevor erste Missbrauchsklagen bekannt wurden.

Weil aber alles Verdrängte wiederkehrt, wie Sigmund Freud erkannte, werden auch die Vorwürfe gegen Michael Jackson immer wieder laut. Im August 2019, zehn Jahre nach Jacksons Tod, präsentiert der britische Dokumentarfilmer Dan Reed am Sundance-Festival seine vierstündige Recherche «Leaving Neverland». Er porträtiert zwei beschädigte Männer, die detailliert und glaubhaft schildern, wie Michael Jackson sie als Buben von ihren Familien isolierte, psychologisch gefügig machte und dann missbrauchte. Was sie als sexuelle Gewalt traumatisierte, verklärte er zum Ausdruck von Liebe. Sogar eine symbolische Hochzeit mit einem der Jungen liess er veranstalten. Eine zweite Folge von Reeds Dokumentation erschien 2025. Bis heute bekommt der Regisseur von derangierten Fans Morddrohungen. Vor kurzem hat die BBC ihre neue, dreiteilige Serie «An American Tragedy» ausgestrahlt, die Jacksons Leben, Wirken und Niedergang rekapituliert. Die Dokumentation geht sorgfältig vor. Und erweist sich gerade deshalb als deprimierende Erfahrung.

Aber weder die Verkitschung von Michael Jacksons Leben noch die Pathologisierung seiner Person können erklären, was ihn als Künstler auszeichnete – als Sänger, Songschreiber, Performer, Produzent, Charismatiker, Tänzer, Videopionier. In einem Essay erinnert der Musikkritiker Nelson George daran, zu was für einem überragenden Performer sich Michael Jackson hochgesungen hatte. Er habe die Soulstimmen von Marvin Gaye, Stevie Wonder und Ray Charles mit dem kurzen, harten, rhythmisierten Sprechgesang des Hip-Hop auf unnachahmliche Weise kombiniert, schreibt er. Auf seinen wichtigsten Alben «Off the Wall», «Thriller» und «Bad» habe sich der Sänger als Meister einer Technik etabliert, die Verletzlichkeit, Intimität und urbane Härte zusammenbringe.

Das alles wurde über 50 000 Zuschauerinnen und Zuschauern jäh bewusst am 16. Juni 1988 im Basler Stadion St. Jakob. Dort trat Michael Jackson mit seiner Band und seinen Tänzern auf und führte uns eine elektrisierende Show vor. Sie begann mit «Wanna Be Startin’ Something», dieser hypernervösen Tanznummer aus dem «Thriller»-Album. Über zwei Stunden später sang der Bandleader dann «Billie Jean». Und tanzte dazu seinen Moonwalk, glitt über die Bühne, als gälte für ihn keine Schwerkraft.

Als Mann fügte Michael Jackson mehreren Kindern schwere Schäden zu, als Künstler beglückt er sein Publikum bis heute. Er handelte unverzeihlich und bleibt unwiderstehlich. Dieser Widerspruch bleibt ungelöst; wir müssen ihn aushalten.

Die Weltwoche
23.04.2026