Wer nicht glauben konnte, dass die amerikanische Musikerin jeden Abend ein dreieinhalbstündiges Konzert als Sängerin schaffte und dazu noch tanzte, wird das Folgende nun wenig überraschen: Wie die Website «Wings of Pegasus» des englischen Musikers Fil verkündet, ersetzte die Sängerin auf ihrer letzten Welttournee den Live-Gesang zumindest teilweise durch Playback.
Zum Beweis kopierte Fil eine Gesangspassage aus drei verschiedenen Konzerten ihrer letzten Welttournee sowie einem Film-Trailer zur «Eras-Tour». Die Amplituden der vier Aufnahmen verglich er auf einem Audio-Screen. Und es zeigte sich, dass alle vier Spuren exakt gleich verlaufen. Zu solcher Präzision ist die menschliche Stimme nicht in der Lage.
Mit seiner elektronischen Beweisführung bestätigte Fil den Verdacht von Taylor Swifts Kollegen Dave Grohl, der schon vor Jahren von der Bühne herunter behauptet hatte, seine Kollegin sänge ihre Stücke nicht live. Da Taylor Swift mitunter Fehler macht an Konzerten oder mit dem Atem ringt, kann man wohl davon ausgehen, dass die Sängerin nur stellenweise auf Playback setzt: etwa wenn sie besonders wild tanzen muss oder am Ende eines langen Konzerts. Das allerdings hat man schon bei anderen Konzerten erlebt – von Mick Jagger bis Michael Jackson.
So kann man bei Taylor Swift wenigstens davon ausgehen, dass sie teilweise live singt, während man bei Sängerinnen wie Madonna fast davon ausgehen musste, dass bestenfalls ihre Ansagen live und authentisch waren. Bei Bob Dylan wiederum würde man sich manchmal wünschen, er würde sein Mikrofon gar nicht erst anschalten.
Aus mehreren Gründen also dürften die Enthüllungen des jungen Briten keine schwerwiegenden Folgen haben für Taylor Swifts weitere Karriere. Dem Publikum, das eine Show erleben möchte und keinen Dokumentarfilm, geht es nicht um vokalen Purismus. Die Leute sind vom Fernsehen her sowieso schon an Playback gewöhnt. Und schliesslich gibt es keine andere Kunstgattung, bei welcher die Beteuerung von Authentizität dermassen unaufrichtig wirkt wie beim Pop. Madonnas Konzerte sind so sehr auf Reproduktion hin konzipiert, dass der Auftritt selber langweilt und erst in seiner filmisch zurechtgeschnittenen Fassung zum Ereignis wird.
Immerhin hat Madonna als feministische Pionierin mit ihren kalkulierten Tabubrüchen, Provokationen und Rollenspielen aber etwas dargestellt – aufregende Frauenfiguren zum Beispiel oder das biedere Gegenteil davon. So wurde sie gewissermassen authentisch in ihren Inszenierungen.
Das kann man von Retorten-Bands wie Milli Vanilli nicht sagen, die nicht einmal im Studio ihre Lieder sangen, sondern diese bloss als Auftragstänzer vor der Kamera mimten. Schon in den sechziger Jahren wurde die Phantomgruppe The Monkees als amerikanische Antwort auf die Beatles für eine Fernsehserie zurechtgekämmt. Mit dem Aufkommen von MTV in den achtziger Jahren wurde der optische Eindruck und damit der inszenatorische Charakter von Auftritten noch wichtiger. «Heute gehen die Bands zum Coiffeur statt ins Studio», kommentierte dies Frank Zappa.
So gesehen kann man dem deutschen Schlager-Duo Modern Talking mit Thomas Anders und Dieter Bohlen einen geradezu metakommunikativen Humor attestieren. Als die beiden bei einem Konzert im Zürcher Volkshaus auf die Bühne kamen, trat der Sänger Anders vor das Mikrofon und sagte: «Band ab.» Aber vielleicht lief das Band da bereits.